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Bild: iStock
Virtuelle Stadttour

Berlin Geschichte erleben: Mit App auf Entdeckungstour

Siegessäule oder Reichstag, Hallesches Tor oder Platz der Luftbrücke: Jede Straße in Berlin, fast jedes einzelne Gebäude hat eine Geschichte zu erzählen. Mit der „berlinHistory“-App, über die selbst alteingesessene Berliner noch jede Menge Wissenswertes über ihre Stadt erfahren. Zugereiste und Touristen sowieso. Die Berliner Akzente haben die kostenlose Anwendung aufs Smartphone geladen.

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riane ist mal wieder zu früh. Noch sind die Freundinnen nicht eingetroffen, mit denen sich die Charlottenburgerin zum Bummel über den Ku’damm verabredet hat. Also heißt es Wartezeit zu überbrücken. Ariane setzt sich auf den Bordstein, drückt auf den „berlinHistory“-Button auf ihrem Handy, öffnet die Karte.

Heute Applestore gestern geheimer KGB Treffpunkt

Mal sehen, ob es hier in der Umgebung etwas zu entdecken gibt. Der blaue Punkt mit dem dünnen weißen Kreis zeigt ihren Standort an. Da, ganz in der Nähe: ein roter Punkt. Das Zeichen für einen geschichtsträchtigen Ort. „Treffpunkt des KGB“, liest Ariane, „versteckt in der Öffentlichkeit“.

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Bild: Shutterstock / Screenshot berlinHistory-App [Montage]

Die 21-jährige Wahl-Berlinerin fährt mit dem Finger über den Punkt: Dass sich im Gebäude Kurfürstendamm 26, das heute einen Apple-Shop beherbergt, bis zur Jahrtausendwende ein Kino befand, wusste sie nicht. Noch viel spannender findet Ariane aber, was sie dann erfährt: „Während des Kalten Krieges dienten dieser öffentliche Ort und das angeschlossene Café dem sowjetischen KGB als geheimer Treffpunkt zur Anwerbung von Agenten.“ Ein Geheimdiensttreff mitten in ihrem Kiez? Das muss sie ihren Freundinnen erzählen.

History App: "Das Anti-Hashtag-Prinzip"

Genau so hat sich „berlinHistory“-Erfinder Rainer Klemke das vorgestellt: „Das ist ja gerade die Besonderheit unserer App“, erklärt der umtriebige 70-Jährige, „dass ich beim Blick auf die Karte alles angezeigt bekomme, was es rings um den Ort herum gibt, an dem ich gerade bin“. Klemke nennt das das „Anti-Hashtag“-Prinzip. „Wir stoßen Leute ganz zufällig auf Dinge, während die durch ihren Kiez spazieren“, erklärt der gebürtige Berliner. „Da sagen die dann zum Beispiel – ach guck mal, da gegenüber hat Einstein gewohnt. Und dann kann ich natürlich ganz gezielt das Stichwort Einstein eingeben und beispielsweise erfahren, dass er einen Kleingarten in Spandau hatte und seine Brötchen beim Bäcker am Bayerischen Platz gekauft hat.“

Berliner Geschichte hautnah erleben

Mehr als 1.000 Punkte kann man auf Klemkes App mittlerweile anklicken. Aber das Projekt stehe ja erst am Anfang, sagt der Unruheständler, der vor seiner Pensionierung das Gedenkstättenreferat bei der Berliner Kulturverwaltung leitete. Perspektivisch sollen es 50.000 Points of interest werden.

Rainer Klemke
Rainer Klemke. Bild: privat

„Unsere App ist ja kein Geschichtsbuch mit einer fixen Seitenzahl, sondern wächst täglich. Es gibt ja auch so unendlich viele Geschichten…“ Wohl wahr. Als Ariane das nächste Mal am Hauptbahnhof auf den Regionalexpress wartet, um nach Potsdam zur Uni zu fahren, zückt sie ihr Handy. So wie es viele ihrer Kommilitonen auch machen. Nur, dass die eine schnelle WhatsApp-Nachricht schreiben oder in den sozialen Netzwerken surfen.

Per Click durch die Geschichte der Hauptstadt

Ariane klickt auf den orangefarbenen Punkt in ihrer berlinHistory-Karte: 2006 ist der Berliner Hauptbahnhof also eröffnet worden, kurz vor Beginn der Fußball-WM in Deutschland. 300.000 Leute sind hier täglich unterwegs. Daneben auf der Karte ist noch ein blauer Punkt. Aha, hier wird Geschichtswissen über den Vorgängerbau vermittelt, den Lehrter Bahnhof von 1871. „Hast du eigentlich gewusst, dass da am 5. November 1918 gegen Abend rund 350 Marinesoldaten aus Norddeutschland eintrafen?“, fragt sie später bei der Zugfahrt ihre Freundin Mariam. Die schüttelt den Kopf, Ariane kann mit Geschichtswissen brillieren: „Im Norden des Landes war da der Aufstand gegen Krieg und militärische Obrigkeit schon voll im Gange. In Berlin war aber von Revolution noch nicht viel zu spüren. Und die Matrosen sind am Lehrter Bahnhof auch gleich verhaftet worden.“

Berliner Geschichte kennenlernen

Weil sie das, was sie über die App erfahren hat, so spannend findet, kann Ariane die Quelle ihres Wissens nicht länger für sich behalten. Die Freundin wischt mit dem Zeigefinger übers Handy. Ein Stückchen nördlich des Hauptbahnhofs ploppen wie an einer Perlenschnur rote Punkte auf. „Spitzel im Turm“, liest Mariam eine Überschrift. Sie hat den Standort des Klinik-Hochhauses der Charité angeklickt. „Wusstest du, dass es da im Dachgeschoss zu DDR-Zeiten eine Abhörstation gab?“, fragt sie Ariane. „Und da am Grenzübergang Invalidenstraße haben am 12. Mai 1963 DDR-Grenzpolizisten auf einen gestohlenen Linienbus gefeuert. Mit dem wollten acht junge Frauen und Männer nach West-Berlin flüchten. Drei wurden schwer verletzt, alle verhaftet.“

Berliner entdecken Berlin neu

Ariane und Mariam sind genau die Nutzer der App, die Rainer Klemke im Blick hat: „Mehr als 60 Prozent der Berliner sind nicht hier geboren, keine andere deutsche Stadt hat mehr Zuzug. Wir wollen den Weg ebnen, damit diese Leute einen Bezug zu den einzelnen Orten in der Stadt bekommen“, erklärt er. Aber auch Experten, die schon jede Menge über Berlin wissen, würden sicher die eine oder andere Überraschung erleben, ist Klemke überzeugt. „Wir zeigen nicht die üblichen Ikonenbilder, die jeder kennt.“ Der Verein „berlinHistory“ arbeitet fast ausschließlich mit frei nutzbaren Bildern. „Da müssen wir kein Geld für Bildrechte ausgeben, denn wir arbeiten ja ehrenamtlich“, sagt Klemke, „aber viel wichtiger ist die damit verbundene neue Bildqualität.“

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Schinkelsche Bauakademie. Bild: Shutterstock / Screenshot berlinHistory-App [Montage]

Anhand von Fotos, Tonaufnahmen und Videos, Zeitzeugen-Berichten, historischen Karten oder Vorher-Nachher-Bildern will Klemke die Geschichte seiner Stadt erlebbar machen. Dass er sich jede Menge vorgenommen hat, ist dem 70-Jährigen bewusst. „Aber wir sind ja nicht allein, haben mehr als 50 Kooperationspartner – von der Stiftung Berliner Mauer über die Stiftung Stadtmuseum Berlin, das Landesarchiv bis zur Landeszentrale für politische Bildung. Und mittelfristig kann jeder Wissen beisteuern. Die „berlinHistory“-App ist als offene digitale Plattform angelegt. „Neben Museen und Archiven können auch Heimatforscher oder Bürgerinnen und Bürger Infos liefern“, erklärt Klemke, „wie bei Wikipedia“.

Die Berlin.History App finden Sie hier zum Download >>

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