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Lebenshilfe

Berlin sucht das Glück

Mit dem Leben zufrieden sein: Das ist das Ziel des „Bruttonationalglücks”, das der südasiatische Staat Bhutan in der Verfassung für seine Bürger anstrebt. Auch hierzulande haben sich Experten und Aktivisten der Vermehrung von Glück verschrieben. In Berlin gibt es für sie viel zu tun: Im deutschen „Glücksatlas” rangiert die Hauptstadt auf einem der hinteren Plätze.

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as Glück lässt sich messen. Bereits zum sechsten Mal ermittelte der „Glücksatlas” der Deutschen Post das Wohlergehen der Deutschen. Im Bundesland-Ranking führt dort Schleswig-Holstein, wo die Menschen die größte „Lebenszufriedenheit” angeben. So nennen Glücksforscher das langfristige Glück, also die Selbsteinschätzung aller Lebensumstände. Bin ich gesund, habe ich einen vernünftigen Job, Familie und wohne ich in einer Umgebung, die mir gefällt, dann ist meine Lebenszufriedenheit sehr hoch. Genau dies haben die Bewohner im nördlichsten Bundesland mehrheitlich bestätigt.

Berlin rangiert auf dem Glücksindex weit unten

Anders als die Berliner und Brandenburger. Sie rangieren ziemlich weit unten auf dem Glücksindex. Nur die Bewohner von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind noch weniger zufrieden mit ihrem Leben. Anlass genug für eine Reise auf der Suche nach dem Glück in Berlin. Wo hat es sich versteckt? Wer weiß, wie das Glück funktioniert?

Wichtiger als Glück ist Sinn. Philosoph Wilhelm Schmid

1. Bleiben Sie realistisch

Unser erster Glücksexperte ist der Philosoph Wilhelm Schmid. Er lebt schon ewig im unglücklichen Berlin und hat hier trotzdem einige Bestseller zu Glück und Lebenskunst geschrieben. Auf seine Ratschläge hören viele Deutsche und sogar die ohnehin als superglücklich geltenden Dänen. Tatsächlich war Schmids kleine Fibel „Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist” auch in Skandinavien ein großer Erfolg.

Da Glück auch durch den Magen geht, treffen wir den Glücksexperten im Steak-Restaurant „Oje de Agua” von Yello-Sänger Dieter Meier. Dieser hatte mit allem Glück, was er in seinem Leben angepackt hat, der Ort in Wilmersdorf müsste also positiv aufgeladen sein.

Wilhelm Schmid geht bei Rotwein und Vorspeise zurück in seine Kindheit in der bayerischen Provinz. „Meine Eltern haben niemals den Ausdruck Glück benutzt. Für die war klar: Das Leben ist schwer. Es ist schon viel geschafft, wenn man einigermaßen gut durchkommt, wenn man die Kinder – sechs in diesem Fall – großziehen kann und sie nicht verhungern”, berichtet Schmid. Und schließt melancholisch: „Das Schöne ist: Meine Eltern waren die glücklichsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Denn ihre Erwartungen waren denkbar niedrig.”

2. Genießen Sie das kleine Glück

Glücklich sein ist also ein Stück weit Einstellungssache. Nicht Romantiker sind die glücklichsten Menschen, sondern Realisten? „Glück kann Menschen auch in eine Krise stürzen”, führt der Philosoph weiter aus. „Der Glauben, das ganze Leben müsste ein einziges Glück sein, macht viele Menschen unglücklich. Wenn das der Maßstab ist, kann man nur verlieren.”

Happy Huepfing
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Schmid führt als Beispiel eine typische Familiensituation an. „Jeder, der Kinder hat – ich habe vier – weiß, dass Kinder nicht 24 Stunden am Tag glücklich machen. Kinder machen auch Stress, sie schreien mal, haben Bedürfnisse. Wenn Eltern also meinen, Kinder müssten per se glücklich machen, dann werden sie unglücklich. Wenn ich aber akzeptiere, dass auch Stress dazu gehört, dann wird mir etwas zuteil, das nach meiner Überzeugung viel, viel wichtiger ist als Glück, nämlich Sinn.”

Aber abgesehen von diesem langfristigen, sinnstiftenden Glück sei auch die kurzfristige Variante wichtig für den Menschen. Dieses kleine Glück ließe sich selbst bestimmen. Im Französischen gäbe es dafür den Begriff „La bonne heur” – die gute Stunde. „Jeder muss für sich selbst herausbekommen, was es ist, das mich für diese Stunde glücklich macht. Ist es ein guter Wein, ein Gespräch mit einem guten Freund oder ein Kinobesuch? Auch ein gutes Essen wie jetzt gerade kann glücklich machen”, so Schmidt. Er selbst habe daraus das individuelle Ritual entwickelt, das kleine Glück bei einem guten Espresso in wechselnden Berliner Cafés zu suchen. Schließlich sieht der 64-Jährige im kurzzeitigen Glück den evolutionären Sinn, dass es dem Menschen Erholungsphasen bringt. „Permanentes Glück würde also gar keinen Sinn machen, es würde das Leben lahmlegen.”

3. Streben Sie nach Zufriedenheit

Nachdem die Philosophie gesprochen hat, wollen wir die Wissenschaft befragen. Denn es gibt sie tatsächlich, die ganz offizielle Glücksforschung. An der Universität Magdeburg im ebenfalls statistisch eher unglücklichen Sachsen-Anhalt fahndet der Volkswirtschaft-Professor Joachim Weimann nach dem Glück. Er vertritt die streitbare These, dass Geld doch glücklich mache. In seinem Büro hängen eingerahmte Banknoten aus der Inflationszeit, ein paar Millionen hinter Glas.

„Die Glücksforschung unterscheidet sich von den Glücks-Ratgebern dadurch, dass sie empirisch vorgeht. Wir versuchen Daten von Menschen auszuwerten, die etwas über deren Lebenszufriedenheit aussagen”, erklärt Weimann sein Berufsbild. Als Profi unterscheidet er zwischen „affektivem Glück” und Lebenszufriedenheit. Das affektive Glück meint alles, was wir nicht selbst beeinflussen können. „Wenn Eltern ihr Kind in den Arm nehmen, dann empfinden Sie automatisch Glück. Davon zu unterscheiden ist die Lebenszufriedenheit, die man empfindet, wenn man sein Leben insgesamt bewertet.” Die Forschung kann im Prinzip nur Letzteres wirklich betrachten.

Anstiftungen zum Glücklichsein

Die Künstlerin und „Glücksministerin” Gina Schöler hat das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden” initiiert. In ihrem Buch „Das kleine Glück möchte abgeholt werden” hat sie viele Ideen zusammengetragen, wie sich das große Glück im Kleinen erzeugen lässt.

  • Geh barfuß spazieren.
  • Erzähle vertrauten Menschen, wofür du ihnen dankbar bist.
  • Mach einem fremden Menschen ein Kompliment.
  • Lade jemanden auf einen Spielplatz ein.
  • Geh einem Hobby nach, das du als Kind hattest.
  • Stapfe durch Herbstlaub.
  • Schenk dir selbst Blumen.
  • Erlaube dir eine kulinarische Sünde.
  • Sei mal einen Tag offline und nicht erreichbar.
  • Fahr ans Meer.
  • Nimm eine fremde Person mit unter den Regenschirm.
  • Wirf deine To-do-Liste weg.

www.ministeriumfuerglueck.de

4. Sorgen Sie für den äußeren Rahmen

Aber wie ist das mit dem Kontostand? Die Frage, ob Geld glücklich macht, ist nämlich etwas vertrackt. Im Extremfall, also bei einem millionenschweren Lottogewinn, sind laut Weimann die Menschen schon erst einmal sehr glücklich im emotionalen Sinne, „aber nach einiger Zeit reduziert sich ihre Lebenszufriedenheit wieder. Lottogewinner sind nach dem Gewinn auch langfristig glücklicher als vorher, aber eben nicht so dramatisch, wie man vielleicht meinen sollte”.

Die Chance auf einen Lottogewinn liegt ohnehin im Promillebereich, trotzdem rät Weimann, das Finanzielle nicht zu unterschätzen: „Bei der Frage, ob Geld glücklich macht, haben viele Menschen gleich die Dagobert-Duck-Assoziation, wo ein Millionär durch ein Meer aus Goldmünzen in seinem Geldspeicher schwimmt. Dass Geld als solches glücklich macht, ist natürlich nicht der Fall”, betont der 61-Jährige. „Aber wenn Sie keine Not leiden, dann haben Sie einfach mehr Möglichkeiten, was Menschen offenbar als angenehmer empfinden. Sie können weiterhin ein kleines Auto fahren, müssen es aber nicht.”

5. Suchen Sie nach dem Sinn

Vieles, was wir heute als Lebensqualität wahrnehmen, brauche eine finanzielle Basis. „Eine saubere Umwelt ist auch eine Geldfrage. Gleiches gilt für Kulturgüter und unsere Infrastruktur”, so Weimann. „Geld macht glücklich, weil wir uns damit die Dinge leisten können, die für eine hohe Zufriedenheit wichtig scheinen. Ein gesichertes Auskommen gibt uns die Gelegenheit, gesünder zu leben und uns besser zu bilden, zu kleiden, zu ernähren und bequemer zu wohnen.”

Himmel Ueber Berlin
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Aber auch wer weniger verdient, könne natürlich glücklich leben. Insbesondere eine sinnstiftende Aufgabe sei einer der wichtigsten Faktoren für Lebenszufriedenheit. „Menschen, die nicht arbeiten, sind tendenziell weniger zufrieden als Menschen, die arbeiten”, resümiert Volkswirtschaftler Weimann. Damit bestätigt die empirische Wissenschaft, was der Philosoph Bertrand Russel schon vor 50 Jahren zusammenfasste: „Wenn die elementaren Bedürfnisse befriedigt sind, hängt das Glück der meisten Menschen von zwei Dingen ab: ihrer Arbeit und ihren sozialen Beziehungen.”

6. Nehmen Sie Ihr Glück in die Hand

Zurück in Berlin suchen wir nach dem sichtbaren Glück in der Hauptstadt. In Mitte gibt es bereits seit 15 Jahren den „Kauf dich glücklich”-Laden und noch nicht ganz so lange das „Glück Berlin”. Dahinter verbirgt sich eine Werbeagentur mit erfahrenen Profis, die vorher in großen Agenturen gearbeitet haben. Nun versuchen sie gemeinsam, eine glücklichere Agentur zu schaffen, wie Mitgründer Bastian Meneses von Arnim erklärt: „Wir haben alle auf etwas Geld verzichtet, müssen dafür aber auch keine Nachtschichten mehr schieben wie früher. Das macht uns auf lange Sicht glücklicher.”

Auch Kirsten Peters hat für das persönliche Glück ihre Arbeitssituation verändert. Zusammen mit ihrem Ehemann gründete die Kauffrau vor vier Jahren in Kreuzberg den gesunden Imbiss „Glück to go”, der inzwischen für seine vegetarischen Burger berühmt ist. „Wir bieten Essen an, das glücklich macht, weil es den Körper nicht beschwert und für eine gewisse Leichtigkeit sorgt”, erklärt Peters, die ihre Leidenschaft fürs Genießen zum Beruf machen wollte.

Berliner Glücks-Links

Kauf dich glücklich
Online-Shop für Mode sowie Adressen der Läden, des Outlets und Cafès unter
www.kaufdichgluecklich-shop.de

Werbeagentur Glück Berlin
www.glueckberlin.de/

Glück to go
„Der Wellfood-Imbiss”
www.glueck-to-go.de

„Glücklich wird man nur, wenn man auch mit Dingen, die einem nicht passen, positiv umgehen kann”, lautet das Credo von Kirsten Peters. Dafür sollte sie gleich nach der Geschäftseröffnung den Beweis antreten. Denn damals musste sie mit ansehen, wie ihr ein Baugerüst direkt vor den Laden gesetzt wurde. „Was für ein Rückschlag für den Start”, erinnert sie sich, „das war für den Umsatz katastrophal. Ich habe dann angefangen, das Gerüst mit vielen Blumen zu schmücken, und über Facebook dazu aufgerufen, dieses hässliche Ungetüm zu etwas Schönem zu machen. Dann haben viele Menschen mitgeschmückt, bis sogar in Zeitungen darüber berichtet wurde. Somit war das am Ende ein echtes Glück für uns.”

Autor: Klaus Rathje

Und die Redaktion empfiehlt zum Glücklichsein:
• Einen Blick auf unsere Gastro-Seite: hier finden Sie jede Menge tolle Cafés und Restaurant für die „bonne heur“.
Die Stadt entdecken: Hier finden Sie tolle Ideen für Stadt-Touren, bei denen auch Berliner ihre Stadt neu kennen lernen
• Jede Menge Lebenshilfe-Themen finden Sie überdies in unserer Rubrik “Job & Karriere”, zum Beispiel „Der Trick mit dem Glück“, „Krisen meistern“ oder „Erste Hilfe für Emotionen“.

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