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Titel Fashion-tour
Bild: Jörg Oberwittler
Berliner zeigen ihre Stadt

Freie Fahrt für Fashion

Es gibt sie noch: die kleinen unabhängigen Mode-Läden, die individuelle Berlin-Mode abseits der großen gängigen Mode-Marken bieten. Man muss sie nur finden. Oder die Berlin Fashion Tours kennen: Lilla Fufavi führt Touristen und Berliner zu den modischen Hot-Spots in Berlin. Wir sind mitgefahren.

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ir treffen Lilla Fufavi an einem Samstag vor einem Fahrradladen in der Skalitzer Straße mitten in Kreuzberg. Die nächsten Stunden erwartet uns ein Strampeln zu den Insider-Tipps der Berliner Mode-Läden. Wir werden US-Amerikanerinnen erleben, die sich in wendbare Schlauchkleider verlieben, wir werden Second-Hand-Läden betreten, die schon die Trends von morgen auf der Stange haben, wir werden erfahren, mit welchem Look man ins Berghain kommt – und wir werden Vintage-Shops finden, die Luxusmarken zu wirklich bezahlbaren Preisen offerieren.

Doch zuvor werden wir erst mal unser Rad startklar machen.

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On tour: Mit Lilla Fufavi (rechts) entdecken wir kleine Modeläden abseits der großen Ketten. Bild: Jörg Oberwittler

Lilla Fufavi hat all diese Läden für ihre Fashion-Bike-Tour aufgespürt. Für 45 Euro zeigt sie Berlin-Touristen, wo diese wirklich einzigartige Berlin-Souvenirs kaufen können – abseits der großen Mode-Ketten, die sich mittlerweile in jeder großen europäischen Stadt in trauriger Monotonie in den Fußgängerzonen und Shopping-Malls aneinanderreihen. Mit einem Mix aus Englisch und Deutsch erklärt die gebürtige Ungarin ihr Konzept und nennt als Bedingung für unsere Reportage, dass wir die Namen der Läden nicht verraten, damit ihre Touren weiterhin gebucht werden. Das machen wir natürlich gern.

„Das Konzept meiner Tour ist es, lokale Designer zu unterstützen, Ateliers zu besichtigen und die Produktion von Mode hautnah mitzuerleben.“ Lilla Fufavi

„Läden mit Seele“, fügt sie hinzu. 200 Läden hat sie hierfür besucht und für diese Tour die schönsten sieben ausgewählt. Derweil torkelt ein verstrahlter Passant, der frisch aus einem Club gekommen zu sein scheint, neugierig um die Runde herum. „Was macht ihr denn da?“ Die Touristen kommen aus Budapest, Paris und USA. Der Pariser, der eigentlich unser Foto-Model mimen sollte, guckt müde in die Kamera: „Nein keine Fotos bitte. Ich bin noch eine ‚bottle of vodka’.“ Gestern sei er in einer russischen Bar abgestürzt, berichtet er und stellt sich als Theo vor.

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Laden Nummer Eins zeigt deutsches Design, produziert in der Türkei. Bild: Jörg Oberwittler

Eldorado an kleinen individuellen Mode-Läden

Die Gruppe schwingt sich auf den Sattel und radelt durch den Görlitzer Park Richtung Neukölln. Hier wartet ein Eldorado an kleinen individuellen Läden. In Laden Nummer Eins verkaufen die Designer höchstpersönlich: klares deutsches Design, produziert in der Türkei, ohne Glitter, dafür mit mutigen Materialien. 230 Euro soll ein wasserfester Herrenmantel kosten, der reflektierende Elemente hat. Das wäre doch schon mal ein schönes Berlin-Souvenir. Die Gruppe wühlt sich durch die Kleiderstangen – gekauft wird woanders.

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Teilnehmerin Meghan schlüpft in vegane Schuhe. Bild: Jörg Oberwittler

Nächster Laden: ein Shop ausschließlich für grüne Mode. „Ich liebe die rote Mütze“, ruft US-Amerikanerin Meghan, rennt los und schlüpft dann doch als erstes in vegane Stiefel. Drinnen wartet sogar „organic underwear“ – und nicht nur das, erklärt die Shop-Besitzerin. Es gibt sogar Säcke für Kunstfaser-Kleidung in der Waschmaschine, die ein Auswaschen von Mikroplastikteilen verhindern.

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Waschsäcke sollen verhindern, dass Mikroplastik-Teile aus der Mode ins Wasser kommt. Bild: Jörg Oberwittler

Überraschung in der Herrenabteilung: Mit 99 Euro ist eine Green-Fashion-Jeans gar nicht teurer als eine konventionelle Markenjeans. „Unsere Bio-T-Shirts fangen bei 12 Euro an“, sagt Inhaberin Nicole. Zweite Überraschung: die dänische Marke Knowledge Cotton Apparel hat sich ganz auf Green Fashion für Männer spezialisiert.

„Wer auf Nachhaltigkeit setzt, sollte auch Sachen aus zweiter Hand kaufen. Auch für Allergiker ist Second-Hand optimal, da giftige Stoffe hier schon ausgewaschen sind.“ Lilla Fufavi

Vintage-Shop mit 1980er-Mode

Weiter geht’s nach Neukölln wo ein Vintage-Shop 1980er-Mode anbietet. Theo aus Paris hält ein knallrotes Arbeiter-Hemd mit aufgesetzten Brusttaschen in der Hand, mag aber die Farbe nicht. „Hier gibt es das Hemd auch in Blau – damit kommst du sogar ins Berghain“, sagt Lilla und erklärt uns, dass Vintage für sie eine gute Alternative zu neuer Mode ist. „Es ist sehr nachhaltig, Sachen als zweiter Besitzer zu tragen.“

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Teilnehmerin Saba aus Ungarn probiert eine Mütze. Bild: Jörg Oberwittler

Auch für Allergiker sei Second-Hand top, da hier die meisten Chemikalien bereits rausgewaschen sind. Auch die derzeit angesagten Bauchtaschen hat der Laden zuhauf im zweiten Raum hängen: „Die hatten wir schon bevor die auf den großen Laufstegen der Designer waren“, winkt die Verkäuferin müde ab. Vintage- und Second-Hand-Läden seien Trendpioniere, meint sie. „Was glaubste, woher die großen Designer ihre Inspirationen holen – von der Straße?!“ Unser Pariser Nicht-Foto-Model geht sogar weiter: „Berlin beeinflusst auch Paris modisch. Viele französische Künstler gehen nach Berlin, weil hier die Preise niedriger sind und der Lifestyle besser ist.“ Und dann gehen sie zurück und tragen im Gepäck das Lebensgefühl der Spree an die Seine.

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Party im Laden: Technomusik wummert zum Shopping-Bummel. Bild: Jörg Oberwittler

Unser Pariser trägt allerdings nur Blau. Oder Schwarz. Oder Grau. „Farbe – nein danke. Das machen wir Pariser Männer ungern.“ Für ihn ist der nächste Laden daher nichts: bunte Hüte gibt es hier zu kaufen. Die Designer bügeln Stoffe für Zylinder und Bauchtaschen aus. Sie kleben, pressen, pusten, fixieren – fertig sind die Unikate. „Die blauen Hüte und Taschen waren mal ein Sonnenschirm“, erklärt Inhaber Moritz. „Das ist für uns spannender als neue Stoffe zu kaufen.“ 49 Euro für einen einzigartigen Hut – das geht auch preislich.

Markenware aus zweiter Hand

Gleiche Überraschung auch im nächsten neuen Laden: Hier hat sich der Inhaber auf Markenware aus zweiter Hand spezialisiert.

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Marken-Ware zum Second-Hand-Preis: Auf unser Tour warten richtige Schnäppchen. Bild: Jörg Oberwittler

Hier warten ein Aigner-Weekender für 300 Euro und ein Prada-Anzug mit 50 Prozent Rabatt. Profi-Käufer wie Stylisten oder Fotografen bringen hier wenig getragene Kleidung vorbei, die es sogar in Nicht-Model-Maßen wie Männergröße 50 oder 52 gibt. Hier finden Berliner wie Touristen wahre Schnäppchen: ob von Gucci aus Italien oder von Sissi Goetze aus Berlin.

Im Keller Techno und Berlin-Mode

Wie im Berghain wirkt einer der letzten Läden unserer Fashion-Tour: Zwei Männer mit Nasenring und Muskel-Shirt begrüßen uns mit müden Mundwinkeln. Aus den Boxen im Laden dröhnt Techno-Musik, dazu blinkt Neon-Licht. Der eigentliche Kleider-Schatz befindet sich im Keller, den man durch eine Luke im Boden betritt. „Für mich ist dieser Laden typisch Berlin“, freut sich Lilla und die Teilnehmer nicken bereits sichtlich erschöpft.

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Für die einen eine Keller-Luke – für die anderen der Weg zu richtig cooler Berlin-Mode. Bild: Jörg Oberwittler

Mehr als drei Stunden sind alle bereits auf den Beinen und auf dem Fahrrad. „Eine großartige Tour“, freut sich US-Amerikanerin Meghan, die in Schweden wohnt und mit ihren Freunden einen Abstecher nach Berlin gemacht hat. „Hier sehen wir wirklich genauso Diamanten wie den ursprünglichen Charme Berlins“. Sie schlüpft am Ende in ein ganz besonderes Kleid, das sie einmal als Pullover und einmal als Kleid tragen kann. „Das nehme ich!“, ruft sie. Genug Berlin-Souvenirs für heute. Genügend modische Diamanten geschürft. Ab nach Hause.

Wer auch bei der Berlin Fashion Tour mitfahren oder mitlaufen möchte: Mehr Informationen auf www.berlinfashiontours.com. Weitere Touren-Themen sind: Designer, Green, Vintage und Upcycle. Berlin Fashion Tours macht überdies private Touren und bietet einen Personal Shopping Service.

Berlin ist bunt und einzigartig. Noch mehr außergewöhnliche Stadttouren durch das besondere Berlin entdecken Sie in unserer Rubrik: Wir zeigen euch die Stadt.

Mehr über Mode...

…finden Sie auf www.style-statements.de. Auf dem Blog Style Statements bloggt unser Kollege und Redakteur Jörg Oberwittler über Mode-Themen, erklärt die Herkunft von Kleidungsstücken und beleuchtet wie man nachhaltig und klüger Mode einkauft.

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