Einfach mal abschalten
Bild: Shutterstock
Digital Detox

Einfach mal abschalten

Smartphones können fast alles. Aber machen sie auch glücklich? Wie wär’s mit einer Auszeit vom Handy? Mit echten Erlebnissen statt digitaler Reizüberflutung? „Digital Detox” – digitale Entgiftung – heißt der neue Trend. Das heißt: vom Bildschirm aufblicken und die Welt neu entdecken.

P

ing! Gerade ist Anna Gerold eingedämmert, als sie dieser Ton aus dem Schlaf reißt. Kurz, aber durchdringend. Sie tastet nach ihrem Handy. „Die Party ist der Brüller”, liest sie die WhatsApp-Nachricht. Ein Freund hat ihr ein Bild geschickt, er im Kreis von einander sich zuprostenden Jungs. „Dafür hat der mich geweckt?”, fragt sich die 21-jährige Biologie-Studentin genervt. Dennoch behält sie das Smartphone in der Hand, checkt auf dem in der Dunkelheit bläulich schimmernden Display noch mal ihre Mails, sagt ihren Freunden schließlich auf Facebook „Gute Nacht”.

Rund um die Uhr erreichbar zu sein – das ist Segen und Fluch zugleich. Klar ist es praktisch, mit den Kindern zu skypen, wenn sie weit weg sind. Und toll, über Facebook Freunde in aller Welt zu haben. Doch immer mehr Leute haben die Nase voll von der Nachrichtenflut, den ständigen Mails, Tweets, Kurznachrichten auf dem Handy. Infos, die sie nicht brauchen. Oder zumindest nicht jederzeit.

„Ab 18 Uhr wieder erreichbar”

„Um nach einer Störung wieder in den Konzentrationsmodus zu kommen, kann es 20 Minuten dauern”, weiß Kommunikationsexpertin Ulrike Stöckle. Und nicht nur „Digital Natives”, mit dem Smartphone aufgewachsen, hätten oft Schwierigkeiten, digitale und reale Welt zu trennen. Rainer Westphal (54) greift bei Gesprächen mit Geschäftspartnern ebenso wie beim Abendessen mit der Familie oft zum Smartphone, hält es manchmal minutenlang umklammert. Kein Einzelfall, sagt Stöckle. „Leute fassen sogar in ihre Taschen, wenn da gar kein Handy ist”, berichtet sie von ihren Digital-Detox-Seminaren ( siehe Interview ). „Phantomgreifen”, benennt sie das Phänomen.

Time Out
Eine Handy-App macht die Auszeit möglich: Anrufer bekommen den Hinweis: „Erst ab 18 Uhr wieder erreichbar.“ Bild: Shutterstock

Ein Punkt, an dem auch Michael Dettbarn angekommen war. Ständig war der 32-jährige Berliner online, las Mails gleich nach dem Aufstehen. Wer den Kommunikationswissenschaftler heute anruft, bekommt öfter mal ein Besetztzeichen – und per SMS die Auskunft „Michael Dettbarn ist ab 18 Uhr wieder erreichbar.” Der späte Nachmittag, das ist die Zeit, in der er seinen dreijährigen Sohn von der Kita abholt, mit ihm auf den Spielplatz geht und sich nicht stören lassen will. Muss er auch nicht mehr – und hat dank der von ihm mitentwickelten App „Einfach abschalten” dabei auch gar kein schlechtes Gewissen. Eine App fürs Handy für Auszeiten vom Handy? Als das Start-up „Offtime” die App entwickelte, ernteten Dettbarn und seine Kollegen anfangs Kopfschütteln. „Kannst das Ding doch ausschalten, wenn’s dich stört”, hieß es dann.

Ausgerechnet eine App hilft bei der Kontrolle des Onlineverhaltens

Viele Handy-User seien dazu nicht diszipliniert genug, sagt Dettbarn. Manche hätten Sorge, etwas zu verpassen oder Anrufer vor den Kopf zu stoßen. „Bekommen die aber die Nachricht, wann der Angerufene wieder erreichbar ist, macht es das für beide Seiten leichter und planbarer.” Das Prinzip der Abwesenheitsnachricht bei Urlaub wolle er in den Alltag bringen und so Ruhemomente in der Arbeitswelt schaffen. Manager, die sich eine Stunde pro Tag eine Auszeit von digitalen Medien gönnen würden, seien produktiver – „den ganzen Tag lang.” Das sei messbar, verweist Dettbarn auf Forschungsergebnisse der Humboldt-Universität Berlin. Der dortige Fachbereich Arbeitspsychologie hat die Offtime-Tüftler bei der Entwicklung ihrer App begleitet.

Die kostenlose Basisversion ermöglicht es, sich Auszeiten von Telefon, SMS oder E-Mail zu nehmen. Wenn unbedingt nötig, kann man Ausnahmen definieren. Dann kommt der eine Geschäftspartner noch durch den Kommunikationsfilter, auf dessen Mail man dringend wartet. Oder der kranke Vater, der anruft, wenn er Hilfe braucht. Wer bereit ist, fürs Ungestörtsein zu bezahlen, kann eine Variante aufs Smartphone laden, die sich mit dem eigenen Kalender verbindet. Ist dort ein Meeting eingetragen, schaltet sich das Handy für dessen Dauer automatisch ab. „Dafür zahlt man, was einem eine Stunde Ruhe wert ist”, berichtet Dettbarn. „Das gibt Leuten zu denken, manche buttern auch mal 50 Euro rein.”

„Offline ist neuer Luxus“ Alexander Steinhart, Psychologe

Ebenso wie andere inzwischen verfügbare Apps zeigt die Erfindung von Dettbarn und seinem Team auch an, wie intensiv man sein Handy nutzt. „Manche sind schon extrem überrascht, wenn sie merken, dass sie 40 oder 50 Mal am Tag zum Smartphone greifen.” Das Gerät abzuschalten bedeute ja nicht, isoliert zu sein, plädiert Offtime-Mitgründer und Psychologe Alexander Steinhart für bewussten Umgang mit digitalen Medien. Handy-Auszeiten böten Gelegenheit, wieder zueinander zu finden. „Offline ist neuer Luxus”, sagt Steinhart und vergleicht das Internet mit Junk-Food. „Vor 20 Jahren fanden das alle toll. Erst als die Gefahren von zu viel Fett und Zucker bewusst wurden, fingen wir an, gesunde Alternativen zu fördern.”

„Analog ist das neue bio" André Wilkens, Politikwissenschaftler und Autor

Der Berliner Politikwissenschaftler André Wilkens (52), Autor des Buches „Analog ist das neue Bio”, berichtet von einem Erlebnis, das ihn geradezu geschockt habe: Nach einer Konferenz stellte er fest, dass ihm einer der Teilnehmer währenddessen ein halbes Dutzend Mails geschickt hatte – zu einem anderen Thema. „Der sollte sich doch aufs Meeting konzentrieren”, schimpft er und fragt: „Wo ist der Beipackzettel für Digital?” Das Wundermittel Digital könne Menschheitsprobleme lösen. Aber in Überdosis konsumiert unselbstständig und krank machen. „Und doof dazu.” Sein Appell: „Denken statt googeln.” Manchmal reiche eine halbe Minute Nachdenken, um selbst eine Antwort zu finden. „Selbst gedacht”, das werde irgendwann eine Marke sein, ist Wilkens überzeugt.

Er jedenfalls habe keine Lust, Algorithmen über sein Leben entscheiden zu lassen. Nur weil er mal ein Buch im Internet bestellt habe, wolle er nicht ständig ähnliche Bücher empfohlen bekommen, die ihm auch gefallen müssten. „Da gehe ich lieber zum Buchhändler meines Vertrauens”, sagt er und sieht sich mit seiner Hinwendung zum Analogen nicht allein: Die Videothek, die vor einiger Zeit in seiner Nachbarschaft neu aufgemacht habe, sei ein Zeichen für den Trend.

Buch-Tipp

„Analog ist das neue Bio”
Die „Navigations­hilfe durch unsere digitale Welt” des Berliner Politik­wissen­schaft­lers und Autors André Wilkens ist im Metrolit-Verlag erschie­nen und kostet 18 Euro (13,99 als E-Book).
www.metrolit.de

Mann Schlafen Computer Parkbank
„Offline ist der neue Luxus“, sagt Psychologe Alexander Steinhart. Bild: Shutterstock

Straßenkarten statt Navi

Irgendwann werde es zum guten Ton gehören, nicht jede Mail zu beantworten, prognostiziert Ulrike Stöckle. Der Familiengedanke werde wieder stärker in den Vordergrund rücken. Ihr 16-jähriger Sohn stimmt sie optimistisch. „Der hat vor kurzem seinen ersten Urlaub ohne Handy gemacht”, erzählt sie. „Er hat Wege mit Straßenkarten statt mit dem Navi gefunden, hat Natur genossen statt auf alles mit der Handykamera draufzuhalten.” Und nach dem Urlaub? „Da wollte er das Handy gar nicht mehr anschalten.”

*Workshops, Vereine und Apps*

Digital Detox
Wie die Offline-Camps und Semi­nare von Ulrike Stöckle ablaufen, steht natürlich online unter:
www.thedigitaldetox.de

Offline-Naturworkshops
Workshops, bei denen man einen Tag lang gemein­sam mit einem Wilder­ness-Guide ohne Smart­phone die Natur ent­decken, ab­schalten, durch­atmen und hin­hören kann, bietet die Berliner Event­agentur Offlines von Annika Dipp und Christopher Homann an:
www.offlines.net

Computersucht
„Lost in Space” ist die Berliner Beratungs­stelle und Selbst­hilfe­gruppe für Computer­spiel- und Internet­süchtige unter der Träger­schaft der Caritas. Tel. 666 33-959
www.computersucht-berlin.de

Offtime-App
Wie die „Einfach abschalten”-App des Berliner Start-ups „Offtime” funktio­niert, erfährt man unter:
www.offtime.co/de

Experten-Interview

Die Idee von Offline-Camps stammt aus den USA. Ulrike Stöckle (48) hat sie nach Deutschland geholt. Die Betriebswirtin und Kommunikationsexpertin vergleicht ihre „Digital Detox”-Workshops mit der Raucherentwöhnung.

Wie ist die Idee zu Ihren Workshops entstanden?
Aus persönlicher Betroffenheit. Das war vor drei Jahren im Urlaub in Portugal. Hingefahren sind wir zum Wellenreiten, aber ich habe nur ständig Mails gecheckt – bis mein Sohn mir die Rote Karte gezeigt hat. Ich hatte ihm gegenüber ein so schlechtes Gewissen, dass ich begonnen habe, meinen Internetkonsum zu hinterfragen. Dabei bin ich auf die Camps im Silicon Valley gestoßen.

Aber zahle ich nicht nur Geld dafür, dass ich für die Dauer eines Kurses mein Handy abgebe?
(lacht) Das ist vergleichbar mit Raucher-Entwöhnungskursen. Da zahlen Sie auch dafür, etwas nachher nicht mehr zu tun. Ich will einen Aha-Effekt auslösen, einen Impuls geben zu einer Verhaltensänderung. Die Leute sollen spüren, wie schön es ist, etwas im Hier und Jetzt zu erleben. Deswegen verbinden wir die Camps mit schönen Dingen – mit Natur, Yoga, gesundem Essen. Bei einem Camp im Biosphärenreservat in der Pfalz übernachten wir in Baumhäusern, beim Camp in Südfrankreich bei Olivenbauern. Oder wir gehen wandern auf Mallorca.

Und wie läuft so ein Kurs dann ab?
Die Teilnehmer laden sich vorab eine App aufs Handy, damit wir wissen, wie es jeder nutzt. Dann werden Smartphones, Tablets und Laptops eingesammelt, es beginnt die Anamnese – wie bei einem Klinikaufenthalt. Und es gilt Aufgaben zu lösen ohne Handy. Beim gemeinsamen Kochen kann eben nicht nach dem Rezept gegoogelt werden. Am zweiten Tag entwickeln wir Strategien für die künftige Medien-Nutzung – Smartphone raus aus dem Schlafzimmer, Mails nur noch zweimal am Tag checken, Dienst-Handy in der Freizeit abschalten. Wir beschäftigen uns auch mit der Frage: Was mache ich mit der Zeit, die ich gewinne?

Habe ich denn wirklich so viel mehr Zeit?
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Leute 70 Mal am Tag ihr Smartphone zücken und drei bis vier Stunden pro Tag damit zubringen, per SMS, WhatsApp, Twitter oder Facebook Nachrichten zu lesen und zu senden. Vom Telefonieren ganz abgesehen. Die liegen auf unserer von eins bis zehn reichenden Digital-Detox-Skala etwa in der Mitte.

Wofür steht die Zehn?
Das sind Leute, die 150 Mal am Tag ihre Nachrichten checken und mehr als sechs Stunden damit zubringen. Die kriegen Schweißausbrüche, wenn der Handy-Akku leer ist und können auch mal ausrasten – klares Suchtverhalten. Bis zu 2,5 Millionen Menschen in Deutschland stehen hier auf der Skala. Kürzlich hatte ich eine Frau in einem Kurs, die seit acht Jahren ihr Handy nicht mehr ausgeschaltet hatte. Und ein Manager ist vor meinen Augen in einen Brunnen gelaufen, weil er beim Gehen seine Mails gelesen hat.

Was wollen Sie mit Ihren Entgiftungsworkshops erreichen?
Dass wir uns nicht zu digitalen Sklaven machen, sondern Grenzen ziehen können und bewusst mit den Onlinemedien umgehen. Dass wir in einer Zeit, in der das Netz immer schneller wird, lernen, zu entschleunigen.

Gelingt das Ihren Kursteilnehmern oder fallen sie zurück in alte Muster?
Auch das ist wie bei der Raucherentwöhnung: Manche schaffen es dauerhaft, manche eine Zeit lang, andere schaffen es nicht.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren