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Bild: Shutterstock [Montage]
Stadttouren

Berlin unterm Roten Stern

Holger Raschke führt Hauptstädter und Touristen in die sowjetische Vergangenheit Berlins. Als erster Stadttouren-Anbieter überhaupt hat sich der 35-Jährige ganz den Spuren des roten Sterns verschrieben. „Berlins Taiga“ beginnt am Hauptbahnhof.

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er junge Mann mit dem Jeanshut wirkt wie ein Tourist, wie er da neben der Anzeigetafel für die Busabfahrten in die Sonne blinzelt. Aber da ist dieser Aufdruck auf seinem Shirt: der winkende Berliner Bär, darunter der fünfzackige Stern. Das Logo von „Berlins Taiga“.

Holger Raschke
Stadtführer Holger Raschke zeigt die Erinnerungen an die Sowjets in Berlin. Bild: Katrin Starke

Die Militär-Stadt Berlin

Holger Raschke hat sich mit Touren in die sowjetische Vergangenheit Berlins vor kurzem selbstständig gemacht. Wegen des persönlichen Bezuges: „Ich habe meine Kindheit in einer Region verbracht, in der die Sowjetarmee überall präsent war.“ Raschke zieht den laminierten DinA4-Ausdruck eines alten Schwarz-Weiß-Fotos aus seiner Umhängetasche. „Der Steppke mit der Schultüte bin ich“.

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Hier als kleiner Junge mit seiner Familie vor dem Plattenbau. Bild: Katrin Starke

Das Foto zeigt ihn mit seinen Eltern und seinem Bruder. Vor dem Plattenbau am „Stern“ in Potsdam, in dem Holger aufwuchs. Seine Großeltern lebten in der Garnisonsstadt Jüterbog. Einem Ort, in dem 20.000 sowjetische Soldaten stationiert und die Einheimischen in der Minderheit waren. „Der Anblick der Uniformierten und von hinter Mauern verborgenen Militärstädten war für mich vertraut und exotisch zugleich“, sagt Raschke. Bis heute faszinieren ihn sowjetische Hinterlassenschaften, auch alte Kasernen. „Ich mag diese ,Lost places‘, diese Zeitfenster in die Vergangenheit.“

Berlin war Ausgangspunkt des Zweiten Weltkriegs. Also war klar, dass hier auch der Showdown stattfinden würde. Die Moltkebrücke war der letzte Flaschenhals fürs große Finale. Holger Raschke

Eine Tour-Teilnehmerin nickt. Oft fotografiere sie diese Zeugnisse einer vergangenen Epoche, erzählt die junge Frau mit der blonden Hochsteckfrisur. Sie ist gebürtige Berlinerin. „Ost-Berlinerin“, präzisiert sie. „Aber Baujahr ’96. Da waren die Russen schon weg.“ Sie wisse viel zu wenig über die Vorwendezeit. Der Grund, warum sie die heutige Tour gebucht hat.

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Blick von der Moltkebrücke zum Reichstag. Hier lieferten sich die Soldaten eine heftige Schlacht. Bild: Shutterstock

Holger Raschke war zwar auch erst sieben Jahre alt, als die Mauer fiel. „Und gerade seit einem Jahr Jungpionier.“ Aber schon alt genug, „um die Epoche, die da zu Ende ging, nicht als etwas Abstraktes zu sehen“. Raschke, der einen Magisterabschluss in Soziologie und Humangeologie sowie einen Master in nachhaltigem Tourismusmanagement in der Tasche hat, führt die Gruppe derweil über die Moltkebrücke. Erzählt von der „Operation Berlin“, den drei Fronten, dem Ring, der sich 1945 um Berlin schloss. „Berlin war Ausgangspunkt des Zweiten Weltkriegs. Also war klar, dass hier auch der Showdown stattfinden würde. Die Moltkebrücke war der letzte Flaschenhals fürs große Finale.“

Nur ein paar hundert Meter sind es bis zum Reichstag, keine drei Minuten Fußweg. „Die Truppen haben dafür zwei Tage gebraucht“, weiß Raschke. „Stalin hatte den Reichstag als finales Ziel ausgegeben, als Zentrum der Bestie. Obwohl die Nazis in der Reichskanzlei saßen und der Reichstag für Parlamentarismus stand.“ Der Stadtführer zieht das nächste Foto aus der Tasche: Ein Rotarmist hisst die sowjetische Flagge auf dem Reichstag. Ein Bild aus dem Geschichtsbuch. „Eines der frühen Beispiele für Fake-Fotos“, sagt Holger. Denn nicht am 30. April 1945 sei es entstanden, sondern am 2. Mai nachgestellt worden.

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Die sowjetischen Soldaten verewigten sich im Reichtstag. Bild: Shutterstock

„Und während in Wahrheit ein Ukrainer, ein Weißrusse und ein Kalmücke auf dem Reichstagsdach standen, sprach die Propaganda von zwei Russen und einem Georgier“, referiert der Stadtführer Geschichtswissen. Ein Tour-Teilnehmer zieht die Stirn in Falten. „Stalin war Georgier“, klärt ihn die Mittvierzigerin neben ihm auf.

An einer Wand im Reichstag seien die Sprüche, die sowjetische Soldaten 1945 in den Sandstein ritzten, erhalten, erzählt Guide Holger und nimmt Kurs auf den Tiergarten, auf das sowjetische Ehrenmal. Das befand sich übrigens zur Besatzungszeit im britischen Sektor. Auf den Stufen vor dem Ehrenmal verrenkt sich ein junges Paar: Er schiebt den Selfie-Stick am ausgestreckten Arm noch ein paar Zentimeter von sich weg, um den bronzenen Rotarmisten im Hintergrund mit aufs Bild zu bekommen.

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Kriegsdenkmal in Mitte: 2.500 Sowjetsoldaten liegen hier begraben. Bild: Katrin Starke

2.500 tote Soldaten begraben

„Peinlich“, murmelt Jan Schroedel, „wenn man bedenkt, dass auf dem Friedhof hinter dem Ehrenmal 2.500 Sowjetsoldaten begraben liegen.“ Der 48-Jährige aus Wesel am Niederrhein hat die Taiga-Tour mit seiner Frau gebucht, „weil wir bei unserem dritten Berlin-Besuch endlich mal nicht nur mit dem 100er Bus Sightseeing machen wollen“.

Vieles von dem, was Holger Raschke erzählt, wusste er noch nicht. „Zum Beispiel, dass es vor dem Brandenburger Tor Straßenschilder in Kyrillisch gab.“ Raschke reicht das Foto als Beweis herum: Rotarmisten, wie sie kurz nach Kriegsende den Verkehr am Pariser Platz regeln. „Steglitz, Leipziger Platz“, liest eine Frau Anfang 50 vor, was auf den Schildern auf dem Bild geschrieben steht. Sie kommt aus Erfurt, besucht eine Brieffreundin in Berlin. „Ich hatte fünf Jahre Russisch in der Schule“, erklärt sie, als Schroedel sie überrascht anschaut.

Der kommunistische Superstar und die erste Frau im All

Die Gruppe schlendert weiter, Raschke schielt auf die Uhr. Noch zwei Stationen will er schaffen – und die Kompakt-Tour soll ja nicht länger als zwei Stunden dauern. Also rasch zur Botschaft der Russischen Förderation Unter den Linden.

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Nicht weit entfernt: die Russische Botschaft. Bild: Shutterstock

Holger will dort erzählen, dass Kosmonaut Juri Gagarin, der „kommunistische Superstar“, und Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall, im Oktober 1963 auf Einladung des damaligen DDR-Staatschefs Walter Ulbricht Berlin besuchten, mit Jubel empfangen wurden und auch zu Gast in der Botschaft ihres Landes waren.

Und zum Palais am Festungsgraben will er auch noch. Dorthin, wo einst rote Sterne an der Stirnfront des Gebäudes Zeugnis gaben, dass sich hier die Zentrale der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft befand. Der zweitgrößten Massenorganisation der DDR mit sechs Millionen Mitgliedern.

Geschenk Fuer Tourteilnehmer
Geschenke für die Tour-Teilnehmer: Süßes aus dem Osten. Bild: Katrin Starke

Dort wird Holger Raschke den Tour-Teilnehmern auch das Pergament-Tütchen überreichen – mit einem original russischen Konfekt und der Postkarte mit kyrillischem Schriftzug „Grüße aus Berlin“, die er eigens für „Berlins Taiga“ hat drucken lassen. Darauf abgebildet sind auch das Ehrenmal im Treptower Park und das einstige Café Moskau mit dem Nachbau des Sputniks auf dem Dach, einem Geschenk der Botschaft der UdSSR. Beides Stationen seiner größeren Touren.

Nähere Infos unter: www.berlinstaiga.de
Holger Raschke bietet neben verschiedenen Berlin-Touren in die sowjetische Vergangenheit auch eine Tour durch das sowjetische Potsdam an. In Planung ist zudem eine Führung durch Beelitz-Heilstätten.

Weitere Führungen finden sie in unserer Rubrik “Stadt-Touren”.

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