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Tanz-TiRADen: Eine Radtour zu den verschwundenen Club-Orten Berlins
Bild: Shutterstock
Stadtführungen

Stadt, Rad, Club

In keiner anderen Stadt gibt es so viele Orte für Techno- und Electro-Clubs wie in Berlin. Viele sind inzwischen verschwunden. Jetzt lässt eine Radtour die alten Tanz-Tempel wieder aufleben. Was Mitfahrer hier erfahren – eine Reportage.

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eipziger Straße unweit des Leipziger Platzes: Lautstark rauscht der vierspurige Verkehr an Eberhard Elfert und seinen Zuhörern vorbei. Hier stand er einmal: der legendäre Club Tresor . Früher warteten hier Partygänger in der Schlange – heute laufen tütenbepackt die Kunden der „Mall of Berlin“ vorbei.

„Da muss man dabei gewesen sein”

Bereits hier wird klar: Es wird eine Tour, die viel Phantasie erfordert. Denn von den einstigen Tanztempeln sind viele verschwunden. Bei der Vorbereitung auf die Tour finden wir viele Interviews mit Protagonisten der Szene, die oft dieselbe Botschaft transportierten: „Das kann man schwer erklären. Da muss man dabei gewesen sein.“ Umso reizvoller wird diese Tour, die die vergangenen Zeiten für Neuberliner und Touristen wieder aufleben lässt.

Tresor Alt
So sah der alte „Tresor“ aus. Bild: Clubkultur

„Vor 25 Jahren fing hier mit dem Tresor etwas Neues in den Ruinen an“, erklärt der Führer Eberhard Elfert und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf ein sandsteinfarbenes Bürogebäude. Elfert ist der Macher der Clubkultour-Berlin , ein Gemeinschafts-Projekt der Clubcommission Berlin und Kommunikations-Agentur elfkonzept, die Elfert betreibt. Der 57-Jährige studierte damals an der Freien Universität Kunstgeschichte und tauchte selbst in die Clubszene ein. Ohne den Fall der Mauer wäre diese enorme Bandbreite an Clubs nicht denkbar gewesen – die wieder zugänglichen Flächen und verlassenen Häuser im ehemaligen Niemandsland in Ost-Berlin lieferten in den 1990ern die idealen Kulissen für das Techno-Tanz-Feeling.

Volksfürsorge statt Techno

Wo heute die Volksfürsorge residiert, öffnete kurz nach dem Mauerfall inmitten einer Brachfläche der berühmte Techno-Club seine Stahltüren. Sein Gründer Dimitri Hegemann hatte den Keller der Tresorräume der ehemaligen Wertheim-Bank zufällig auf einem seiner Streifzüge durch das unbekannte Ostberlin entdeckt. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde die Ruine in den 1950er-Jahren von den DDR-Oberen gesprengt. Nur der Tresor-Keller mit den aufgeflexten Stahlschließfächern und rostigen, gepanzerten Türen blieb übrig.

Tresor
Und hier der neue „Tresor“. Bild: Anja Karrasch

Uriges Niemandsland, wie geschaffen für die Geburtsstunde einer neuen Jugend- und Musikszene. Der Techno-Sound kam aus der amerikanischen Industriestadt Detroit. Harte, elektronische Beats ohne Gesang, zu denen die Jugend aus Ost und West die Nächte durchtanzte. Doch 2005 war damit im Tresor plötzlich Schluss. Dann musste der Club dem großen Bauboom rund um den Potsdamer Platz weichen und zog samt Inventar nach Kreuzberg weiter.

Die Magie der Subkultur

Locker und mit vielen Anekdoten erzählt der Kulturhistoriker aus einer Zeit, die er selbst intensiv miterlebt hat. Schon früh organisierte er Ausstellungen, die die rasanten Veränderungen im wiedervereinigten Berlin dokumentierten. Dank nicht existierender Sperrstunde und unbürokratischen Strukturen schossen die Clubs aus dem Boden. Wie die nächste Station auf der Tour, das hundert Meter weiter gegenüber dem Finanzministerium an der Wilhelmstraße gelegene E-Werk . Bis 1997 feierten in dem verlassenen Umspannwerk junge Menschen zu treibenden Bässen ein neues Freiheitsgefühl. Paul van Dyk legte hier jeden Freitag auf und startete seine Karriere als einer der bekanntesten und erfolgreichsten DJs der Welt. Heute ist das imposante Gebäude aus rotem Klinker ein Denkmal deutscher Industriegeschichte und begehrte Büroadresse für Agenturen und Firmen.

E Werk
Nächste Station: „E Werk“. Bild: Anja Karrasch

Isabell und ihre Freundin hören aufmerksam zu. Sie stellen Fragen und versuchen die Magie dieser Subkultur nachzuvollziehen. Isabell, die ihren Nachnamen nicht verraten möchte, hat sie nicht miterlebt. Ihr ist bis heute ein Rätsel, was an Techno toll sein soll. Neugierig war sie trotzdem, zu erfahren, was sie damals verpasst hat, als sie zufällig in einer Buchhandlung das Buch über Berlin, die Wende und die Techno-Szene „Der Klang der Familie“ entdeckte. Ihre Freundin Corinna begleitet sie. „Meine Zeit waren eher die 1980er-Jahre mit Clubs wie Bronx, Trash und dem SO36. Dann kamen die Kinder und an Tanzengehen war nicht mehr zu denken“, erinnert sie sich.

Länger feiern als der DJ

Entlang der Leipziger Straße geht es weiter zu den frühen Tempeln der Clubszene wie dem Exit auf der Fischerinsel, wo die Party am Sonntag weiterlief, wenn die DJs anderswo Feierabend machten. Der Afterhour-Club befand sich im Ahornblatt , einem architektonisch und akustisch phänomenalen Gebäude, das zur Jahrtausendwende abgerissen wurde, um einem klobigen Hotelkomplex Platz zu machen.

Immer wieder verknüpft Eberhard Elfert die Entwicklung der Clubszene mit der Berliner Stadtgeschichte. Er möchte einen epochenübergreifenden und vielschichtigen Blick vermitteln, was ihm gut gelingt. Zum Beispiel mit Geschichten wie die vom Gebäude des Walfisch (heute Kitkat Club) am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Von dort hatten die DDR-Grenzsoldaten zu Mauerzeiten Zugang zum U-Bahnhof, durch den die Züge aus West-Berlin rauschten, ohne anzuhalten.

clubkultour

Die dreistündige Fahrradtour „Berlin von 1990 bis heute“ führt zu einigen der bedeutendsten Orte der Berliner Clubkultur entlang des ehemaligen Grenzgebiets vom Potsdamer Platz bis zum Club der Visionäre am Ende der Schlesischen Straße in Kreuzberg.

Kosten : 13,– €, 11,– € ermäßigt (Schüler, Auszubildende, Studenten, Berlin Ticket)

Weitere Infos und Termine zu dieser und weiteren Touren unter
clubkultour.de

Die legendäre Bar25

Nächstes Ziel ist das Ufer der Spree, vorbei am ehemaligen Heizkraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße, wo hinter unscheinbaren Stahltüren im Tresor immer noch die Nächte durchgetanzt werden. Ein paar hundert Meter weiter hatte der Club Kater Holzig in einer alten Seifenfabrik bis 2013 sein Domizil, das jetzt zu einem exklusiven Wohnquartier umgebaut wird.

Bar 25
Was von der legendären „Bar 25“ geblieben ist. Bild: Anja Karrasch

Immer noch bedeckt märkischer Sand den schmalen Uferstreifen, den die Macher des ehemals benachbarten Kiki Blofeld für lauschige Freiluftpartys hatten aufschütten lassen. Gegenüber wirkt das verlassene Gelände der Bar25 mit einem riesigen Skelett-Graffiti wie eine Fata Morgana aus einer fernen Zeit. Mit tagelangen Partys wurde die Bar25 in den 2000er Jahren zum Mythos und Sehnsuchtsort des internationalen Partypublikums. „Mit dem politischen Ziel, die Kreativszene als wichtigen Standortfaktor aufzubauen und dem Aufkommen der Billigfluglinien war es vorbei mit dem familiären Charakter der Clubkultur“, sagt Eberhard Elfert.

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