Newsletter abonnieren
Titel Spielen
Wedding würfelt: Seit acht Jahren organisieren Benito Gumz und Anja Kaule jeden Mittwochabend einen offenen Treff für Brettspiel-Fans am Leopoldplatz. Bild: Christoph Schieder
Brettspiele

Die wollen doch nur spielen

Brettspiele erleben ausgerechnet in digitalen Zeiten eine Renaissance: Auch junge Berliner lassen für geselligen Strategiespaß am Wohnzimmertisch die Playstation links liegen, in öffentlichen Spieletreffs werden gemeinsam die Anleitungen von Neuheiten entschlüsselt und Schmidt Spiele aus Neukölln freut sich über steigende Nachfrage, auch bei ihrem Klassiker „Mensch ärgere dich nicht“. Wie lässt sich das erklären?

R

atlosigkeit. Sie ist förmlich greifbar über der Gruppe an Tisch 8. Darf man die Aktion nun einmal pro Zug machen – oder einmal pro Runde? Dummerweise sind Anja und Benito grade beide verhindert. Anja sieht nach den Aufback-Baguettes, denn Tisch 4 und 5 verlangen nach Pausenverpflegung. Und Benito versucht, für Tisch 7 einen neuen Würfelteller aufzutreiben, einen der seltenen 20-seitigen Würfel, ohne die es hier nicht weitergeht.

Spielen 7
Was spielen wir heute? Die Organsiatoren im Weddinger Spieletreff haben im Laufe der Jahre Tausende Brettspiele gesammelt. Rund 150 verschiedene Welten stehen an jedem Mittwochabend für die Gäste zur Wahl. Bild: Christoph Schieder

Gemeindehaus wird Spieletreff

Jeden Mittwochabend verwandeln Anja Kaule und Benito Gumz das Gemeindehaus der Alten Nazarethkirche am Leopoldplatz in Berlins größten Spieletreff. Zwischen 40 und 50 Brett- und Kartenspiele-Fans aus ganz Berlin kommen hier zusammen, um eine Auswahl aus über 3.000 Spielen auszuprobieren, die das Paar in zwei Jahrzehnten gekauft und gesammelt hat. Anja und Benito, selbst leidenschaftliche Spielefans, kommen an diesen Abenden gar nicht dazu, selbst richtig mitzumischen. „Du siehst ja, was hier los ist“, sagt Benito. „Hier will jemand eine Info, dort hat jemand Regelfragen.“ Wo Ratlosigkeit herrscht, versuchen die Gastgeber zu helfen.

Brett- und Kartenspiele sind angesagt wie nie. Mehr als 20 Spieletreffs listet die Seite www.spielen.de für den Großraum Berlin-Potsdam auf.

Den Weddinger Spieletreff gibt es schon seit acht Jahren. Es begann 2010 in Kreuzberg, aber Probleme mit den Nachbarn zwangen Kaule und Gumz, umzuziehen. Glück im Unglück: Das Gemeindehaus ist sehr geräumig; der immer größere Zulauf, den der Spieletreff erfährt, ist hier kein Problem. Denn Brett- und Kartenspiele sind angesagt wie nie. Mehr als 20 Treffer listet die Seite www.spielen.de für den Großraum Berlin-Potsdam auf, darunter nicht nur Stammtische wie den Weddinger Spieletreff, sondern auch Ludotheken wie die Spielwiese Berlin, eine Art Bibliothek für Brettspiele, zum Probespielen und Ausleihen.

Spielen 1
Bild: Christoph Schieder

Klar, die eingefleischten Fantasy-Nerds gab es irgendwie schon immer“, so Gumz, „die haben sich tage- und nächtelang eingeschlossen mit dem Rollenspiel ,Dungeons&Dragons‘ oder dem Strategie-Kartenspiel ,Diplomacy‘.“ Die Zielgruppe der Stammtische und Ludotheken ist das aber im Grunde nicht. Es sind Gelegenheits- und Vielspieler, die einen geselligen und kurzweiligen Abend schätzen, die sich immer häufiger für Brett- und Kartenspiele begeistern lassen.

Besonders auffällig wird das, wenn man sich die nackten Zahlen anschaut. 2017 hat die Spielemesse in Essen, das Mekka der ganzen Branche, mit 180.000 Besuchern einen neuen Rekord aufgestellt – und damit den letzten Rekord aus dem Jahr 2016 um 10.000 weitere Besucher übertroffen. Jahr für Jahr mehr Besucher, mehr Spiele, mehr Geld: 410 Millionen Euro wurden bundesweit 2014 mit Brettspielen umgesetzt, ein Jahr später 450 Millionen Euro, dann 500 Millionen.

„Die Zeiten, in denen ein Spieler an der Reihe ist und alle anderen warten und zuschauen, sind vorbei.“ Thorsten Gimmler, Entwickler Schmidt Spiele in Berlin

„Diese Entwicklung gibt es, und wir verfolgen sie natürlich genau“, bestätigt Thorsten Gimmler, Entwickler bei Schmidt Spiele in Berlin. Der renommierte Verlag, von dem das 1907 entwickelte „Mensch ärgere Dich nicht“ vertrieben wird, bringt derzeit pro Jahr rund 30 neue Spielideen auf den Markt.

Thorsten Gimmler
Sorgt für Abwechslung im Wohnzimmer: Spiele-Entwickler Thorsten Gimmler sammelt neue Ideen, damit beim Neuköllner Verlag Schmidt Spiele 30 neue Titel pro Jahr erscheinen können. Bild: Christoph Schieder

„Wenn man die heutigen Spiele mit denen von vor 20 Jahren vergleicht, fällt auf, was sich da alles getan hat“, so Gimmler. „Die Zeiten, in denen ein Spieler an der Reihe ist und alle anderen warten und zuschauen, sind jedenfalls vorbei.“ Ein gutes Spiel, meint der Entwickler, zeichnet sich heute dadurch aus, dass zu jeder Zeit alle Spieler irgendwie eingebunden und gefordert sind, sodass keine Langeweile aufkommt.

„Erst die Symbiose aus beiden Welten – europäische Spielmechanik, amerikanisches Design – hat in den letzten Jahren zu diesem Boom der Branche geführt.“ Johannes Jäger, Spiele-Experte

Auch hätten sich Spiele-Mechaniken geändert. „In letzter Zeit sind Koop-Spiele sehr gefragt, bei denen alle Spieler als Team zusammenarbeiten müssen“, so Gimmler.

Spiel Pandemie
Bild: Christoph Schieder

Bei “Forbidden Sky” treten sie gemeinsam gegen das Gewitter an, beim prominenten Bestseller “Pandemie” vom Mitbewerber Z-Man Spiele (auf Deutsch bei Asmodee) müssen sie gemeinsam gegen die Ausbreitung einer Seuche vorgehen. Außerdem sehr beliebt seien heute sogenannte Legacy-Editionen, also Spiele, die sich im Laufe einer Sitzung verändern: Die Spieler kritzeln auf das Spielbrett, hinterlassen Botschaften für die Nachwelt oder zerreißen sogar mal eine Spielekarte. Auf diese Weise ist jede Spiele-Session einzigartig.

Die Globalisierung einer Szene

Einen Überblick zu behalten, ist bei all diesen Neuerungen nicht einfach. Einen Orientierungspunkt bietet YouTube, wo in zahllosen Channels Spiele rezensiert oder auch einfach vor laufender Kamera durchgespielt werden. Seit 2012 gibt es beispielsweise den US-amerikanischen Channel Tabletop, in dem regelmäßig neue Spiele aus der ganzen Welt vorgestellt werden – und der es schon zu Gastauftritten in diversen US-Serien geschafft hat. „Auf diese Weise haben die sogenannten Europäischen Spiele in den USA zum ersten Mal große Popularität erlangt“, glaubt Johannes Jäger, Spiele-Experte aus Berlin, der mittlerweile gemeinsam mit einem Freund über den Kanal “Hunter&Cron” Brettspiele rezensiert und dort selbst 30.000 Fans erreicht.

Spielen 6
Verspielte Generationen: Beim Abtauchen in fremde Welten und beim gemeinsamen Entwickeln einer Strategie für den richtigen Weg zum Ziel spielt das Alter keine Rolle. Bild: Christoph Schieder

„Europäische Spiele haben im Gegensatz zu ihren amerikanischen Pendants oft ein komplexeres und ausgefeilteres Regel-Setting, so wie bei ,Siedler von Catan’ oder bei ,Risiko’“, sagt Jäger. „Amerikanische Hersteller hingegen haben es drauf, ihren Spielen ein spannenderes oder actionreicheres Storytelling zu verleihen.“ Erst die Symbiose aus beiden Welten – europäische Spielmechanik, amerikanisches Design – hätte in den letzten Jahren zu diesem Boom der Branche geführt, glaubt Jäger.

Digital beeinflusst analog und umgekehrt

Dass der Siegeszug von digitalen Spielen auf Computern, Konsolen und Smartphones nicht zu einem Niedergang der analogen Brett- und Kartenspiele geführt hat, ist laut YouTuber Johannes Jäger, Entwickler Thorsten Gimmler und Stammtisch-Organisator Benito Gumz gar nicht so verwunderlich, wie es auf den ersten Blick scheint. In den 80er- und 90er-Jahren ist offenbar eine Generation herangewachsen, für die es normal geworden ist zu spielen – sowohl auf dem Bildschirm als auch analog. Die digitalen Spiele haben viele nie aufgegeben, haben vom Super Nintendo über die Playstation 1, 2 und 3 bis hin zu den iPad-Spielen alles mitgenommen, was die Spiele-Industrie an Neuerungen hervorgebracht hat.

Jeder Trend erzeugt Gegentrend

Aber jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. „Gerade weil die Welt immer digitaler wird, entdecken heute viele Vertreter dieser Generation wieder das analoge Spiel“, meint Jäger. „Da kommt man mit Freunden zusammen und verbringt eine Zeit miteinander statt vor dem Bildschirm.“ Gumz ergänzt: „Wenn ich zu einem Spiele-Abend einlade, lerne ich Freunde ganz anders kennen, als wenn ich mit ihnen bei einem Bier über in heutiger Zeit so strittige Themen wie Politik diskutiere. Beim Spielen zählen andere Ebenen. Ich fühle sehr schnell, wie teamfähig jemand ist oder wie viel Humor er hat.“ Spiele ermöglichen es für einen begrenzten Zeitraum, die chaotische und problembehaftete Welt auszuklammern und sich auf anderen Ebenen zu begegnen.

Spielen 5
Bild: Christoph Schieder

Hinzu kommt: Gerade die Generation der in den 80ern und 90ern Geborenen beginnt gerade, eigene Familien zu gründen. „Man hat etwas Vermögen angehäuft und kann sich die doch sehr teuren Brettspiele auf einmal leisten“, meint Jäger. „Gleichzeitig hat man auf einmal vielleicht ein Wohnzimmer, das groß genug ist für eine Spielerunde. Und da verbringen junge Eltern gerne ihre Freizeit – auch weil wegen des eigenen Nachwuchses die Partyszene Berlins mittlerweile keine Option mehr ist.“

Spiel Sagrada
Nach Feierabend Glaskünstler: Im Spiel „Sagrada“ müssen die prächtigen Kirchenfenster der weltberühmten Gaudi-Kathedrale in Barcelona mit Geschick vollendet werden. Bild: Christoph Schieder

Cocooning heißt das im Fachjargon, wenn man sich ob einer überkomplexen Umwelt in sein Eigenheim zurückzieht wie in einen Kokon. Dabei bedeutet es keinesfalls eine Kapitulation vor der Gesellschaft. Über Brett- und Kartenspiele können auch Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen und friedlich miteinander interagieren, die sich vielleicht sonst wenig zu sagen hätten.

Das passiert bei offenen Spieletreffs wie dem im Wedding. Und manchmal dauert das Cocooning auch etwas länger: Im Winter werden 40 Fans des Weddinger Spieletreffs für ein ganzes Wochenende in ein Jugendgästehaus in Brandenburg einziehen, Spiele spielen, miteinander essen und sich etwas besser kennenlernen. So werden hoffentlich neue Freundschaften entstehen. Und Anja Kaule und Benito Gumz werden Gelegenheit haben, auch mal selbst mitzuspielen – statt immer nur Gastgeber zu sein.

Autor: Michael Metzger

Lesen Sie auch unser Interview mit Axel Kaldenhoven von Schmidt-Spiele: Digital Detox in der Freizeitgestaltung

Spieleläden

Spielbrett
In den zwei Filialen des Brettspiel-Fachgeschäfts gibt es zum Klassiker und der Spieleneuheit kompetente Beratung.
Kreuzberg: Körtestraße 27, Mo.–Fr. 10–19 Uhr, Sa. 10–18 Uhr, Tel.: 030/692 42 50
Wilmersdorf: Berliner Straße 132, Mo.–Fr. 9:30–19 Uhr, Sa. 10–18 Uhr, Tel.: 030/873 15 35 www.spielbrett-berlin.de

Brettspielgeschäft.Berlin – The Board Game Store
Hier gibt es nicht nur die deutschen Standards und Neuheiten, auch Spiele in Englisch werden angeboten, ebenso eine Beratung in verschiedenen Sprachen.
Prenzlauer Berg: Eberswalder Str. 27, Mo.–Fr. 11–21 Uhr, 030/54 71 45 70
www.brettspielgeschaeft.berlin

Spieletreffs

Spieletreff Berlin
In Berlins größtem Spieletreff beschäftigen sich jeden Mittwochabend Dutzende Spielwütige mit den neuesten Brettspielen oder wetteifern bei Klassikern.
Mi. 19 Uhr, Gemeindesaal der Alten Nazarethkirche am Leopoldplatz, Nazarethkirchstraße 50, Aufgang I, Wedding
www.spieletreff-berlin.de

Spieltreff Kreuzberg-Süd
Zum Auftakt und zum Ende des Wochenendes wird im Nachbarschaftshaus gewürfelt. Erwachsene dürfen Kinder ab 8 Jahren mitbringen.
Fr. 18 Uhr, So. 16 Uhr, Nachbarschaftshaus Urbanstraße, Urbanstraße 21, Kreuzberg
www.spielfest-berlin.interblog.de

Panke-Spieler
Die offene Brettspielgruppe im Norden Berlins trifft sich jeden zweiten Sonntag (in geraden Kalenderwochen). Im Sommer wird der Spieletreff gerne in den nahe gelegenen Bürgerpark verlegt.
Jeden 2. So. 15 Uhr, Stadtteilzentrum Pankow, Schönholzer Straße 10, Pankow
www.panke-spieler.jimdo.com

Spielwiese
In dieser so genannten Ludothek kann man Brettspiele leihen oder vor Ort in gemütlicher Atmosphäre spielen. Gegen eine Leih- bzw. Spielgebühr kann hier eine Vielzahl von Spielen genutzt und probiert werden.
Mo. 17–23 Uhr, Do./Fr. 18–24 Uhr, Sa./So. 15–24 Uhr, Kopernikusstraße 24, Friedrichshain, Tel.: 030/28 03 40 88
www.spielwiese-berlin.de

Spielewirtschaft
In Schöneberg in der Spielewirtschaft gibt es zu den unzähligen Spielen auch leckeres Essen. Besondere Themenabende stehen im Zeichen von Poker oder dem Spiel des Jahres.
Mo., Di., Do., Fr. 18–22:30 Uhr, Sa. 16–23 Uhr, So. 16–20 Uhr, Martin-Luther-Straße 84, Schöneberg, Tel.: 030/675 67 49
www.spiele-wirtschaft.de

Weitere Spieletreffs
www.groops.de/berlin-spielt/events

Hunter & Cron auf YouTube
Die beiden Berliner Johannes Jäger und Jan Cronauer präsentieren auf YouTube und auf ihrer Website Spieleneuheiten, Rezensionen oder Erklärungen zu den unterschiedlichsten Spielen. Sie veranstalten auch jeden Sommer die Spielemesse Berlin Brettspiel Con.
www.hunterundcron.de
www.youtube.com/hunterundcron

Diese Themen könnten Sie auch interessieren