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Titel Kuscheln
Wir Menschen brauchen Nähe: Deshalb dürfen Berührungen nicht zu kurz kommen. Sonst leidet unsere Gesundheit, sagt die Forschung. Bild: Shutterstock

Kuscheln erwünscht

Menschen brauchen Berührungen für ihre Gesundheit, sagt Bruno Müller-Oerlinghausen. Der Arzt und Buch-Autor beobachtet mit Sorge, dass viele ihr Smartphone öfter streicheln als ihre Mitmenschen. Darunter leiden vor allem Singles und ältere Menschen. Doch es gibt in Berlin kreative Lösungen.

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n der S-Bahn, 7:30 Uhr: Die Menschen stehen dicht beieinander, möglichst ohne sich zu berühren. Die meisten starren auf ihr Smartphone, wischen oder tippen darauf herum. Der Arzt Bruno Müller-Oerlinghausen glaubt, dass unsere digitale Welt mit sozialen Medien, Internet und Handy die Menschen voneinander entfremdet. Wir würden unser Smartphone am Tag häufiger streicheln als unseren Partner oder unsere Partnerin.

Einerseits nimmt die Entmenschlichung zu – andererseits gibt es ein wachsendes Bedürfnis nach Berührung und Körperkontakt jenseits von Sex und Lust. Bruno Müller-Oerlinghausen, Arzt und Buchautor

„Früher gab es noch das Gespräch am Bank- oder Fahrkartenschalter. Vielleicht gab man jemandem auch die Hand und wechselte ein paar Worte miteinander. Das verschwindet ja zunehmend. Vieles wird online über Apps oder an einem Terminal erledigt.

Buch Beruehrung
Bruno Müller-Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebigs „Berührung – Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt“ Ullstein Verlag 2018, 18 Euro Bild: Ullstein-Verlag

Einerseits nimmt die Entmenschlichung zu. Andererseits gibt es ein wachsendes Bedürfnis nach Berührung und Körperkontakt jenseits von Sex und Lust“, beobachtet der Pharmakologe und Therapeut. In seinem Buch „Berührung – Warum wir sie brauchen“, das er mit der Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebigs geschrieben hat, erläutert er, warum Berührung so wichtig für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden ist.

Die Haut ist ein wichtiges Kommunikationsmedium

Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan und „das Organ, an dem unser Selbstbewusstsein, unsere Identität hängt und das über eine eigene Intelligenz verfügt“, schreibt Bruno Müller-Oerlinghausen. Die Körperzellen speichern die Erfahrung von Berührungen von Geburt an, die bestimmte physiologische Reaktionen auslösen. Werden wir von einem Menschen angenehm berührt, führt das unter anderem zu einem sinkenden Cortisolspiegel und wir sind weniger gestresst, fühlen uns entspannt und wohl in unserer Haut.

Beruehrung Nase Baby
Von Beginn an sind unsere Haut und unser Gehirn eng vernetzt. Deshalb sind Berührungen so wohltuend für die Psyche. Bild: Shutterstock

Unsere Haut offenbart zudem unsere inneren Zustände. Oft mehr als uns lieb ist. Wenn wir zum Beispiel in einer aufregenden Situation unsere Hände schweißnass werden. Jeden Tag kommunizieren wir also nicht nur mit Worten, sondern auch mit Körperkontakt. Vom Handschlag mit dem Kollegen im Büro bis zum Kuss des Partners oder der Partnerin. „Berührung ist Kommunikation, die unter die Haut geht“, lautet eine wichtige Botschaft des Buches.

Dabei geht es aber nicht nur um unsere Haut, sondern auch um unser Gehirn: beides ist eng miteinander vernetzt – und gerade deshalb sind Massagen wohltuend für unsere Gesundheit und Psyche.

Hier ein weiterführender Beitrag zum Thema

aus dem WDR-Fernsehen, Sendung „Quarks & Co“:

https://www1.wdr.de/fernsehen/quarks/beruehrung-massage-100.html

Berührungen können bei Krankheiten helfen

Berührungen können sowohl bei körperlichen als auch bei psychischen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden und Selbstheilungskräfte freisetzen. Studien haben gezeigt, dass „eine feste romantische Beziehung einen günstigen Einfluss auf die seelische Gesundheit hat und gute soziale Kontakte das statistische Sterberisiko signifikant reduzieren, während Einsamkeit und soziale Isolation es erhöhen“, erklärt Bruno Müller-Oerlinghausen.

Besonders älteren Menschen und Singles fehlt Körperkontakt

Gerade ältere Menschen leiden unter chronischem Berührungsmangel, hat Milka Reich beobachtet. Seit 17 Jahren arbeitet die 53-Jährige als Berührerin und erlebt in ihrer Arbeit eine große Bandbreite an Bedürfnissen nach Geborgenheit und Zuwendung. „Es kommen Leute zu mir, die sagen: Seit 20 Jahren berührt mich nur mein Friseur, und ab und zu schüttle ich jemandem die Hand. Das hat Auswirkungen. Manche weinen erst mal, wenn ich sie berühre.“

Milka-reich
Gerade ältere Menschen leiden unter chronischem Berührungsmangel, hat Milka Reich beobachtet. Und tut etwas dagegen. Bild: Privat

Regelmäßig geht sie in Altenheime, um die Wünsche älterer Menschen nach körperlicher Nähe und Aufmerksamkeit zu erfüllen, womit Angehörige und das Pflegepersonal oft überfordert sind. Auch Bruno Müller-Oerlinghausen kennt die positive Wirkung von heilsamen Berührungen auf ältere Menschen. „Als Hospitierende in Pflegeheimen konnte meine Koautorin Mariell Kiebgis immer wieder beobachten, dass Berührungen wie Handauflegen, Kopf-, Hand- oder eine einfache Rückenmassage mit sehr viel Dankbarkeit angenommen wurden“.

„Kuschelpartys sind Signale einer neuen Berührungskultur“

Die moderne gesellschaftliche Berührungsarmut trifft nicht nur ältere Menschen, sondern alle Altersstufen. Die Anzahl der Single-Haushalte in Deutschland wächst ständig. In Großstädten erwarten Experten bis zum Jahr 2020 einen Anteil der Singlehaushalte von über 50 Prozent.

Kuschelparty
Kuschel-Party in Berlin: Wenn 40 Menschen kuscheln. Bild: Dirk Laessig

Hinzu kommt, dass Berührungen in Zeiten der MeToo-Debatte anders wahrgenommen werden oder das Händeschütteln mit Hinweis auf die Übertragung von Krankheitskeimen lieber vermieden werden. Die Folge: Das große Bedürfnis nach unverfänglichem Körperkontakt zeigt sich auch in der zunehmenden Beliebtheit von so genannten Kuschelpartys, die in vielen großen Städten angeboten werden.

Das Sich-Gegenseitig-Berühren läuft unter genauen Regeln ab, übergriffiges Verhalten ist untersagt. Für Bruno Müller-Oerlinghausen sind Kuschelpartys „Signale einer neuen, noch fremdartig erscheinenden Berührungskultur. Für jemand, der als Single lebt, kann das eine Möglichkeit sein, sein stummes Bedürfnis nach Körperkontakt zu realisieren.“

Portrait Rosi Doebner Privat
Hat die Kuschelpartys aus den USA nach Berlin gebracht: Rosie Doebner. Bild: Privat

Rosi Doebner kann bestätigen, dass die Sehnsucht nach körperlicher Nähe zugenommen hat. Vor 13 Jahren hat die Kuscheltrainerin das Format der Kuschelparty aus den USA nach Deutschland gebracht. Seit 2007 bildet die studierte Biologin Kuscheltrainer aus, auch hier ist die Tendenz steigend. Pro Abend kommen zwischen 20 und 40 Leute, die sich danach sehnen, berührt zu werden und “sich fallen lassen zu können in einem geschützten Raum”, erzählt Rosi Doebner.

Am Anfang würden alle im Kreis mit dem typisch deutschen Sicherheitsabstand sitzen. Vier Stunden später in der Abschlussrunde zeige sich ein völlig anderes Bild. “Die Menschen sitzen angelehnt aneinander oder haben sich im Arm und diesen entspannten, glückseligen Ausdruck im Gesicht.” Oft käme dann in der Abschlussrunde der Satz „Ich wusste gar nicht, was ich vermisst habe in meinem Leben“. Und wie gut Berührung tut.

Buch-Tipp:

Bruno Müller-Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebigs
„Berührung – Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt“
Ullstein Verlag 2018, 18 Euro

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