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Titel Wirtschaft Martin Gersch
Bild: Hahn+Hartung
25 Jahre Berliner Akzente

Berliner Wirtschaft: Zwischen Digitalisierung und Industrie-Renaissance

Was macht Berlin als Standort aus? Was waren die goßen Wirtschafts-Trends seit dem Mauerfall? Im Gespräch erklärt uns Prof. Dr. Martin Gersch, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der FU Berlin, warum gerade die Hauptstadt von der Digitalisierung profitiert hat, wie man ein funktionierendes Start-up gründet und was es mit Real-Laboren auf sich hat. Ein Streifzug durch 25 Jahre Wirtschaftsgeschichte.

Herr Professor Gersch, was macht Berlin als Standort aus?
Zunächst einmal ist Berlin als Hauptstadt eines wirtschaftlich starken Staates international sehr attraktiv. Viele Wissenschaftler/innen und Gäste kommen gern hierher. Darüber hinaus spielt die historisch bedingte Deindustrialisierung eine Rolle. Vor 30, 40 Jahren hing die Wertschöpfung in Deutschland noch an der Industrie. Doch das hat sich massiv geändert: Heute liegt der Fokus viel stärker auf Dienstleistung. Und mit der Digitalisierung kommt eine Entwicklung hinzu, die Berlin von Anfang an entscheidend mitgeprägt hat. Diese Revolution ist mindestens so fundamental wie einst die industrielle. Und in der Hauptstadt sind wir da mittendrin.

Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle?
Berlin hat konsequent neue Themenschwerpunkte aufgebaut, die sich jetzt als Stärke erweisen. Der Stellenwert von Wissenschaft ist herausragend. Weitere wichtige Bereiche sind Gesundheit und Mobilität. Und natürlich das Start-up-Thema, das sich über alle Branchen erstreckt. Diese Themencluster entwickeln sich in Kombination mit Wissenschaft und Digitalisierung zu einem auch wirtschaftlich soliden Fundament.

Dass die Industrie wieder die Nähe Berlins sucht, hängt auch mit den Stärken der Stadt zusammen: international, digital, Start-up-affin, wissenschaftsbasiert innovativ. Prof. Dr. Martin Gersch

Damit hat Berlin den Rückgang der Industrie gut kompensiert?
Etwas verkürzt gesagt, ja. Aber jetzt wird es spannend: Tatsächlich findet gerade so etwas wie eine Renaissance der Industrie in Berlin statt. Siemens kehrt zurück. Und ein ganz neuer Player siedelt sich in der Region an: Tesla. Dass die Industrie wieder die Nähe Berlins sucht, hängt sicher auch mit den genannten Stärken der Stadt zusammen: international, digital, Start-up-affin, wissenschaftsbasiert innovativ.

Bei so viel Wandel – welche Konstanten sehen Sie hier?
Nun, an erster Stelle natürlich die Menschen! Es ist dieser besondere Pragmatismus und der mitunter etwas ruppige Charme, der die Berlinerinnen und Berliner auszeichnet – was am Ende immer irgendwie funktioniert. Auch die Themencluster sind nicht von heute auf morgen entstanden. Ob man jetzt Kultur oder Gesundheit nimmt, das sind lange gewachsene Konstanten, die Berlin auch durch schwierige Phasen wie die aktuelle Corona-Krise helfen können.

Martin Gersch
Prof. Dr. Martin Gersch forscht seit Jahren passioniert rund um Wirtschaft und digitale Transformation. Er gründete und leitet den Digital Entrepreneurship Hub an der FU Berlin, als Plattform rund um Firmengründung. Bild: Hahn+Hartung

Welche Rolle spielt die Start-up-Szene für Berlin?
Noch so eine Erfolgsgeschichte, die sich aus den Stärken der Stadt zusammensetzt: Da ist vieles richtig gemacht worden, auch gegen Widerstände oder gar Spott. Man hat die Attraktivität des Standorts gut genutzt, die Leute gründen gern hier, es entstehen Netzeffekte, Investoren treten auf den Plan, und es entsteht eine Eigendynamik. Was jedoch nicht so läuft, sind digitale und internationale Verwaltungsdienstleistungen. Viele Start-ups möchten sich international aufstellen – doch dann kann niemand in der Verwaltung mit ihnen Englisch sprechen. Solche einfachen Standort-Services könnten deutlich professionalisiert werden.

Mein vielleicht wichtigster Rat: Macht es digitaler als die Etablierten! Das ist ja der große Vorteil von Start-ups. Prof. Dr. Martin Gersch

Sie beraten und begleiten Start-ups – wie lautet Ihre Zauberformel für Gründer?
Nun, die eine Erfolgsformel habe ich auch nicht. Aber es gibt schon ein paar Stellschrauben. Zunächst ist es wichtig, sich nicht zu isolieren. Gründer müssen von Anfang an raus, müssen immer wieder mit Kunden sprechen. Innovationsentwicklung ist heute ein iterativer Prozess, eine ständige Annäherung. Und dabei sollte man von Beginn an international denken – und gern auch international rekrutieren. Einzelkämpfer kommen selten weit. Heute gründet man in Netzwerke und Themenfelder hinein. An Bedeutung gewinnt das Thema gesellschaftliche Herausforderungen und Werte. Das kann bis zu einer Neuinterpretation von sozialer Marktwirtschaft führen: Wie kann man besser sein, was Ökologie oder kulturelle Faktoren der Wertigkeit von Arbeit und Wertschätzung von Mitarbeitern angeht? Und mein vielleicht wichtigster Rat: Macht es digitaler als die Etablierten! Das ist ja der große Vorteil von Start-ups: Sie können von Anfang an digital denken, und den Vorteil müssen sie unbedingt nutzen.

Wie sieht die Kooperation mit der Berliner Sparkasse aus?
Wir arbeiten seit rund zehn Jahren sehr gut zusammen. Gemeinsam entwickeln wir innovative Themen in den Bereichen* Gründungsförderung oder künstliche Intelligenz*. Die Berliner Sparkasse vergibt Fördermittel und Gründerpreise, finanziert eine Stiftungsprofessur für Digitalisierung und ermöglicht uns den Zugang in Netzwerke. Im Einstein Center Digital Future, dem Zentrum für Digitalisierungsforschung der Berliner Universitäten, engagiert sie sich zusammen mit Unternehmen wie der BVG, SAP oder Zalando dafür, dass Berlin führend ist und bleibt. In „Real-Laboren“ entwickeln wir gemeinsam die digitalen Services von morgen – die Unternehmen probieren aus, wir forschen dazu in Echtzeit. Das ist eine echte Win-win-Konstellation für alle Beteiligten. Und ein weiterer Beleg für Berlins exzellente Ausgangsposition auf dem Weg in die Zukunft.

Berliner Wirtschaft braucht einen starken Partner

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