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Titel Mit Herz Und Schnauze
Bild: Christine Rösch
Krisenfeste Berliner

Herz statt Schnauze: Die Bewohner der Hauptstadt können mit Krisen umgehen

Manchmal genügt ein Innehalten, um das Wesentliche ganz klar zu sehen: Zum Beispiel die Tatsache, dass Berliner seit eh und je krisenfest sind. Und dass man sich glücklich schätzen kann, in einer Stadt zu leben, in der Zusammenhalt wichtig ist.

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in kurzer Gruß, einen schönen Tag noch, dann ging man weiter. Doch nun blieb die Nachbarin auf dem Treppenabsatz stehen. „Geht es dir gut?“ Das hatte sie vorher nie gefragt, vor Corona. Dann begann sie zu erzählen. Wie sehr ihr im Homeoffice die Kollegen fehlten. Wie überrascht sie sei von der Freundlichkeit der Menschen, die ihr im Supermarkt begegnen. Wo man den Berlinern doch sonst eher eine gewisse Ruppigkeit nachsage. „Anstatt sich zu entschuldigen, dass sie mir mit ihrem Einkaufswagen in die Hacken gefahren sind, gab’s dann eher mal den Spruch: Was steh’n Se denn ooch so dicht vor mir?“, erinnert sie sich. Das ist noch nicht lange her.

Corona: Das Virus hat die Menschen verändert

Plötzlich hört man im Alltag, im Straßenleben sanftere Töne. Die Menschen achten aufeinander. Hinter der „Berliner Schnauze“ steckt eben doch jede Menge Herz. Und: In Krisenzeiten halten die Berliner zusammen. Das ist jetzt so. Das war aber schon eh und je so. Es sei „der Geist dieser Stadt, gerade in Krisenzeiten stark und solidarisch zu sein“, formulierte es der Regierende Bürgermeister Michael Müller.

Zusammenhalt unter Nachbarn

Das Corona-Virus war gerade erst in der Stadt angekommen, als der Zettel im Hausflur hing. Wer Hilfe beim Einkaufen brauche, weil er zu einer Risikogruppe gehöre und lieber nicht das Haus verlassen wolle, solle sich melden. Darunter der Zusatz: „Gemeinsam schaffen wir das!“ Der Zettel stammte von Frithjof Klepp, von Beruf Digitalberater, 45 Jahre alt, Kreuzberger. „Ich fand das naheliegend, selbstverständlich“, sagt er. Er habe den Eindruck, gerade in der Krise hätten „viele Großstadtbewohner begriffen, dass es wichtig ist, nicht nur auf die eigene Nase zu schauen“. Klepp beließ es nicht bei dem Aushang im Haus. Parallel baute er eine Website auf, listete Förderangebote für von der Krise betroffene Selbstständige und Unternehmen auf. Klar sei das aufwendig gewesen. Eine Handvoll Freunde hätten geholfen. Aber so um die 60 Arbeitsstunden steckten schon drin – Zeit, die er aus Überzeugung investiert hat. Mittlerweile hat er auf eigene Kosten eine zweite Website an den Start gebracht: www.surviving-corona-crisis.com. Mit Videos, Audios und Texten, in denen es darum geht, wie Menschen mit der Krise umgehen. „Wir dürfen doch jetzt nicht in die Erstarrung gehen“, begründet Klepp. Nur ein Beispiel von vielen, die sich in der Krise engagieren.

Helden des neuen Corona-Alltags

*Musiker konzertieren auf Balkonen** oder vor Pflegeheimen, Sternekoch Max Strohe und Ilona Scholl vom Restaurant „Tulus Lotrek“ in Kreuzberg haben kostenlos für „Menschen in Funktionsberufen“, für die Helden des Alltags, gekocht. Der 15-jährige Zehlendorfer Schüler Noah Adler hat eine Internetseite für Nachbarschaftshilfe aufgebaut, um Hilfsbedürftige und Helfende miteinander in Kontakt zu bringen. Der Kreuzberger Verein „Miteinander ohne Grenzen“ hat – ganz nach seinem Motto „Zusammen sind wir stark“– Schutzmasken genäht und einen Online-Treffpunkt eingerichtet, um „bei aller sozialen Distanz so etwas wie Nähe zu behalten“, sagt die Vorsitzende Marie Hoepfner. Bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung haben Beschäftigte auf ihren Urlaub verzichtet, um für ihre Klienten da zu sein. „Das ist toll zu erleben, wie alle zusammenstehen“, sagt Bereichsleiterin Sabine Träger.

Berliner Krisengeschichte

Dieses Zusammenstehen in Krisen macht den „Geist von Berlin“ aus. Die Berliner seien nie kleinmütig geworden, „auch wenn es ihnen miserabel zu gehen schien“, schrieb der Berliner Feuilletonist Friedrich Luft (1911–1990) im Vorwort eines Berlin-Bildbandes, den das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin 1963 herausbrachte. Luft spricht darin von einem Wunder, dass es „immer Episoden in der Geschichte Berlins, da die Stadt es schwer hatte“ gewesen seien, in denen die Berliner Ruhmvolles vollbracht hätten. Weit blickt Luft zurück: bis in die „Zeit nach 1807, da Napoleon mit dem europäischen Kontinent auch Berlin und Preußen besetzt hielt. Damals gründete man die Universität.“ Oder in die Spanne von 1910 bis 1933: In einer Zeit, „die mit dem Ersten Weltkrieg, dem Hunger des Nachkriegs, mit einer bösen Inflation und politischen Verwirrung sondergleichen geschlagen war“, habe man in Berlin „die besten und lebendigsten Theater der Welt“ gehabt. Luft schaut auch auf das Jahr 1945, das Ende des Zweiten Weltkriegs. Von zehn Häusern in Berlin sechs zerstört. „Kein Wasser. Kein Licht. Kein Brot … Hier, dachte man, würde nie wieder eine Blume blühen. Diese Stadt schien tot, hoffnungslos wie die Wüste Gobi.“

Berliner steckten nie den Kopf in den Sand

Doch die Berliner steckten den Kopf nicht in den Sand, sondern arrangierten sich. „Es galt, die Stadt wieder funktionsfähig zu machen, da hatten Innehalten und Klagen keine Chance“, schreibt Antonia Meiners in ihrem Buch Berlin 1945. Schon im Herbst 1945 fuhren wieder S- und U-Bahnen, gingen die Kinder wieder zur Schule. „Trotz Hunger und Elend erwuchs aus den Ruinen ein schon verloren geglaubter, unbändiger Lebenswille, man ging ins Kino, zum Tanzen, überall in der Stadt gab es Theater, Konzerte, Kabarett“, so Meiners. Vielfach waren es die Frauen, die das „Weiterleben ihrer Familien organisieren, Zerstörtes bewohnbar machen, Lebensmittel beschaffen“ mussten. Und: als „Trümmerfrauen“ klopften sie Tag für Tag Steine, damit aus dem Schutthaufen Berlin wieder eine Stadt werden konnte. Berlin habe sich „groß gehungert“, erinnert Friedrich Luft daran, dass hier nie „vom vollen, leichten Löffel“ gegessen wurde.

Herz Und-schnautze Flugzeug
Bild: Christine Rösch

Die Ruhe nicht verlieren – egal, welche Herausforderung wartet

Kaum hatten die Berliner nach den schrecklichen Kriegserlebnissen ein wenig durchatmen können, ging es schon wieder in den Krisenmodus. Mit der Blockade West-Berlins durch die sowjetische Besatzungsmacht von Juni 1948 bis Mai 1949 wurde Berlin zum zentralen Schauplatz des Kalten Krieges – und wurde zeitweilig versorgt von den sogenannten Rosinenbombern. „Man wollte uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Aber wir haben die Ruhe nicht verloren. Im widerwärtigen Krieg der Nerven waren die Nerven des Berliners immer die besten“, schreibt Friedrich Luft. „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht!“ war auch der Slogan der Kabarettsendung „Die Insulaner“, die der Rias von 1948 bis 1964 ausstrahlte. Durchhalte-Parole, aber auch „treffende Charakterisierung des herrschenden Lebensgefühls“, formuliert Franziska Nentwig, ehemalige Chefin des Stadtmuseums Berlin, im Katalog zur Ausstellung „West:Berlin – Eine Insel auf der Suche nach Festland“ (2005).
Ende der 1950er-Jahre spitzte sich der Konflikt um Berlin weiter zu. „Durch eine endlose Fluchtbewegung aus dem Ostteil der Stadt und der DDR nach Westberlin schien die Konsolidierung des noch jungen Arbeiter- und Bauernstaates in Gefahr, daher wurde 1957 der Grenzübertritt entscheidend erschwert“, heißt es dazu auf dem Landesportal berlin.de. Doch die Berliner Bevölkerung konnte das nicht von Besuchen der anderen Stadthälfte abhalten – und Tausende Berliner arbeiteten ja auch im jeweils anderen Teil der Stadt.

Berlin bleibt verbunden: über Mauer und Stacheldraht hinweg

Umso größer war der Schock, als die DDR die Grenze um West-Berlin am 13. August 1961 dichtmachte. Erst nach zähen Verhandlungen wurde im Dezember 1963 ein erstes Passierschein-Abkommen für Feiertagsbesuche beschlossen. Und: Die Berliner zeigten, dass sie natürlich ihre Freunde und Verwandten jenseits der Mauer nicht vergessen hatten. Mehr als eine Million Menschen reihte sich in die Warteschlangen vor den Passierscheinstellen ein. Eine dauerhafte Besuchsregelung trat erst mit dem Transit-Abkommen 1972 in Kraft. Doch auch danach wurde es den West-Berlinern mit Zwangsumtausch und Schikanen an der Grenze nicht leicht gemacht, nach Ost-Berlin einzureisen. „Dennoch hat das West-Berliner Paar, Petra und Horst Deichmann, das wir Anfang der 80er-Jahre im Urlaub kennengelernt hatten, uns all die Jahre regelmäßig besucht“, berichtet Gudrun Michaelis, die damals in Altglienicke lebte. Freundschaft, gelebter Zusammenhalt über Mauer und Stacheldraht hinweg. „Obwohl wir so manches nette Beisammensein jäh beenden mussten, weil die Uhr unerbittlich tickte“, erzählt die 74-Jährige. Ihre Tochter Katrin stimmt dazu den Udo-Lindenberg-Song „Mädchen aus Ost-Berlin“ an: „Ey, du musst ja spätestens um zwölf wieder drüben sein. Sonst gibt’s die größten Nervereien. Denn du hast ja nur’n Tagesschein.“
Bis zum Mauerfall war es da noch ein langer Weg – gepflastert mit weiteren Krisen, die die Berliner tapfer meisterten. Darunter auch zwei schlimme Grippe-Epidemien zwischen 1968 und 1970. Doch ihren Mut, ihre Entschlossenheit und ihre Solidarität haben die Berliner nie verloren – gestern wie heute. Seit eh und je.

Krisenfest durch die Corona-Zeit

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