Newsletter abonnieren
Titel Mauar-app
Bild: BetaRoom / Stefan Vincent
30 Jahre Mauerfall

Berliner Mauer: Mit dem Smartphone das geteilte Berlin erleben

Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Schon kurz nach dem 9. November 1989 verschwand das Monstrum aus Beton und Stacheldraht, das Berlin 28 Jahre lang teilte und West-Berlin auf einer Länge von 160 Kilometern abriegelte, fast vollständig aus dem Stadtbild. Wo genau sie verlief? Wie sie aussah? Die App MauAR macht die Mauer virtuell wieder erlebbar. Mittels Augmented Reality.

D

ie Kohlhasenbrücker Straße entlang, die hier in die Neue Kreisstraße übergeht. Rechts die Söhnel Werft am Ufer des Teltowkanals. Über die Brücke. Weit kann es nicht mehr sein bis zu der Stelle, an der die Mauer West- und Ost-Berlin voneinander trennte. Das Auto parken, zu Fuß weiter, das Smartphone in der Hand. Die Karte der MauAR-App ist blau eingefärbt. Noch bin ich also im ehemaligen Westteil Berlins, der Osten wird in Rot dargestellt. Gebannt blicke ich auf die schwindenden Meterangaben. Fünf Meter noch bis zur Mauer, vier, drei …

Berliner Mauer virtuell entdecken

Hier also hat sie gestanden. Hätte ich spätestens dann festgestellt, wenn ich den Blick nicht stur aufs Handy gerichtet, sondern mich in meiner Umgebung umgeschaut hätte. Vor mir das Ortsschild Potsdam.

Mauar-app 2
Bild: Katrin Starke

Ich drehe mich um: Berlin, Bezirk Zehlendorf. Und in einem Garten steht ein ehemaliges Mauersegment. Orange, blau, rosa – bunt angemalt. „Standort wird bestimmt“, lese ich auf meinem Smartphone, dann soll ich den Boden scannen. Es kann losgehen.

Originalbilder an Originalschauplätzen

Ich starte die Episode „Ein Sonntag im August“ – das Startsymbol ist blau. Also wird aus West-Berliner Sicht erzählt. Vom 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus. Ich halte das Handy in Augenhöhe in Richtung Potsdam. Das Bild im Display ist plötzlich nur noch schwarz-weiß. Panzer seien auf der Ostseite aufgefahren, erzählt Johanna, ein fiktives Mädchen, 15 Jahre alt, aus West-Berlin, in der App. Da. Wie aus dem Nichts taucht der Panzer am rechten Straßenrand auf. Ein Stacheldrahtzaun zieht sich über die Fahrbahn, dahinter Soldaten. Drei, nein, dort ist noch einer: vier. Gesichter haben sie nicht. Ich gehe ein paar Meter weiter, übertrete die heutige Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg, schwenke das Handy zurück in Richtung Berlin. Aufs Display ist die Farbe zurückgekehrt. Wir sind nun schon im Jahr 1971. Direkt vor mir blockiert eine Mauer aus Beton den Weg.

Zeitreise via App: Die Berliner Mauer in den Jahren 1961, 1971 und 1981

Das Berliner Ortsschild ist nicht mehr zu sehen, nur noch die Bäume in den Gärten auf Westseite überragen die Mauer. Die auf mich zufahrenden Autos, die ich erkenne, als ich am Handy vorbeischiele, kann ich beim Blick aufs Display zwar noch hören, aber nicht mehr sehen. Gespenstisch. Schwenk ins Jahr 1981: Der Stacheldraht auf der Mauer verschwindet. Stattdessen ist sie nun noch viel höher, oben mit abgerundeten Betonsegmenten versehen. Das ist die Besonderheit der App: Exemplarisch lässt sich an drei Zeitpunkten – 1961, 1971 und 1981 – nachvollziehen, wie sich die Mauer über die Jahre veränderte, wie sich die Sperranlagen zu einem immer dichteren Grenzsperrsystem entwickelten.

MauAR-App für junge Generation interessant

Aber habe ich jetzt wirklich etwas Neues erfahren? Wie die Mauer ausgesehen hat, weiß ich auch ohne App. Ich gehöre zu der Generation, die Berlin noch als geteilte Stadt kennt, erinnere mich an die Spaziergänge mit den Eltern zur Mauer, an die winkenden Menschen, die von den Rudower Höhen – West – über die Grenzbefestigungen nach Altglienicke – Ost – schauten und umgekehrt. Kurze Momente des Augenkontakts über die Grenze hinweg – beobachtet und beargwöhnt von Soldaten auf Wachtürmen. „Aber es gibt inzwischen eine ganze Generation, die die Mauer nicht mehr gesehen hat“, gibt Peter Kolski, der Entwickler der App, zu bedenken. Ein Argument, das zählt.

Mauar-app 1
Bild: Katrin Starke

Erweiterung der Realitätswahrnehmung

Kolski geht es darum, dass eben diese Generation ein Gefühl dafür bekommt, „wie es gewesen sein muss, als die größte Metropole Deutschlands im Kalten Krieg geteilt war“. Aber anders als damals ist es via Smartphone nicht nur möglich, vor der Mauer zu stehen, sondern um sie herumzulaufen – oder gleich durch sie hindurch.
Die Erweiterung der Realitätswahrnehmung gelingt mittels Augmented Reality. „Öffnet man die App an einem Ort, wo einst die Mauer stand, erscheint ein bewegliches 3D-Modell der Berliner Mauer auf dem Display von Smartphone oder Tablet, sobald das Gerät in Sichtrichtung des Mauerverlaufs gehalten wird“, heißt es im Pressetext zur App. Habe ich gemacht – und bewusst an einem Ort, an dem ich zu Mauerzeiten nie gestanden habe. Um die Wirkung zu testen. Ja, es hat mich berührt.

Mauer an allen Orten in Berlin erlebbar

Irritiert bin ich aber, als ich feststelle, dass sich die Mauer auf dem Display überall in der Stadt aufbaut. Beispielsweise, als ich über den Alexanderplatz laufe. Dabei wollte ich nur nachsehen, ob die angekündigte Episode zur friedlichen Revolution schon eingestellt ist. Zum Auftakt der Festwoche „30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall“ (vom 4. bis 10. November) sollen App-Nutzer virtuell an der Massendemonstration am 4. November 1989 auf dem Alex teilnehmen können. Die Episode ist an diesem Tag im Oktober noch nicht eingestellt. Wohl aber baut sich die Mauer vor dem heutigen Hotel Park Inn auf. Eigentlich müsste es jetzt wieder das Interhotel Stadt Berlin sein, schießt mir durch den Kopf. Aber Moment mal. Hier verlief die Mauer doch gar nicht. Was gaukelt mir die App denn plötzlich vor? Ist die Handy-Anwendung etwa kaputt, entwickelt womöglich ein Eigenleben? Nein, alles okay, beschwichtigt App-Erfinder Kolski. Es sei beabsichtigt, dass das 3D-Modell der Maueranlage auch an jedem anderen Ort auf den Bildschirm geholt und virtuell begangen werden könne. Die Karte mache ja deutlich, wie weit der echte Mauerverlauf entfernt sei. Es gehe darum, die Mauer generell wieder erlebbar zu machen.

Stadt der Freiheit

Der Herbst vor 30 Jahren hat unsere Stadt in einen Sehnsuchtsort verwandelt. Seitdem gilt Berlin als Hauptstadt der Freiheit, in der Vielfalt, Gegensätze, Gemeinsamkeiten, Verrücktes und auch Spießiges friedlich miteinander leben. Lesen Sie in unserer großen Reportage, welche Oasen auf den Fundamenten der damals niedergerissenen Mauer entstanden sind, die unsere Stadt heute ausmachen >>

Berliner Mauer auch in den eigenen vier Wänden sichtbar

Skurrile Züge nimmt es allerdings an, als ich die App zu Hause in meiner Kreuzberger Wohnung öffne, statt des Straßenbelags meinen Parkettboden scanne und die Mauer mitten durch mein Wohnzimmer verläuft. Der Panzer steht nun auf dem Flur, vor dem Bücherregal erhebt sich ein Wachturm. Natürlich hat Kolski Recht, wenn er sagt, dass so viel Abstraktionsvermögen von den Nutzern durchaus erwartet werden könne, irritierend bleibt der Stacheldraht auf meinem Sofa dennoch.

Fiktive Charaktere führen durch die App

So recht anfreunden kann ich mich auch mit Andreas und Johanna nicht. Die beiden fiktiven Charaktere schildern ihre Erlebnisse aus Mauerzeiten: Andreas, geboren in Ost-Berlin, feiert am 13. August 1961 seinen zehnten Geburtstag, als er vom Küchenfenster aus beobachtet, wie die Grenze geschlossen wird – und sich fragt, wie er künftig zu dem Kaugummiautomaten kommen soll, der auf der Westseite steht und in den er gern mal einen Groschen versenkte, wenn ihm jemand zehn Pfennige West geschenkt hatte. Sein Pendant Johanna erlebt den Mauerbau mit 15 Jahren in West-Berlin. 1969, es waren unruhige Zeiten in West-Berlin, sie habe gegen den Schah demonstriert, spricht die Stimme von der App. Nähere Erklärungen? Fehlanzeige. Es wird viel Wissen bei den App-Nutzern vorausgesetzt. Aber wissen die jungen Leute, die die Mauer nicht mehr erlebt haben, wer der Schah war? Und um was es bei dem Protest ging?

Festivalwoche „30 Jahre Friedliche Revolution“

Zur Festivalwoche „30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall“ gibt es noch viele weitere Aktionen von Kulturprojekte Berlin, darunter 3D-Videoprojektionen an Originalschauplätzen. So werden beispielsweise auf dem Alexanderplatz die Wünsche, Hoffnungen und Forderungen der Demonstranten erlebbar, die hier am 4. November 1989 der SED-Führung die Stirn boten. Und am Humboldt Forum wird die historische Fassade des ehemaligen Palastes der Republik wieder sichtbar.

Mehr Infos zur Festivalwoche unter: www.mauerfall30.berlin
Zum Download finden Sie die App unter: https://mauar.berlin

Diese Themen könnten Sie auch interessieren