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Titel Kindheit
Bild: Annette Leyssner
Berliner Kindheiten

Bei Fremden im Wohnzimmer

Johannes Zillhardt sammelt Berliner Kindheiten. Über Berliner, die mit Spreewasser getauft sind, als Heranwachsende den Mauerfall erleben – und die Filmkamera in ihr Leben lassen. Und über einen Mann mit einer großen Mission: ein lückenloses Mosaik der Menschen dieser Stadt zu erstellen.

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lles fängt mit Waltraud Gasche an. Jeden Abend steht die über 80-Jährige vor Johannes Zillhardts Tür. Mal geht der Fernseher nicht an, dann ist wieder ein „merkwürdiges Pfeifgeräusch“ im Heizkörper zu hören. Irgendwann dämmert es dem 36-Jährigen: Die alte Dame sucht Gesellschaft.

Das war vor fünf Jahren in der Blücher Straße in Kreuzberg. Hier hat Johannes Zillhardts großes Projekt seinen Anfang genommen. Denn bei einer lustigen Runde Rommé stellte sich heraus, dass Waltraud Gasche tatsächlich bei Johannes Zillhardt in der Küche geboren worden ist. Da entstand der Plan, bei dem nächsten Treffen die Video-Kamera aufzustellen und die Kindheitserinnerungen der alten Dame festzuhalten.

„Ich will ein Mosaik erstellen der verschiedenen Menschen und Kieze Berlins.“ Johannes Zillhardt

Aus dem Einzelfall wurde ein Projekt: Zillhardt begann, Erinnerungen von Berlinern an ihre Kindheit zu sammeln. Seit September 2017 stellt er sie für alle zugänglich ins Netz. Sein Ziel: „Ich will ein Mosaik erstellen der verschiedenen Menschen und Kieze Berlins.“

Waltraud Gasche, Jahrgang 1927

Formate: video/youtube

Die bisher älteste Teilnehmerin: Waltraud Jerominski, Jahrgang 1920. Sie wächst in den 1920ern in Mitte rund um die Invalidenstraße auf. Im Video nimmt Jerominski die Zuschauer mit in ihren Turnverein namens „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“ – und in den Krollgarten, in dem sie ihre ersten Tanzerfahrungen sammelte.

„Kennen Sie Kroll?“ fragt die rüstige Dame im Video. „Nein? Das ist ein Etablissement gewesen, wo man tanzen konnte und Kaffee trinken. Meine Freundinnen sind ständig aufgefordert worden, und ich saß da als Mauerblümchen.“ Etablissement, Mauerblümchen – allein die Sprache mit längst verschwundenen Worten ist für den 36-Jährigen ein Schatz zum Bewahren: „Das kennt man sonst nur noch aus Romanen“, schwärmt er.

Waltraud Jerominski, Jahrgang 1920

Formate: video/youtube

Zillhardt ist in seinem Berufsleben sonst Pädagoge. Der Mann mit dem Drei-Tage-Bart spricht ruhig, beinahe unscheinbar. Und doch faszinieren ihn förmlich diese vielen persönlichen und berührenden Geschichten der Berliner. Wie verschieden diese sein können, nur wenn Menschen zwei Straßen weiter aufwachsen. Oder wenn eine große Mauer in der Geschichte dazwischen lag. So wie bei Juliane Winkler, Jahrgang 1978.

Johannes Zillhardt
Johannes Zillhardt Bild: Annette Leyssner

Sie wächst in einem Plattenbau im Prenzlauer Berg auf: Waschechte Berlinerin, „mit Spreewasser getauft“, scherzt sie. Winklers erste bewusste Erinnerungen fallen in die letzten Jahre vor dem Fall der Mauer. Sie liefert ein eindringliches Bild davon, wie eine Heranwachsende diese historische Periode erlebte: „Ich war wirklich eine sehr aufrechte Sozialistin“, sagt die Ostberlinerin. „Freiwillig bin ich mit meinem roten Halstuch und meiner Pionierbluse so am Nachmittag Blumen kaufen gegangen, um sie zum Thälmann-Denkmal zu tragen und meinen Pionier-Gruß davor zu machen.“

Der größte Traum der Mädchen in ihrem Freundeskreis galt einer Eisprinzessin – „einmal wie Kathi Witt sein zu dürfen“, das sei das unerreichbare Ziel gewesen. Dennoch war die junge Pionierin nicht gänzlich linientreu. Sie liebte es , heimlich West-Fernsehen mit ihrem Bruder anzusehen, „wo wir dann mit einer Gabel in den Antennen-Ausgang gestochen haben, um Sat.1 zu gucken.“

Juliane Winkler, Jahrgang 1978

Formate: video/youtube

Die Motivation der Teilnehmer: etwas hinterlassen

Was motiviert die Teilnehmenden? Gerade bei den älteren unter ihnen ist es der Wunsch, „Zeugnis abzulegen, dass ich da war“, hat Zillhardt festgestellt. Er hat ein großes Herz für betagtere Mitbürger. „Gerade so ab 80 haben die Leute richtig Spaß daran, sich einzulassen. Irgendwann schweifen die Blicke an die Zimmerdecke ab und du merkst: Die sind jetzt gar nicht mehr bei dir, sondern in der Wohnung ihrer Kindheit, von der sie erzählen oder sehen Leute von früher vor sich.“

So gewinnen alle Seiten: Die Befragten hinterlassen ein Dokument über ihr Leben, welches Kinder und Enkel noch in Jahrzehnten im Internet finden können. Diejenigen Berliner, die die Seite anklicken, können sehen, ob sich ihre Erinnerungen mit denen ihrer Jahrgangsgenossen decken oder Einblicke gewinnen, wie es zur Zeiten ihrer Eltern und Großeltern war, ein Kind zu sein.

„Ich sitze gerne bei fremden Menschen im Wohnzimmer und höre zu!“ Johannes Zillhardt

Zillhardt, der sich neben seiner Arbeit als Kunstpädagoge an einer Berufsschule ehrenamtlich diesem Herzensprojekt widmet, ist selber übrigens stolzer Essener. Seiner Liebe zu den Berlinern tut dies keinen Abbruch. „Ich sitze gerne bei fremden Menschen im Wohnzimmer und höre zu!“ Inspiriert wurde Zillhardt ferner von der Arbeit des Amerikaners Studs Terkel und dessen „Working“ Serie.

In diesen Büchern erzählen jeweils 100 Amerikaner verschiedener Geburtsjahrgänge etwas zu Themen wie Kindheit, Arbeit oder Elternschaft. Querbeet kommen Vertreter aller Schichten zu Wort. Vom Rechtsanwalt bis zum Würstchenverkäufer. Interessante Menschen trifft Zillhardt auch in Berlin überall: In der Kneipe oder beim Einkaufen. Sein Ziel: Für jeden Jahrgang von 1920 bis heute möglichst mindestens einen Zeitzeugen finden, wobei Doppelungen kein Ausschlussgrund sind.

Auch Promis unter den Zeitzeugen zu haben, findet er nicht wichtig. Obwohl, stolz ist er schon, dass er Matthias Roeingh, alias DJ Motte, gewinnen konnte, der den Berlinern aus der Partyszene der neunziger Jahre wohlbekannt ist. Roeingh, Jahrgang 1960, erzählt von seinem ersten Ghettoblaster und wie er als Jugendlicher sein Geld lieber für den Eintritt in Jazz-Clubs in Charlottenburg ausgab als für Alkohol.

Matthias Roeingh, Jahrgang 1960

Formate: video/youtube

Waltraud Gasche aus der Kreuzberger Blücherstraße, die den Stein ins Rollen brachte, ist natürlich auch unter den Portraitierten. Leider ist sie mittlerweile verstorben. Aber die Erinnerungen an sie leben im Internet weiter.

Alle Kindheiten kann man sich ansehen über www.berlinerkindheiten.de

Literaturtipp:

Studs Terkel

Working: People Talk About What They Do All Day and How They Feel About What They Do (640 Seiten)

The New Press (neueste Auflage 1997)

18 Euro

Mitmachen ist bei dem Projekt erwünscht. Wer Berliner ist oder einen waschechten Ur-Berliner vorschlagen möchte, kann eine Mail senden an berliner.kindheiten@gmail.com

200 Jahre Berliner Sparkasse

Die Berliner Sparkasse hat ebenfalls eine lange Geschichte. Erfahren sie mehr in den Folgenden Artikeln:

Zinsbar und sicher

Die Sparkasse war Hilfe zur Selbsthilfe

Für ein gutes Miteinander im Kiez

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