Titel Verschwindende Sprache
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Berliner Dialekt

Verschwindende Sprache

Muss man den Berliner Jargon und das DDR-Deutsch erhalten? Nicht mit aller Gewalt, meint Buch-Autor Jan Eik. Aber es wäre doch schade um die vielen lustigen Worte, die verloren gingen. Also schreibt der 77-Jährige gegen das Verschwinden an.

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ongforzionös“ ist der liebste berlinerische Ausdruck von Jan Eik. Nach reiflicher Überlegung sprudelt der Begriff aus ihm heraus. Womit über den Berliner Dialekt bereits alles gesagt wäre. In nur einem Wort. Das Aufgeblasene, Wichtigtuende geht ihm völlig ab. Schnörkellos ist die Sprache der Hauptstadt, dafür stets ein wenig spöttisch.

Zugezogene sollten sich vorsehen

Zugezogene – und das ist in Berlin tatsächlich rund jeder Zweite – sollten sich also vorsehen: Wer auf dem Ku’damm mit dem schnellen Auto prahlt oder in der Torstraße ein überteuertes Rote-Bete-Carpaccio mit Chia-Samen bestellt, könnte von einem gänzlich unbeeindruckten Ur-Berliner mit einer hochgezogenen Augenbraue und eben jenem ironisch-süffisant gesäuselten bongforzionös bedacht werden.

Zehn Berliner Begriffe, die unsere Autorin Zugezogenen ans Herz legt:

  • Keen Aas = niemand
  • abjebrannt = pleite
  • een abbeißn = einen Schluck trinken
  • een Kleen zum Abjewöhn = Absacker
  • Jrütze = Verstand
  • schpacker Schtippi = schmächtiger kleiner Junge
  • abjachtern = abhetzen
  • behumpsen = betrügen
  • anjepeest kommen = im Eiltempo laufen
  • anjewackelt kommen = gemächlichen Schrittes laufen
„Berlinisch is ooch ‘ne Weltanschauung.“ – Angelika Mann aus: Jan Eik, Der Berliner Jargon

Eines von vielen Worten, an die Jan Eik in seinen Büchern „Der Berliner Jargon“ und „Sprache der DDR“ auf unterhaltsame Weise erinnert. Wir besuchen den Schriftsteller in seiner Wohnung im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. Plattenbau. Im Flur steht eine Umzugskiste. Ob er noch nicht lange hier wohne? „Erst seit 50 Jahren“, erwidert der 77-Jährige mit einem diebischen Grinsen.

Jan Eik
Bild: Malte Kollenberg

Geboren zwischen Ostkreuz und Frankfurter Allee, als Kind zwischenzeitig nach Thüringen evakuiert, wuchs Jan Eik mit Blick auf die Stasi-Zentrale auf. Eigentlich ist er Ingenieur. 30 Jahre arbeitete er als Techniker beim Rundfunk der DDR. Nebenbei geschrieben hat er schon immer. Etwa Glossen für die Weltbühne – das ist jenes Blatt, das einst von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky geleitet, dann von den Nazis verboten und schließlich in Ost-Berlin wiederveröffentlicht wurde. Seit den 1970ern schreibt er Krimis.

Verständnis für die Vergangenheit durch Sprache

Mit seinen Bändchen „Der Berliner Jargon“ und „DDR-Deutsch“ schreibt er wider das Vergessen. Ein militanter Sprachschützer ist Eik, der eigentlich Helmut Eikermann heißt, allerdings nicht. „Ich habe nicht einmal gegen Schwäbisch etwas“, sagt er. Erneut das diebische Grinsen.

Ob man denn Sprache überhaupt erhalten müsse? Schließlich sei sie ohnehin immerzu im Wandel. „Mit aller Gewalt nicht, nein“, wägt er ab. „Aber es wäre doch schade um die vielen lustigen und schönen Dinge, die verloren gingen. Um das Verständnis für die Vergangenheit.“

Großer Einfluss der Hugenotten und Slawen

Nicht zu überhören im Berliner Dialekt ist zum Beispiel der Einfluss der Hugenotten. Bonne force sagten diese auf Französisch, wenn sie etwas großartig fanden. Sich einzelner Worte aus fremden Sprachschätzen zu bedienen, es aber beim ungefähren Gleichklang zu belassen – auch das ist typisch Berlinisch. Keine Berliner Budike ohne boutique, ohne ein Être, peut-être kein Etepetete.

Jan Eik
Bild: Malte Kollenberg

Jiddisch findet sich ebenfalls in der Berliner Mundart, daneben slawische Einschläge: Sorbisch, Wendisch, Tschechisch, Polnisch und Russisch. „Dazu viel Amerikanisch und Denglish“, schreibt Jan Eik. „Der übergroße Rest, soweit nicht vor Ort erfunden, ist Niederdeutsch, mit frühen niederländisch-flämischen Einflüssen und – das lesen echte Berliner besonders gerne – Obersächsisch.“

Der Berliner sacht immer mir, ooch wenn’t richtich is! – Berliner Akkudativ aus: Jan Eik, Der Berliner Jargon

Und dann erzählt er von einem seiner Krimis. Darin gibt es eine Bahnhofsszene und den Satz: „Der Mann saß in der Wanne.“ Was um Himmels Willen denn eine Wanne sei, habe die Lektorin wissen wollen, sie dachte wahrscheinlich an die Badewanne. „Da kommt ein Berliner überhaupt nicht auf die Idee, dass ein anderer das nicht wissen könnte“, sagt Eik und klopft dabei mit der Hand auf den Tisch. „Früher hatte jeder Bahnhof eine Abfertigung und einen Stationsvorsteher mit roter Mütze. Und vorn und hinten am Bahnhof saßen Menschen in einer so genannten Wanne – aus Holz. Und die knipsten die Fahrkarten.“

Dit Leben is am schwersten – drei Taje vor dem Ersten aus: Jan Eik, Der Berliner Jargon

So schnörkellos der Berliner Dialekt, so staatstragend und unfreiwillig komisch ist die Sprache der DDR, über die Eik ein weiteres Büchlein schrieb. Ob Verkehr mit Hackfleisch oder Erdmöbel statt Särge: Aus heutiger Sicht ist es oft schwierig, zwischen originärem Begriff und Satire zu unterscheiden. Die berühmte geflügelte Jahresendfigur – das soll an dieser Stelle ein für allemal geklärt werden – gehört zu letzter Kategorie.

„Wir müssen ein Buch darüber machen, was von der DDR-Sprache übriggeblieben ist“, habe der Verleger gesagt, erzählt Jan Eik an seinem Esstisch. „Drei Tage später hab ich ihn angerufen und gesagt: Du, dit kann ick dir uf eene Seite schreiben. Da is nix jeblieben.“ Es wurde dann vor allem ein Buch über das, was von der DDR-Sprache nicht übriggeblieben ist.

Ob er dennoch einen Lieblings-DDR-Begriff habe? „Die Rolle der Bedeutung. Das sagt schon alles. Das ist eben einfach bloß Quatsch“, sagt der Schriftsteller und lacht.

Pass uff Onkel, der Hund beißt dir! – Dich, mein Junge. Dich! – Nee. Mir kennta ja. aus: Jan Eik, Der Berliner Jargon

Ein bisschen Sprachschützer ist Jan Eik dann doch. Es wurmt ihn, wenn einer Sinn machen statt Sinn ergeben sagt. Oder Dschoorrnalisten statt Journalisten – mit einem U-Laut wie in Bonjour. „Wo kommt dit her?“, sagt er wie zu sich selbst. „Na jut…“

Jan Eiks Bücher:

Der Berliner Jargon
Jaron-Verlag, 5 Euro

DDR-Deutsch – Eine entschwundende Sprache
Jaron-Verlag, 5 Euro

Formate: video/youtube

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