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Berlin musiziert
Bild: Wolfgang Stahr
Kultur

Berlin musiziert

Wer ein Instrument beherrscht, erobert neue Welten, findet Entspannung und bringt kreative Impulse in Freundeskreis und Familie. Auch wenn große Meister früh beginnen: Zum Musizieren ist es nie zu spät.

B

um bum-bum. Bum bum-bum. Ein Schlag mit der linken Hand auf die Membran, dann zwei Schläge mit der rechten. Immer wieder klopft Henry den Rhythmus auf die mit Fell bespannte Trommel. Im Schneidersitz hockt er hinter dem Instrument – das so groß ist, dass nur sein blonder Haarschopf hervorlugt.

50.000 Musikschüler in Berlin

Bum bum-bum. Henry ist drei Jahre alt. Zu klein, um ein Instrument zu lernen? Um das herauszufinden, sind Yasmin (32) und Benjamin Ahlers (34) mit ihrem Sohn ins Klingende Museum gekommen. Eine von mehr als 2.000 Familien, die jährlich in der Weddinger Einrichtung vorbeischauen. Vielleicht ist Henry ja schon bald einer der mehr als 50.000 Schüler, die sich an den zwölf Musikschulen der Berliner Bezirke die (Flöten-)Töne beibringen lassen.

Kind spielt trompete
Großer Spaß für die Kleinen: das Erlernen eines Instruments. Bild: Wolfgang Stahr

Während der Junge noch immer die Trommel bearbeitet, versucht Samantha der Trompete einen Ton zu entlocken. Die Backen dick gebläht, presst die Sechsjährige mit aller Kraft die Luft aus ihrer Lunge ins Instrument. Vergeblich. Womöglich werden ihre Eltern am Ende des Tages entscheiden, dass ein Blasinstrument für ihre Kleine noch nicht das Richtige ist. „Hier haben sie die Möglichkeit, das in entspannter Atmosphäre festzustellen”, sagt Projektleiter René Gruschinski. Der sich noch genau an seine Schulzeit in Berlin erinnert. „Da gab’s ein verstimmtes Klavier. Und an der Wand ein paar Plakate, zur Erläuterung von Instrumentengruppen.” Selber ein Instrument ausprobieren? Bei ihm damals Fehlanzeige. Umso glücklicher ist er, wenn heute Knirpse ins Klingende Museum kommen, um auf die Pauke zu hauen oder an der Saite eines Cellos zu zupfen.

Instrumente lernen

Jeder Bezirk unterhält eine Städtische Musikschule mit umfassendem Kursangebot. Dazu gibt es viele private Musikschulen.

Adressen der städtischen Musikschulen (Teil1)

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Weitere Adressen städtischer und privater Musikschulen

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Training fürs Gehirn

Beim Open House beispielsweise, jeden ersten Sonnabend im Monat, können Besucher Instrumente anfassen, ausprobieren, zum Klingen bringen. „Wenn Klein-Ali oder die lütte Susanne noch nie ein Saxophon in der Hand hatten, können sie nicht wissen, ob es ihnen gefällt”, erläutert Gruschinski die Philosophie des Hauses. Das Ziel: Kinder im frühen Alter fürs Musizieren zu begeistern. „Wir sind der Schritt vor der Musikschule.” Was nicht heißt, dass in der Behmstraße nur Kinder den Weg zum Instrument finden. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt zwar bei den Jüngsten – mit unserem Klingenden Mobil bringen wir ja auch Instrumente in Kitas und Grundschulen –, aber genauso kann sich die Großeltern-Generation bei uns ausprobieren.”

Klingendesmuseum
Egal ob Geige oder Posaune: Beim Üben in der Leo-Borchard-Musikschule darf es laut und lustig zugehen. Bild: Wolfgang Stahr

Das richtige Einstiegsalter? „Das fragen alle Eltern.” René Gruschinski lacht. „Es gibt Zweijährige, die kann man schon ans Klavier setzen”, weiß Sahrin Rezai. Die Jazzsängerin und -pianistin arbeitet als freie Musikpädagogin viel mit Kindern. „Und ganz Kleine, die schon super Schlagzeug spielen können.”

Blasinstrumente seien in dem Alter dagegen meist noch nicht geeignet, sagt Joachim Gleich, Chef der Leo-Borchard-Musikschule in Steglitz-Zehlendorf. „Die Kraft in den Lippen und das Lungenvolumen reichen noch nicht aus.” Grundsätzlich gelte aber: „Je früher, umso besser.” Zumindest dann, wenn „der Nachwuchs in die Fußstapfen von Anne-Sophie Mutter treten soll”. Die Berliner Geigerin, heute eine der erfolgreichsten Musikerinnen weltweit, beherrschte ihr Instrument schon, bevor sie das ABC lernte. „Aber wir wollen nicht nur kleine Philharmoniker ausbilden.”

Instrumente entdecken

Klingendes Museum Berlin
Behmstraße 13, Wedding, Tel. (030) 36 46 62 23
klingendes-museum-berlin.de

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Zweijährige am Klavier: Musizieren im frühen Alter

Schließlich sei „die Musik als solche” ein Wert, so Gleich. Immer häufiger kämen auch Erwachsene an die Musikschulen. „Keine rasante Bewegung, aber als Trend erkennbar.” Menschen über 27 Jahren machen aktuell ein Fünftel der Zehlendorfer Musikschüler aus, bundesweit liegt der Anteil erwachsener Musikschüler laut Verband deutscher Musikschulen (VdM) bei zehn Prozent. Die meisten Erwachsenen buchen Einzelstunden.

„Ihnen ist es beim Vorspielen oft peinlich, wenn die Kinder weiter sind.” Was nicht selten der Fall ist. „Kinder sind unvoreingenommener”, hat Sahrin Rezai festgestellt. In der Elterngeneration sei der Wille zum Lernen oft blockiert. Da höre sie so manches Mal, dass man dieses und jenes doch nicht mehr schaffe. Und ja, manchmal ist es eben auch so. „Manche Mütter wollen gemeinsam mit ihrer Tochter ein Instrument lernen – und nach zwei Monaten merken sie, dass die Tochter doppelt so viel kann”, weiß Joachim Gleich. Schon mit Mitte 30 lerne ein Erwachsener meist nicht mehr so schnell wie ein Kind. Aber davon solle sich niemand entmutigen lassen. Im Gegenteil: „Musizieren ist eine gute Art, um das Gehirn zu trainieren.”

  • Klingendes museum, Musikpädagogin Sahrin Rezai

    „Kinder sind unvor­ein­genom­men”: Musikpädagogin Sahrin Rezai lässt im Klingenden Museum kleine und große Berliner an Instrumenten experimentieren. Wolfgang Stahr

  • Musikschule Leo Borchard

    Morgens Mathe, nachmittags Orchester: Statt im „stillen Kämmerlein” musizieren junge Bläser im Musiksaal der Wilma-Rudolph-Oberschule. Wolfgang Stahr

  • Musikschule Leo Borchard

    Jazz, Klassik oder Pop? Die Auswahl des Instruments beeinflusst auch die musikalische Stilrichtung. Wolfgang Stahr

  • Saxophon Gruppe Xsteps

    Auch Erwachsene können ein Instrument erlernen. Soeren Hese

  • Saxophon Gruppe Xsteps2

    Soeren Hese

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Üben, so lang es Spaß macht

Sahrin Rezai sieht das Bedürfnis der Erwachsenen, ein Instrument zu erlernen, als Gegenbewegung zum Leistungsdruck. Im Beruf gehe es vielfach nur darum, zu funktionieren. Die Musik bringe die Menschen zu sich selbst zurück. „Der Mensch bringt ein Instrument zum Schwingen – aber das Instrument bringt auch den Menschen zum Schwingen”, sagt die 38-Jährige. „Das sorgt für inneren Frieden.” Dass sich danach immer mehr Leute sehnen, sei allein schon am Trend zu Yoga und Esoterik erkennbar.

Üben sollten Kinder wie Erwachsene stets nur so lange, „wie das Üben Spaß macht”, sagt die Musikerin. Nicht die Dauer, sondern die Regelmäßigkeit des Übens sei der Schlüssel zum Erfolg, meint auch Musikschulleiter Gleich. Und wenn sich trotz fleißigen Übens der gewünschte Erfolg nicht sofort einstellt? „Dann brauchen Erwachsene mehr Anerkennung als Kinder”, sagt Gleich. Natürlich lobe er nicht, wo es nichts zu loben gebe, „aber Erwachsene müssen stärker motiviert werden”.

Sparkassen unterstützen „Jugend musiziert”

Deutschlands größten und renommiertesten Nachwuchs­wettbewerb für junge Musiker gibt es seit über 50 Jahren. Von Anfang an waren die Sparkassen engagierte Partner. Termine und Infos zum laufenden Wettbewerb:
www.jugend-musiziert.org

Aus dem Kämmerlein ins Ensemble

Wenn Erfolge sichtbar werden, wollen viele „Musiklehrlinge” nicht länger im „stillen Kämmerlein” musizieren. Müssen sie auch nicht. Dafür gibt es die Ensembles der Musikschulen – vom Streichorchester über die Percussion-Gruppe bis zur Jazz-Big-Band. An der Leo-Borchard-Musikschule – die noch vor großen Playern wie der Musikschule Hamburg und der Musikschule in Charlottenburg-Wilmersdorf als größte kommunale Musikschule Europas gilt – spielen rund 1.000 Schüler in 60 Ensembles. Und an der Freien Jugendorchesterschule Berlin setzt man darauf, dass alle, die ein Orchesterinstrument erlernen, parallel zur Ausbildung am Instrument gleich im Ensemble spielen.

Welches Instrument soll es sein?

Wer sich fürs Musizieren mit Gleichgesinnten entscheidet, hat sein Instrument gefunden. Was aber, wenn Eltern unsicher sind, ob ihr Kind durchhält? „Dafür gibt es an der Musikschule als Kennlernangebot das Instrumentenkarussell”, erläutert Joachim Gleich. Oder wenn das Kind jetzt noch eine 16tel-Kindergeige braucht, bald aber schon darüber hinausgewachsen ist? „Dafür halten wir Leihinstrumente vor”, so Gleich. 800 an der Zahl in der Zehlendorfer Musikschule. Jeweils für ein Jahr, „um die Zugangsbarrieren zu senken und zum Findungsprozess beizutragen”. Modelle, wie es sie auch im Fachhandel gibt.

Geigen, Bratschen oder Celli in kleinen Größen können beispielsweise im Charlottenburger Geigenbauatelier Kogge und Gateau gemietet werden. „Miete mit Kaufoption” nennt sich das vor zehn Jahren aufgelegte Programm beim Pankower Holzblasinstrumentenhändler Frank & Meyer. Wer dort ein Instrument zunächst mietet und sich später zum Kauf entscheidet, bekommt den Mietzins auf den Kaufpreis angerechnet. Wer gleich weiß, was er will, aber nicht das nötige Sümmchen in der Tasche hat, kann bei den zurückgegebenen Mietinstrumenten sein Schnäppchen machen. „Alle Blasinstrumente verlieren sehr schnell an Wert”, sagt Geschäftsinhaber Frank Meyer. Die einstigen Mietinstrumente verkauft er zu Sonderpreisen.

Instrumente kaufen und leihen

Holzblasinstrumente Frank & Meyer
Schulstr. 4, Pankow, Tel. (030) 494 81 88
www.frankundmeyer.de

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