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Titel Mauerweg Wachturm
Bild: Shutterstock
Berlingeschichte

Berliner Mauerweg: Spannende Geschichten und neue Ausflugsorte entdecken

Zum 30. Mal jährt sich in diesem Herbst der Fall der Berliner Mauer. Schon kurz nach dem 9. November 1989 verschwand das Monstrum aus Beton und Stacheldraht, das Berlin 28 Jahre lang teilte und West-Berlin auf einer Länge von 160 Kilometern abriegelte, samt Grenztürmen und Grenzübergangsstellen fast vollständig aus dem Stadtbild. Wo einst die Mauer verlief, lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden – bei einer Tour auf dem Berliner Mauerweg.

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in schmaler Zugang über Stahlplatten, die leicht schwingen, als wir unsere Fahrräder darüber schieben. Rechts und links Gitter. Nur ein paar Meter. Dann stehen wir auf einem breiten Asphaltstreifen – auf einer Brücke, die den Teltowkanal überspannt. Die Fahrbahndecke ist rissig, Grasbüschel wachsen aus der geborstenen Teerdecke, Birken recken sich stolz empor. Trotz der großen Pfütze sind die auf die Fahrbahn gepinselten Buchstaben noch gut zu erkennen: PKW. Hier musste sich einordnen, wer über die Autobahn aus Richtung Helmstedt kommend nach West-Berlin wollte. Bis 1969. Dem Jahr, in dem die Autobahntrasse aufgegeben und der neue Verlauf der heutigen A 115 in Betrieb genommen wurde.

Mauerweg Dreilinden
Bild: Katrin Starke

„Albrechts Teerofen“ als Ausflugsziel an der ehemaligen Berliner Mauer

Wir befinden uns in „Albrechts Teerofen”, einem schmalen Streifen Land, das sich einst auf West-Berliner Territorium befand und wie eine langgestreckte Halbinsel in die DDR hineinragte – und von wo aus bis 1969 der Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin abgewickelt wurde. Der alte Kontrollpunkt – oder besser das, was von ihm übriggeblieben ist – liegt versteckt. Und doch ist an diesem Sonntag hier richtig Betrieb. Meist sind es Radfahrer, die staunend von ihrem Velo absteigen. Was wohl damit zusammenhängt, dass der Abzweig nach „Albrechts Teerofen“ auf der Mauerweg-Karte als Anlaufpunkt ausgewiesen ist.

Mauerweg Schild
Bild: Shutterstock

Von Berlin-Zehlendorf an die ehemalige Grenze

Der Mauerweg verläuft komplett um die einstige „Halbstadt“ West-Berlin herum – in weiten Teilen entweder auf dem ehemaligen Zollweg auf West-Berliner Gebiet oder auf dem „Kolonnenweg“, den die DDR-Grenztruppen für ihre Kontrollfahrten angelegt hatten. „Historisch interessante Abschnitte, in denen sich noch Mauerreste oder Mauerspuren auffinden lassen, wechseln mit landschaftlich reizvollen Strecken, die die Freude über die wiedergewonnene Einheit des Landes wachrufen“, heißt es auf der Website zum Mauerweg. Wir haben uns für Letztere entschieden. Vom S-Bahnhof Zehlendorf aus biegen wir nach rechts in die Machnower Straße und wiederum nach rechts in die Berlepschstraße ein. An der ehemaligen S-Bahnstation Düppel treffen wir auf den Mauerweg, radeln ein Stück die Benschallee entlang und dann nach links abbiegend weiter auf dem Königsweg – vorbei an Waldfriedhof Zehlendorf und Hundeauslaufgebiet Düppel – zur ehemaligen Grenze.

Zwischen ehemaligen Grenzübergängen und Panzerdenkmal

Der Mauerweg verläuft hier nicht genau auf der Grenzlinie. Erst am Kontrollpunkt Dreilinden trifft er wieder auf die frühere politische Grenze. Von der Königswegbrücke blicken wir hinunter auf die denkmalgeschützten Gebäude des „Checkpoint Bravo“. Schon nach einigen hundert Metern biegen wir ab zum „Europarc“, hier im heutigen Gewerbegebiet befand sich bis zur Wende der DDR-Grenzübergang Drewitz. Im erhaltenen Kommandantenturm hat der Verein „Checkpoint Bravo“ eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte eingerichtet: Die Ausstellung „FREUND-wärts – FEINDwärts“ schildert Ereignisse, die sich mit diesem Grenzort verbinden.

Mauerweg Panzerdenkmal
Bild: Katrin Starke

Von hier aus sind es nur wenige Minuten bis zum ehemaligen sowjetischen Panzerdenkmal. Der Panzer ist längst verschwunden: Seit 1992 prangt auf dem Sockel eine Schneefräse sowjetischer Bauart, überpinselt in zartem Rosa. Ein Kunstwerk, geschaffen von Eckhard Haisch, wie der Radler erfährt, der entlang des hölzernen Lärmschutzwalls auf sandigem Weg bis zum umzäunten Monument vordringt.

Zurück auf dem Mauerweg, strampeln wir bis zum Griebnitzsee, den wir schon kurz nach dem Passieren des Potsdamer Ortsschildes erreichen. Ein paar Mauersegmente, davor ein Kreuz, erinnern daran, dass hier die Grenze verlief. Wir kehren um, radeln nach Albrechts Teerofen. Kurz hinterm Campingplatz kommt die ehemalige Raststätte Dreilinden in Sicht – eine heruntergekommene Holzhütte, umgeben von einem Bauzaun.

Mauerweg Rasthof Dreilinden
Bild: Katrin Starke

Die Buchstaben des früheren Schriftzugs sind geklaut. Ein Investor habe das Gebäude gekauft, erzählt uns ein Radler. „Jahre her, gemacht hat der nix.“ Wir passieren die einstige Grenzkontrollstelle und fahren auf schmalem Trampelpfad durch Wildblumenwiesen und Wald immer geradeaus, bis wir auf einen asphaltierten Weg treffen: Links herum, dann an der ersten Abzweigung wieder rechts – schon sind wir wieder auf dem Mauerweg, radeln zurück zum S-Bahnhof Zehlendorf. Eine schöne Tour für einen Nachmittag.

14 Etappen Berliner Mauerweg

In 14 Einzelstrecken ist der Mauerweg gegliedert, zwischen sieben und 21 Kilometer lang. Die bekannteste Etappe: die sieben Kilometer vom Potsdamer Platz zur Warschauer Brücke. Vorbei an der „Topographie des Terrors“, wo noch 200 Meter Originalmauer erhalten sind, und dem „Checkpoint Charlie“, wo Schlagbaum und Kontrollbaracke, Flagge und Sandsäcke dem einstigen Grenzübergang nachempfunden wiedererrichtet wurden – und wo Touristen heute fünf Euro zahlen, um sich mit Statisten, die alliierte Grenzposten mimen, fotografieren zu lassen.

Mauerweg Checkpoint Charlie
Bild: Katrin Starke

Weiter geht es durch die Zimmerstraße, wo eine Stele des Künstlers Karl Biedermann an den tragischen Tod von Peter Fechter am 17. August 1962 erinnert: Während einem Kollegen die Flucht nach West-Berlin gelang, blieb der 18-jährige Fechter angeschossen im Grenzgebiet liegen. Erst fast eine Stunde später transportierten DDR-Grenzsoldaten den Verblutenden ab.

Ehemaliger Wachturm an der innerdeutschen Grenze

Den Schlusspunkt der Etappe bildet der längste erhaltene Mauerabschnitt: die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery. Wohl jeder Berlin-Besucher hat sich an diesem Stück der hinteren Sperrmauer, das Künstler aus aller Welt 1990 mit 106 Bildern bemalten, schon mal fotografieren lassen.

Mauerweg East-side Gallerie
Bild: Shutterstock

Ein anderes Bauwerk am Beginn dieser Etappe entdecken Touristen dagegen eher selten: den Wachturm in der Erna-Berger-Straße. Nur einen Steinwurf vom Potsdamer und Leipziger Platz entfernt, aber hinter Neubauten versteckt. Unten rund, oben achteckig: Mehr als 200 dieser „Rundblickbeobachtungstürme“ des Typs BT6 gab es an der Berliner Grenze. Heute ist das 2001 unter Denkmalschutz gestellte Exemplar in der Erna-Berger-Straße das einzig erhaltene seiner Art in Berlin. Wer mag, kann auf stählernen Leitern im Innern die wenigen Meter nach oben klettern, wo kleine Fensterluken den Blick nach draußen freigeben. Geöffnet ist der Turm täglich von 11 bis 17 Uhr – sofern es nicht regnet. Dann lassen die dort Dienst habenden Mitglieder des Vereins „Berlin Wall Exhibition“, der den Turm restauriert hat und ihn betreibt, niemanden mehr rein.

Auf den Spuren der Berliner Mauer:

Mauermuseum – Haus am Checkpoint Charlie

Das Museum wurde 1963 mit einer Ausstellung über die Mauer eröffnet. Seither wurde die Ausstellung laufend erweitert, vor allem durch Dokumentationen verschiedener ge- und missglückter Fluchtversuche und Fluchtobjekte.
www.mauermuseum.de

BlackBox Kalter Krieg

Im Pavillon am Checkpoint Charlie informiert eine Ausstellung über die Geschichte des einstigen Grenzübergangs. Anhand von 16 Medienstationen und großformatigen Fotos, Dokumenten und Original-Objekten wird unter anderem auch die internationale Dimension der deutschen Teilung veranschaulicht.
www.bfgg.de/projekte/blackbox-kalter-krieg

Die Mauer – das Asisi-Panorama

Das monumentale Panorama von Künstler Yadegar Asisi zeigt die Mauer an einem fiktiven Herbsttag in den 1980er-Jahren. Von einer vier Meter hohen Plattform aus tauchen Besucher ein in die haushohe Installation im Maßstab 1:1.
www.die-mauer.de/das-panorama

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße

In der Bernauer Straße waren die Folgen des Mauerbaus besonders extrem: Die Häuser auf der einen Straßenseite standen auf Ost-Berliner Gebiet, die Straße davor verlief schon auf West-Berliner Territorium. Direkt nach dem Mauerbau flüchteten etliche Ost-Berliner durch diese Häuser in den Westen, manchmal in das Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr – bis die Fernster zugemauert und die Häuser später abgerissen wurden. Fotos davon sind im Dokumentationszentrum zu sehen. Der erhaltene Mauerabschnitt vermittelt einen Eindruck davon, wie breit der Grenzstreifen war.
www.berliner-mauer-gedenkstaette.de

Den Verlauf des Berliner Mauerweges inklusive Karte und Informationen über alle Teilstrecken gibt es hier: www.berlin.de/mauer/mauerweg/

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