Bauhausführung in Berlin
Bauhaus-Führung mit Bettina Güldner, die mit großem Engagement die Faszination an der Design- und Architekturform erklärt. Bild: Katrin Starke
Stadttouren

Mit scharfer Kante: Auf den Spuren des Bauhauses

Er imponiert, fasziniert und polarisiert: Kaum ein Architekturstil hat Berlin so sehr geprägt wie das weltberühmte „Bauhaus“. Dennoch kennen so wenige Berliner seine Historie. Einst wurden seine Köpfe von den Nazis aus der Stadt vertrieben – doch ihre Bauwerke weilen bis heute. Und nicht nur die.

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eißer Beton, herausragende Dächer, die wie Schornsteine anmuten, und eine lang gezogene Brücke: Das Bauhaus-Archiv erinnert mehr an eine Fabrik als an ein Museum. Und doch steht hier der Schatz des Bauhauses – die weltweit größte Sammlung zur Geschichte und Wirkung der Schule (siehe Infokasten), die in Weimar ihren Anfang nahm, sich über Architektur, Design und Handwerk erstreckte und in Dessau ihre Blütezeit erlebte. In Berlin fand sie ihr Ende.

Bauhaus im Straßenland erlebbar machen

Rechtwinklig im Schnitt, schlicht in der Gestaltung. „Sieht ein Gebäude so aus, heißt es gleich: Das ist Bauhaus“, sagt Bettina Güldner. Die Kunsthistorikerin mag es nicht, wenn die weltberühmte Schule darauf reduziert wird. Anstatt sich zu ärgern, zeigt sie lieber, was Bauhaus-Lehrer und ihre Schüler wirklich geschaffen haben – bei der Bustour „Auf den Spuren von Bauhäuslern in Berlin“ der Agentur Art:Berlin. Sie beginnt am Bauhaus-Archiv.

Bauhaus-archiv
Keine Fabrik, sondern das Bauhaus-Archiv in Berlin. Bild: Shutterstock

Die Kunsthistorikerin ist Kuratorin am Bauhaus-Archiv und hat die Route zusammengestellt. „Angefangen hat das mit Design-Rundgängen“, erzählt sie. Das war 2008. „Ich will Bauhaus im Straßenland erlebbar machen. Insbesondere für die Berliner.“ Weil sie und ihre Kollegen im Bauhaus-Archiv festgestellt hatten, dass zwar Besucher aus aller Welt in das Museum strömten – aber kaum Einheimische. Wenn die erst mal wüssten, was Bauhäusler in Berlin alles geschaffen haben, kämen sie vielleicht auch ins Archiv, dachte sie sich. Die Rechnung ging auf.

Weniger als ein Jahr weilte die Schule in Berlin

„Der erste Bauhaus-Direktor Walter Gropius höchstpersönlich entwarf das Archiv-Gebäude. Das sollte ursprünglich in Darmstadt errichtet werden“, hebt Bettina Güldner an, um sich im nächsten Moment gleich wieder zu unterbrechen. „Um das Museum geht es heute ja nicht, sondern um Spuren der Bauhaus-Geschichte, die man nicht sofort wahrnimmt.“ Weniger als ein Jahr war die Schule 1932/33 in Berlin ansässig, bevor viele ihrer Lehrer und Schüler Deutschland verließen, weil die Nazis Druck auf sie ausübten. Diesen war das Bauhaus zu modern und zu links.

Kurz erklärt: das Bauhaus

Das Bauhaus existierte nur 14 Jahre: von 1919 bis 1933. Trotzdem gilt es als bedeutendste Schule für Architektur, Design und Kunst im 20. Jahrhundert. Der Anspruch: Gestaltung von Grund auf neu zu denken. Die am Bauhaus versammelten Künstler wollten die Gesellschaft verändern, wollten einen modernen Menschentyp und seine Umwelt formen. „Wenn auch Anspruch und Wirklichkeit am Bauhaus nicht immer zur Deckung kamen: Die vielfältigen Wirkungen dieses Experiments reichen bis in unsere Gegenwart“, so das Bauhaus-Archiv.

Lehrer und Schüler des Bauhauses galten als politisch links stehend. Die Nationalsozialisten drangsalierten die Bauhäusler mit Hausdurchsuchungen, versiegelten Räume der Schule, verhafteten Studenten. Unter diesem Druck sah sich die Schule 1933 zur Selbstauflösung gezwungen.

Hochhäuser mitten in der Stadt, da mussten sich die Berliner erst dran gewöhnen. Bettina Güldner, Bauhaus-Kuratorin über das Hansaviertel

Nächste Station der Rundfahrt: das Hansaviertel. Bis vor ein paar Jahren habe die Siedlung – 1957 zur ersten internationalen Bau-Ausstellung in Berlin entworfen – als misslungen gegolten, weiß die Kunstexpertin. „Hochhäuser mitten in der Stadt, da mussten sich die Berliner erst dran gewöhnen“, erzählt sie.

Bauhausführung in Berlin
Damals visionär, heute beliebt: das Bauhaus-Hansaviertel. Bild: Katrin Starke

Mittlerweile sei die Architektur hoch anerkannt, gebe es sogar Ambitionen, das Viertel auf die Liste der Welterbe-Stätten setzen zu lassen. „Weil es ein Musterbeispiel ist für großflächiges industrielles Bauen“, erklärt Güldner. Unvermittelt bleibt die hoch gewachsene schlanke Frau vor unscheinbaren Einfamilienhäusern stehen: „Auch die stammen von einem Bauhäusler.“ Eduard Ludwig. „Hast du von dem schon mal gehört?“, raunt eine ältere Teilnehmerin ihrer Begleitung zu. Die schüttelt fast unmerklich den Kopf. Bettina Güldner nimmt die knappe Geste wahr: „Keine Bildungslücke.“ Ludwig sei begeisterter Rennfahrer gewesen, mit seinem Sportwagen 1960 auf der Avus tödlich verunglückt, dann in Vergessenheit geraten.

Jedes Haus eine Diva

Bauhausführung in Berlin
Häuser mit klarer Kante: Das Hassenpflug-Hochhaus im Hansaviertel. Bild: Katrin Starke

„Schön ist das ja nicht“, meint ein Teilnehmer und deutet auf die fast zwei Meter hohe Mauer, die einen Flachbau umgibt. „Die individuelle Gestaltung begann hinter dem Beton“, sagt Güldner. Im Hansaviertel habe gegolten, was sonst gar nicht zum Bauhaus passte: „Jedes Haus sollte eine Diva sein.“ So auch der Neun-Geschosser von Walter Gropius mit den scharfen Kanten an der Stirnseite nur eine Straßenbiegung weiter. „Dieses Halbrund, diese geschwungenen Balkone, das viele Grün drumherum – da wäre ich nicht wieder weggezogen“, sagt eine Mittsechzigerin zu ihrer Freundin.

Bauhausführung in Berlin
Auch Innen ging der Stil weiter: Haus der Deutschen Buchdrucker. Bild: Katrin Starke

Ortswechsel nach Kreuzberg, Dudenstraße. Zum ehemaligen Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker. Der 1924 bis 1926 errichtete Stahlskelett-Bau gilt als Ikone der Sachlichkeit. Die einstige Funktion ist in die Steine der Fassade geprägt. „In serifenfreien Lettern“, wie Güldner betont. Also ohne Schnörkel. „Eine Kombination von Wohn- und Verwaltungsgebäude“, fährt sie fort. Entworfen von Max Taut. „Die Fenster akzentuiert mit Schwarz und Rot, die Türen mit Schwarz, Rot und Blau“, wie es auch sein Bruder Bruno geliebt habe. „Da mussten Maler und Tischler Hand in Hand arbeiten.“

Bitter-Schokoladen wie in den 1920er-Jahren

Die Zeit drängt. Sonnabends schließt Schokoladen-Hamann um 13 Uhr. „Da müssen Sie unbedingt eine dieser einmaligen Bitter-Schokoladen probieren“, sagt Bettina Güldner. Aber nicht deshalb geht die Fahrt zur traditionsreichen Manufaktur der Familie Hamann: Den 1928 eröffneten Laden in der Brandenburgischen Straße hat Bauhaus-Lehrer Johannes Itten gestaltet. „Unverändert erhalten – mit den alten Glasvitrinen, eingefasst in Holz“, gerät die Kunsthistorikerin ins Schwärmen.

Bauhausführung in Berlin
Oder im Schokoladen-Laden „Hamann“. Bild: Katrin Starke

Ein Ort in den Bauhausfarben Rot und Blau: Der Türgriff rot, das Schaufenster mit dunklem Blau ausgeschlagen. „Die Farbgestaltung zieht sich durch den ganzen Raum. Schauen Sie, da oben das schmale blaue Band über den Wandregalen.“ Nur die Spitzendecken in den Auslagen und die Nippesfiguren passen nicht ins Bild. „Das ist Retro“, sagt Güldner mit wegwerfender Handbewegung. Eine Tour-Teilnehmerin schließt die Augen, saugt den Schokoladengeruch aus dem Laden tief ein. „Herrlich.“

Knistern im Bus

Bei der Weiterfahrt knistert’s im Bus. Fast alle Ausflügler haben ein Mitbringsel gekauft. Auch das junge Paar aus Krefeld, das seit 2014 jedes Jahr einmal auf Bauhaus-Spuren wandelt. „In Dessau waren wir schon, in Weimar auch“, sagt der 33-jährige App-Entwickler.

Bauhausführung in Berlin
Bauhaus – Hamann Bild: Katrin Starke

Bittere Borkenschokolade hat seine Frau bei Hamann gekauft, Schokopastillen mit Chili die Kunstlehrerin in der Sitzreihe hinter dem Paar. „Ganz schön scharf“, japst die. „Meine Mutter war hier früher Stammkundin“, fährt sie fort, als sie wieder bei Stimme ist. Natürlich kenne sie fast alles, was Bauhäusler geschaffen haben – „schon berufsbedingt“. Aber das bei einer Rundtour mal geballt zu sehen, sei spannend. „Und dann die Hintergründe dazu“, pflichtet ihre Begleitung bei.

Süßigkeiten kann man übrigens auch da kaufen, wo sich einst das Berliner Bauhaus befand: Ein Lebensmittel-Discounter ist heute an der Stelle in der Lankwitzer Birkbuschstraße, nur eine Gedenktafel an dem weißen Funktionsgebäude erinnert noch daran. „Banaler kann Weltgeschichte nicht zu Ende gehen“, sagt Kunsthistorikerin Güldner.

„Auf den Spuren von Bauhäuslern in Berlin“, dreistündige Bustour, organisiert von Art:Berlin in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus-Archiv. Die nächste Tour gibt es am 2. September. Infos und Anmeldung unter 28 09 63 90. www.artberlin-online.de. Wir verlosen zwei Plätze für den 2. September. Schicken Sie uns dazu bis zum 15. August 2017 eine E-Mail und beantworten folgende Frage: Wie hieß der Gründer des Bauhauses?

Weitere spannende Stadttouren finden Sie in unserem Themen-Spezial: Ich zeig dir deine Stadt – Stadttouren von Berliner für Berliner.

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