Titel Resq
Ob Salate oder Sushi-Rollen: Viele Lebensmittel werden in der Gastronomie weggeschmissen – die App „ResQ“ soll die Lösung werden. Bild: Promo
Lebensmittel-Verschwendung

„Mal eben kurz die Umwelt retten“

Jede zehnte Mahlzeit wird in der deutschen Gastronomie weggeschmissen. Das Start-up ResQ bietet nun eine Plattform, auf der Berliner überschüssige Mahlzeiten aus Restaurants, Cafés oder Hotels zum günstigeren Preis mitnehmen können. Ein Konzept, das allen Seiten gut schmecken könnte, wie die finnische Stadt Helsinki bereits zeigt. Wir haben mit dem Deutschland-Chef Timo Beck gesprochen.

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reitagnachmittag in Helsinki. Hungrige Finnen schauen auf ihr Smartphone in die ResQ-App, wo vergünstigte Mahlzeiten in ihrer Nähe warten. Mehr als 164 Partner-Restaurants, Hotels und Cafés offerieren aktuell rund 100 Angebote im Stadtgebiet. Alles Lebensmittel, die sonst in der Tonne landen würden, weil sie zu viel produziert worden sind. Nun finden sie neue Abnehmer – zum Vorzugspreis: Zwischen 40 und 70 Prozent sind für Kunden drin. Ein Konzept, das Country-Manager Timo Beck nun auch in Deutschland in den Ballungsräumen Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf und München anbieten möchte.

Timo Beck
Will der Lebensmittel-Verschwendung auf den „Laib“ rücken: Timo Beck vom Start-up ResQ. Bild: Promo

Berliner Akzente: Was bedeutet der Unternehmensname ResQ?
Timo Beck: Der Name kommt vom Englischen „rescue“, also „retten“. Wir retten Gastronomie-Mahlzeiten, die noch völlig hochwertig sind, vor der Tonne. Die Verschwendung von Lebensmitteln stellt ein immenses Problem dar, das wahrscheinlich vielen gar nicht bewusst ist. So wird gut jede zehnte Mahlzeit in Deutschland weggeschmissen. Wir sprechen hier von 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr, die in der deutschen Gastronomie leider im Mülleimer landen. Insgesamt schmeißen wir Deutschen 18 Millionen Tonnen unserer Lebensmittel pro Jahr weg – das entspricht etwa einem Drittel unseres gesamten Nahrungsmittelverbrauchs, wie eine Studie der Umweltschutzorganisation WWF kürzlich gezeigt hat. Unser Konzept ist eine Win-win-Situation für alle: für die Gastronomen, die Konsumenten – und die Umwelt.

Für den Konsumenten ist ResQ eine Möglichkeit, zu einem sehr guten Preis eine Mahlzeit zu bekommen, die völlig in Ordnung und noch vor ein paar Minuten zum Normalpreis verkauft worden ist. Timo Beck

Wie funktioniert das konkret?
Für den Gastronomen ist es natürlich auch ein Kostenfaktor, wenn er Lebensmittel wegschmeißen muss, die er noch hätte verkaufen können. Für den Konsumenten ist ResQ wiederum eine Möglichkeit, zu einem sehr guten Preis eine Mahlzeit zu bekommen, die völlig in Ordnung und noch vor ein paar Minuten zum Normalpreis verkauft worden ist. Aus verschiedenen Gründen, zum Beispiel einer falschen Kalkulation, ist diese eben übrig geblieben und wäre sonst entsorgt worden. Jetzt kriegen Abholer sie mit einer Ersparnis zwischen 40 und 70 Prozent.

Resq User-app
Mittels Umkreissuche können Berliner ab März sehen, welche Restaurants Mahlzeiten übrig haben – und günstiger kaufen. Bild: Promo

Viele überschüssige Lebensmittel kommen den Tafeln zu gute, die sie an Bedürftige verteilen. Macht ResQ diesen sozialen Einrichtungen nicht Konkurrenz?
Absolut nicht, beides ergänzt sich wunderbar. Die Arbeit der Tafeln ist enorm wichtig, diese unterstützen wir auch. Die Tafeln holen das Essen aber von Betrieben ab, die regelmäßig große Mengen an Lebensmitteln übrig haben, zum Beispiel Supermärkte oder Bäckereien. Wir wiederum machen das mit kleinen Individual- oder Systemgastronomen, die ein paar Portionen übrig haben.

Das heißt, Sie haben völlig andere Anbieter für das Essen?
Genau, die Tafeln führen das Essen in erster Linie Bedürftigen zu, aber mit diesem Konzept können nicht alle Lebensmittelabfälle aufgefangen werden. Es lohnt sich für die Tafel-Fahrer nicht, um 18 Uhr eine Hand voll Sushi-Boxen oder ein Tagesgericht irgendwo einzusammeln – da kommen wir dann ins Spiel: Denn es lohnt sich für Konsumenten aus der näheren Umgebung, diese zum Vorzugspreis mitzunehmen. Somit stehen wir nicht in Konkurrenz, sondern teilen letztlich das gleiche Ziel: Wir vermeiden, dass Lebensmittel unnötig in der Tonne landen.

Wie sieht es mit Mahlzeiten zur Mittagszeit aus? Die meisten gehen ja nicht um 18 Uhr, sondern zwischen 12 und 14 Uhr essen?
Grundsätzlich wird der Großteil der Mahlzeiten – von der Vorspeise bis zum Dessert – tatsächlich nach der klassischen Mittagszeit angeboten oder im Laufe des Nachmittags oder des frühen Abendgeschäfts. Wir bieten aber auch eine Benachrichtigungsfunktion in der App, da kann man seine Präferenzen, wie zum Beispiel vegetarisch oder glutenfrei, einstellen und wird per Push-Nachricht benachrichtigt, wenn ein entsprechendes Angebot in der näheren Umgebung reinkommt.

Und so funktioniert die ResQ-App:

Formate: video/youtube

Wir haben neulich mal reingeschaut, da gab es noch nicht viele Angebote in Berlin. War das einfach die falsche Zeit oder wie ist der aktuelle Stand in Berlin?
Im November haben wir einen Soft-Launch mit rund 30 Partner-Restaurants gemacht, um die Prozesse und Abläufe für den deutschen Markt durchzuspielen. Diese Phase haben wir erfolgreich absolviert und entwickeln gerade die App und den Vertrieb weiter. Im März wird ResQ dann großflächig an den Start gehen, mit 50 bis 70 weiteren Restaurants in Berlin.

Unser Ziel ist es, 2017 rund 50.000 Nutzer und 2.000 Gastronomie-Partner in Deutschland anzuschließen. Timo Beck

Das Konzept läuft in acht Ländern – in Finnland, Schweden, den Niederlanden, Estland und in Malaysia, Großbritannien und Kanada – können Sie Unterschiede feststellen?
Das ganze Konzept ist erst im Januar 2016 an den Start gegangen. Wir reden hier also tatsächlich erst von einem guten Jahr. Schon jetzt gibt es aber mehr als 70.000 registrierte Nutzer und knapp 400 aktive Partner-Restaurants mit denen bereits 130.000 Mahlzeiten gerettet wurden! Der Großteil davon entfällt auf Finnland, wo ResQ herkommt. Zudem sind die nordischen Länder neuen Online-Angeboten aufgeschlossener als die Deutschen. Sowohl bei den Gastronomen als auch bei den Kunden.

In Deutschland ist ja vieles bürokratisiert, für alles gibt es Regelungen und Formulare. Schmeckt ResQ auch den Lebensmittelämtern?
Alle Lebensmittel, die rausgegeben werden, müssen absolut einwandfrei sein. Ein Coffee-Shop, der um 17 Uhr noch 15 Panini in der Auslage hat und befürchtet, die bis 18 Uhr nicht mehr abzuverkaufen, kann diese bei ResQ einstellen und dann werden sie vom Kunden abgeholt. Unser Konzept hält das Lebensmittelrecht ein, wir wollen nur einwandfreie Produkte in Umlauf bringen, die sonst in der Tonne landen würden.

Resq Takeaway
Take-away-Essen: Vor allem nachmittags sollen Berliner in der App viele Angebote finden. Dann, wenn Restaurants Fehlkalkulationen bei Mahlzeiten feststellen. Bild: Nicolas McComber

Warum muss das Überangebot überhaupt sein. Warum haben Bäcker noch kurz vor Ladenschluss volle Vitrinen? Wenn weniger produziert wird, wird schließlich auch weniger weggeschmissen.
Natürlich ist das der beste Ansatz, um Verschwendung zu vermeiden. Aber es ist nun mal Fakt, dass in der Gastronomie immer mal was übrig bleibt. Zu 100 Prozent richtig kalkulieren, kann man nie. Zudem erwartet der Konsument heutzutage eine große Auswahl bis zum Ladenschluss, entsprechend hoch ist der Konkurrenzdruck.

Wann wird man in Berlin so viele Angebote in seinem Bezirk finden wie in Helsinki?
Unser Ziel ist es, 2017 rund 50.000 Nutzer und 2.000 Gastronomie-Partner in Deutschland anzuschließen. Wir sprechen hier von den Ballungsräumen Berlin, Hamburg, München sowie Köln und Düsseldorf und eventuell Frankfurt am Main. Dann kann man als Berliner in drei bis vier Klicks mal eben kurz die Umwelt retten.

Timo Beck (32)
• geboren in Limburg an der Lahn
• seit 2017 Country Manager Germany
• vorherige Arbeitsstationen im Management bei Google, Loréal und Yelp sowie einige Start-ups

Zu ResQ:
• gegründet 2016 in Helsinki, Finnland
• fünf Mitarbeiter kümmern sich um die Deutschland-Aktivitäten

https://resq-club.com
Die App ist über den Google- und itunes-Store erhältlich
https://www.facebook.com/resqclubdeutschland

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