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Titel Archenhold-sternwarte
Bild: Shutterstock
Astronomie verstehen

Archenhold-Sternwarte: Genießen, Erfahren und Lernen

In der Nacht vom 12. auf den 13. August werden sich wieder viele Augen zum Himmel richten. Denn in dieser Nacht erreicht der Meteorstrom der Perseiden seinen Höhepunkt, der uns besonders viele Sternschnuppen beschert. Ein Blick in den Sternenhimmel lohnt sich aber zu jeder Zeit des Jahres, zum Beispiel bei einem Besuch der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow – eine echte Institution unter dem Berliner Himmel.

E

s dauert nie lange, dann sind auch die Kleinen gebannt. Stefan Gotthold stellt dafür meistens im Kassenbereich ein Fernrohr auf und platziert im hinteren Bereich des Ganges, am Meteoriten, ein Lego-Männchen. Wenn die Vierjährigen dann hinschauen, erkennen sie mit bloßen Augen nur einen winzigen weißen Punkt – und durch das Fernrohr den kleinen Astronauten.

Guck mal in die Sterne: Neugierde und Spaß

„Die Kinder lernen, wozu man Fernrohre braucht“, sagt Gotthold, Pädagogischer Mitarbeiter der Stiftung Planetarium Berlin und Hausverantwortlicher der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park. Es ist die erste Lektion für die jüngsten Besucher, und sie illustriert, was Gotthold und seinen Mitstreitern vorschwebt: die Vermittlung von Wissen auf der Grundlage von Neugier und Spaß.

Stefan Gotthold Fernrohr Archenhold-sternwarte
Stefan Gotthold Bild: Steffen Rohr

Älteste und größte Volkssternwarte Deutschlands

Die Archenhold-Sternwarte ist die älteste und größte Volkssternwarte Deutschlands, und sie hat sich bis heute dem Credo verschrieben, das ihr Gründer Friedrich Simon Archenhold ausgab: Astronomie für jedermann. „Die Besucher“, sagt Gotthold, „wollen genießen, aber auch lernen und erfahren. Sie wollen wissen, wo wir herkommen – und wo unser Platz im Universum ist.“ Seit 1896 lässt sich mit dem längsten beweglichen Linsenfernrohr der Welt der Himmel beobachten. „Himmelskanone“ wird die größte Attraktivität des Hauses genannt, seit der Gewerbe-Ausstellung 1896 anlässlich des 25-jährigen Jubiläum Berlins als Reichshauptstadt steht sie dort – und war zunächst als Improvisorium gedacht. Daraus wurde eine spektakuläre Dauerlösung, 1908 folgte der Bau der Sternwarte.

Auch Einstein war schon in der Archenhold-Sternwarte

Das Fernrohr mit einem Objektivdurchmesser von 680 Millimetern, einer Brennweite von 21 Metern und einer beweglichen Masse von 130 Tonnen überlebte den Zweiten Weltkrieg, während die Bibliothek des Hauses von einer Bombe getroffen wurde – mutmaßlich, weil die nach Norden gerichtete „Himmelskanone“ den alliierten Fliegern einen Orientierungspunkt Richtung Zentrum bot.

Meteorit Archenhold-sternwarte
Meteorit Bild: Steffen Rohr

Neben dem Koloss gelten das Cassegrain-Spiegelteleskop, das sich vor allem zur Beobachtung von Doppelsternen, Sternhaufen und Gasnebel außerhalb unseres Sonnensystems eignet, das Sonnenphysikalische Kabinett, in das ein stark vergrößertes Sonnenbild projiziert wird, und das Zeiss-Kleinplanetarium in einer acht Meter großen Kuppel mit seinen 38 Sitzplätzen als Anziehungspunkte – und natürlich der 1891 in Arizona gefundene Meteorit aus Eisen und Nickel, über den viele Besucher mit der Hand streichen und Gotthold und dessen Kollegen fast ungläubig nach der Echtheit fragen. Albert Einstein war 1915 auch da und hielt seinen ersten öffentlichen Vortrag zur Allgemeinen Relativitätstheorie.

Astronomie für alle und für jedes Alter

Das Haus bietet von den Anfängen im alten Babylon eine Reise durch die Geschichte der Astronomie und zu den Planeten. „Beobachten und Messen“ ist das zentrale Thema der Dauerausstellung. Das Angebot an alle Altersgruppen ist breit gefächert. In den letzten beiden Wochen der Sommerferien etwa lud die Sternwarte nach der gelungenen Premiere 2018 erneut zu den Weltall-Forscher-Ferien ein, einem ganztägigen Reigen an Experimenten und Erlebnissen für Kinder. Da werden mit Trockeneis Kometen hergestellt, Wasser-Raketen gebaut und mit Gips wird die Krater-Oberfläche des Mondes nachempfunden. „Die astronomischen Vorträge, die ich als Kind erlebt habe, waren zu trocken“, sagt Gotthold. „Da war man nach fünf Minuten abgehängt. Hier dürfen die Kinder rumlaufen, Spaß haben und den ganzen Tag ihre Fragen stellen. Wir wollen den Besuchern auf Augenhöhe begegnen und sie mitnehmen.“

Stiftung Planetarium Berlin als wichtiger Verbund

20 000 Besucher kamen im Vorjahr, auf Sicht wollen die Macher die Resonanz verdreifachen. „Die Archenhold-Sternwarte ist ein Juwel, wenn auch an manchen Stellen etwas verstaubt“, sagt Tim Florian Horn. „Wir wollen diesen Schatz noch sichtbarer und zukunftsfähiger machen.“ Der studierte Astronom ist Vorstand der 2016 gegründeten Stiftung Planetarium Berlin, die die astronomischen Einrichtungen der Stadt unter einem Dach versammelt: die Archenhold-Sternwarte und die Wilhelm-Foerster-Sternwarte sowie das Planetarium am Insulaner und das Zeiss-Großplanetarium. Etwa 400 Veranstaltungen bietet die Stiftung pro Monat an, seit der Bündelung 2016 kamen insgesamt eine Million Besucher in die vier Einrichtungen. Die Synergie-Effekte liegen auf der Hand: ein gemeinsames Marketing und ein aufeinander abgestimmtes Programm-Angebot, das hilft, mit der Bildungsarbeit an die Rahmen-Lehrpläne der Schulen anzudocken. „Unsere Häuser“, konstatiert Horn, „sind moderne Brücken zum Kosmos.“

Tim Florian Horn, Archenhold-Sternwarte
Tim Florian Horn. Bild: Steffen Rohr

Das Zeiss-Großplanetarium wurde vor der Wiedereröffnung 2016 saniert, Planetarium und Sternwarte am Insulaner sollen 2020 grundsaniert werden – und die Archenhold-Sternwarte soll zu einem Zentrum für Wissenschaftsgeschichte erweitert werden. 2021 wird der 125. Geburtstag gefeiert, auch die in den USA und England lebenden Nachfahren des Gründers Archenhold werden eingeladen. Näher an der Gegenwart sind die Lange Nacht der Astronomie am 10. August im Gleisdreieck-Park – und die Sternschnuppen-Nacht vom 12. zum 13. August. Die Sternwarte wird öffnen, ein Sonderprogramm ist nicht geplant. „Die Lichtverschmutzung“, sagt Gotthold, „ist in Berlin so groß, dass man über der Stadt nur die Hauptsternschnuppen sieht.“ Sein Tipp: raus in den Sternenpark Westhavelland, dem dunkelsten Ort Deutschlands. Stiftungs-Vorstand Horn hat sich das fest vorgenommen.

Wünsche erfüllen lassen in der Sternschnuppennacht

Ans Faszinosum Sternschnuppe, die – angeblich – Wünsche in Erfüllung gehen lässt, glaubt er immer noch. „Man muss die Augen schließen, und der Wunsch darf nicht zu groß sein“, sagt Horn und lacht. Gotthold, von Haus aus Diplom-Ingenieur, aber seit fast 30 Jahren Hobby-Astronom, sieht es ähnlich. Einen Wunsch hat sich der passionierte Bastler aber vorsichtshalber schonmal unabhängig vom Perseiden-Meteorstrom erfüllt. Der 42-Jährige war neulich im Spielzeugladen und kaufte sich eine Lego-NASA-Apollo-Saturn-V-Rakete. Und als Horn in diesem Sommer mit der Familie im Marokko-Urlaub war, traf er sich mit Astronomen, die in der Nähe von Marrakesch einen großen Sternenpark planen. „Was wir machen“, sagt Horn, „ist mehr als ein Beruf. Das ist eine Berufung.“

Mehr Informationen über die Stiftung Planetarium Berlin finden Sie hier >>

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