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Gastro

Prost auf den Börsencrash

Diese Bars und Kneipen sind erfolgreich mit alternativen Bezahlmodellen: Wo Kunden nach Zeit und nicht nach Getränk zahlen, selbst bestimmen, was sie auf den Tisch legen, oder zahlen, wie der Aktien-Kurs für ihr Getränk steht.

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as Bezahlkonzept seiner Weinbar Forum besprechen? Da ist Weinhändler Philipp Gross skeptisch. „Ein Beitrag in einem Bordmagazin der Billigflieger beispielweise – das wäre der Horror“, sagt Gross. Dann würden womöglich Touristen wie die Heuschrecken bei ihm einfallen, die ihren günstigen Berlin-Trip mit einem günstigen Abend in seiner Bar „krönen“ möchten. Der Grund für Gross‘ Sorge: Abends gilt in der Kneipe mit gemütlichen Sofas das Prinzip: „Gib, was es dir wert ist“. Seit 14 Jahren.

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Philipp Gross in der Weinerei. Seit mehr als 15 Jahren bietet er sein außergewöhnliches Bezahlmodell an. Bild: Katrin Starke

„Gib, was du denkst“

„Das hat sich so entwickelt“, sagt der gebürtige Straßburger Gross, seit fast 25 Jahren in Berlin zu Hause. Er arbeitete damals als Pfleger, als er 1996 seinen Kompagnon Jürgen Stumpf kennenlernte. Anfangs luden sie öfter Freunde zu Verkostungen in die Weinerei ein. „Wir haben ein paar Flaschen aufgemacht, nette Abende verbracht.“ Wenn zum Abschied jemand fragte, was er zahlen solle, hieß es nur: „Gib, was du denkst.“ Als immer mehr Freunde kamen, mieteten Gross und Stumpf 2003 ein Lokal an. Dort gilt bis heute das außergewöhnliche Bezahlmodell – ab 20 Uhr. Wer tagsüber einkehrt, zahlt feste Preise für Kaffee, Suppe, Pasta oder das Glas Wein. Kurz vor acht wird abkassiert. Dann beginnt die Weinverkostung.

Gewinnspannen wie sonst in der Gastronomie haben wir nicht, aber uns geht es um Geselligkeit. Und Sie sehen ja: Uns gibt’s noch! Gastronom Philipp Gross von der Weinerei

Der Eintritt kostet zwei Euro, dafür gibt’s ein leeres Weinglas, das man sich nach Belieben füllen kann. Bis zu zehn Flaschen – französische ebenso wie italienische oder deutsche Weine – reihen sich auf dem Tresen. Daneben ist ein kleines Buffet aufgebaut, ein paar Salate, Nudelgerichte. Da müsse man schnell sein, sagt Gross. „Die Schüsseln sind schnell leer.“

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Geselligkeit statt Gewinnspanne: Die Gäste können geben, was sie meinen. Bild: Katrin Starke

Gewinnspannen wie sonst in der Gastronomie habe man nicht. „Aber uns geht es um Geselligkeit“, erklärt Gross. „Und Sie sehen ja: Uns gibt’s noch“, fügt der 53-Jährige mit einem Lächeln hinzu.

Wenn in der Bierbörse die Preise fallen

Jeden Tag ab 17 Uhr geraten in der traditionsreichen Gaststätte Berliner Republik am Schiffbauerdamm die Preise für die 18 Biersorten, die frisch von Fass gezapft werden, ins Wanken. Die Nachfrage regelt dann den Preis, ganz so wie an der „richtigen“ Börse. Ist die Kneipe leer, ist das Bier günstig. Ist der Laden rappelvoll, klettern die Preise nach oben. Und natürlich ist auch entscheidend, welche Sorten gerade guten Absatz finden.

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Wenn die Kurse fallen, gehen die Gläser in die Höhe: die Berliner Republik mit ihrer Bierbörse. Bild: Katrin Starke

„Die Kurse für beliebte Biere können bis zu einem astronomisch hohen Preis reichen“, sagt Ines Wenzel-Hirschfeld, in der Berliner Republik zuständig fürs Marketing. „Auf diese Weise werden dank sinkender Preise für die wenig nachgefragten Sorten auch Markenbiere für den Gast interessant, die per se nicht so populär sind.“

Der Börsen-Crahs als Gastronomie-Ereignis

Das System, das die Kneipe zur Börse werden lässt, heißt Barstock. Deutschlandweit nutzen zahlreiche andere Gaststätten die Software. In der Hauptstadt ist die „Berliner Republik“ die einzige. Ob sich mit dem Börsenmodell besser Umsatz machen lässt als mit festen Preisen? Ines Wenzel-Hirschfeld denkt einen Moment nach. Eher sei es das Gastronomie-Erlebnis als solches, schätzt sie ein. „Es ist einfach etwas Außergewöhnliches, die Bierbörse zu erleben“, sagt sie. Insbesondere den Börsencrash.

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Bis zu dreimal am Abend sorgt der Börsen-Crash für Trink-Trubel. Bild: Berliner Promo

„Die Action, die entsteht, wenn die Bierpreise ins Bodenlose fallen.“ So einen Crash gibt es zwei- oder dreimal am Abend. Ausgelöst per Knopfdruck. Um Gäste im Lokal zu halten. „Eine Bierbörsengaudi, die auch Weintrinker mitreißt“, sagt Ines Wenzel-Hirschfeld.

Wo die Minuten kosten und nicht der Kaffee

Louna Sbou schiebt ein Gefäß aus gebranntem Lehm über den Tresen. Eine Zier-Tajine. Die Miniaturversion des in Nordafrika verbreiteten Schmortopfes enthält einen Zettel. Darauf hat die 31-Jährige die Ankunftszeit des Gastes vermerkt: Im Café be’kech, das die gebürtige Marokkanerin in diesem Sommer gemeinsam mit der aus Ost-Berlin stammenden Designerin Nina Martin (28) im Wedding eröffnet hat, wird nach Zeit abgerechnet. Die Stunde kostet drei Euro, der Tagespass 15 Euro – egal, wie viel die Gäste verzehrt haben. Ob sie nur einen Latte Macchiato getrunken oder beim veganen Buffet richtig zugelangt haben.

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Louna Sbou vom Café be’kech: Hier bezahlen Gäste nach Zeit. Bild: Katrin Starke

Wer regelmäßig herkommt, kann einen Zehn-Tage-Pass für 120 Euro erwerben. Davon habe sie schon einige verkauft, sagt Louna Sbou. Denn das be’kech ist eine Art öffentliches Wohnzimmer, in dem sich Besucher gemütlich in einen Sessel kuscheln, stundenlang in einem Buch lesen oder einfach nur abhängen. Und es ist auch eine Co-Working-Area – WLAN ist gratis, zum Skypen gibt’s im Untergeschoss drei gut gedämmte Kabinen und einen Konferenzraum zum Mieten.

Kein Druck, ständig etwas konsumieren zu müssen

Eine Frau komme jeden Tag, um an ihrer Doktorarbeit zu schreiben, erzählt die Inhaberin. Von einem anderen Stammkunden wisse sie, dass er Comedy-Texte fürs Fernsehen verfasse. Und niemand muss Angst haben, dass kein Stecker frei ist, wenn dem Laptop mal der Saft ausgeht. „Das hier war früher ein Casino“, erzählt Sbou, „wir haben mindestens 70 Steckdosen.“

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Mit diesem Konzept ist das Café schnell bundesweit bekannt und zu Weddings „Wohnzimmer“ geworden. Bild: Katrin Starke

Paula (19), Amelie (20) und Isra (20) tüfteln an einer Semesterarbeit. Das Konzept des Cafés finden sie super. „Weil wir nicht ständig gefragt werden, ob wir noch etwas bestellen wollen“, sagt Isra. So ein „Arbeitszimmer“ passe gut in die Gegend. Die Nachbarschaft ist Multi-Kulti. Genauso bunt gemischt ist das Publikum im be‘kech. Was den Inhaberinnen gefällt: „Bei uns steht Gemeinschaft im Mittelpunkt, nicht Kommerz“, sagt Louna.

Das Konzept rechne sich, betont die 31-Jährige, die auch noch als Unternehmensberaterin arbeitet. Den Businessplan fürs be’kech hat sie selbst erstellt. „Wir sind in dem Rahmen, den wir uns vorgestellt haben.“ Im nächsten Jahr wollen sie das Angebot im be’kech ausweiten, abends einen Barbetrieb anbieten, zudem zu Konzerten, Lesungen oder Tatort-Abenden einladen. Das Café schließt dann um 19 Uhr, die Bar öffnet – mit festen Preisen, so wie jetzt schon für alkoholische Getränke.

Weinerei am Weinberg
Stumpf & Gross GbR
Veteranenstraße 14
Berlin-Mitte
Telefon: 440 69 83

Forum – Café und Weinbar
Fehrbelliner Straße 57
Berlin-Mitte
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 24 Uhr, Weinverkostung: 20 bis 24 Uhr
www.weinerei.com/forum

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