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Titel Atze Albirea
Bild: David Ausserhofer
Musiktheater

Streiten, Zuhören und die Quelle der Weisheit

„Albirea“ ist das bisher aufwändigste Stück des Familientheaters ATZE. Das Drehbuch von Theaterleiter Thomas Sutter, zwölf Musiker, zwölf Schauspieler, imposante Projektionen von Marc Jungreithmeier und die Klänge von Sinem Altan sorgen für ein fantastisches Theatererlebnis für Kinder und Erwachsene. Wir haben mit Intendant, Drehbuchautor und Regisseur Thomas Sutter über das Fantasy-Singspiel, seine Inhalte und die laufenden Proben gesprochen.

Albirea ist ein Fantasy-Singspiel, was genau kann man sich darunter vorstellen?

Thomas Sutter: Die Singspiel-Idee ist aus dem Notstand des Musicals entstanden, in dem immer ein Lied, dann eine Szene und dann wieder ein Lied kommt. Meiner Meinung nach bremst diese Abfolge eine Erzählung sehr oft aus. Daraufhin habe ich dieses Konzept „Singspiel“ entwickelt. Ich würde es so definieren: Sprache, Gesang und Musik stehen gleichberechtigt auf einer Ebene nebeneinander. Die einzelnen drei Formen fließen organisch ineinander, greifen in den Fortgang der Geschichte ein und bilden so ein geflochtenes Gesamtkunstwerk.

In dem Stück dreht sich alles um drei Geister und eine junge Heldin. Ist das Stück nur für Kinder konzipiert?

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Thomas Sutter. Bild: Jörg Metzner

Das ATZE definiert sich nicht als Kindertheater, sondern als Familientheater. Das heißt, die Geschichten richten sich sowohl an Kinder, als auch an Erwachsene. Inhalt und Ästhetik müssen sich deshalb an alle richten. Meine Aufgabe ist es, den komplexen Stoff von „Albirea“ allen Altersgruppen gleichsam zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sich alle angesprochen fühlen. Auf der emotionalen Ebene gibt es bei Kindern und Erwachsenen keinen Unterschied – das sind die gleichen Gefühle – an diesem Punkt versuchen wir alle abzuholen und es von dort auf die Verstandesebene zu ziehen.

Welche Themen werden genau im Stück konkret verarbeitet?

Es geht um die existentielle Frage: „Warum leben wir Menschen so, wie wir leben?“. Wenn man Menschen fragt, wie sie leben möchten, antworten alle gleich: Sie möchten in Frieden und Freiheit leben und genügend zu Essen haben. Die Frage, die ich mir in meinem Leben immer wieder stellte ist, wieso Menschen so sind, wie sie sind. Warum gab es einen Hitler? Warum gab es die, die da mitgemacht haben? Warum lässt sich jemand wählen und stürzt ein ganzes Volk in einen Krieg? Was passiert in diesem Menschen? Es ist immer die Entscheidung eines einzelnen Menschen, das zu tun, was er tut. Auch die großen grausamen Sachen, sind nichts anderes, als die kleinen Streitigkeiten in groß.

Die Geschichte von „Albirea“ beginnt mit einem Missverständnis. Einer sagt: Du hast mir erlaubt, dass ich in deinem Wald Hasen schießen darf“. Der andere sagt: „Nein, das hab ich dir nicht erlaubt.“ In uns Menschen herrscht immer der Kampf, wie wir mit solchen Konflikten umgehen, wofür wir uns entscheiden. Gehen wir in die Konfrontation, was manchmal auch gut ist, oder meiden wir sie, was manchmal auch schlecht ist. Das sind die beiden Prototypen in jedem von uns. In der Geschichte werden diese von Draco, dem scheinbar Bösen, und Auriga, der scheinbar Guten, verkörpert. Doch Draco ist nicht nur der Böse und Auriga ist nicht nur die Gute. Man muss sich einmal vorstellen: Eine Welt in der nur Aurigisten leben, wäre tot. Da würde sich nichts mehr entwickeln. Auch wenn alle nur Dracoisten wären, wäre Feierabend auf der Erde. Also was brauchen wir? Und da kommt in „Albirea“ der dritte große Geist ins Spiel: Albireo, der das Gleichgewicht herstellen muss zwischen dem scheinbar Guten und dem scheinbar Schlechten.

Albirea Szenenbild
Bild: David Ausserhofer

Dieser permanente Kampf spielt sich auch zwischen uns ab. Damit kommen wir zu der zweiten Frage dieses Stücks: Warum streiten die Menschen so viel? Die Antwort ist, dass wir uns nicht mehr zuhören. Das ist eine der großen Defizite im zwischenmenschlichen Leben. In unserem Stück heißt es, dass alle Menschen auf Dracos Seite die Verbindung zwischen Herz und Ohr durchgeschnitten bekommen haben. Sie hören zwar den anderen, aber sie verstehen ihn nicht mehr. Die Quelle der Weisheit besteht aus dem Satz: „Das Wort des anderen wiegt so schwer wie dein eigenes“. Diese Quelle der Weisheit wird im Stück von Draco gestohlen. Die Aufgabe des jungen Mädchen Albirea ist es, sie den Menschen zurückzubringen, damit sie wieder in das Zusammenleben der Menschen einfließt – in der Hoffnung, dass dann das Gleichgewicht wieder hergestellt wird.
Das ist die ganze Philosophie von „Albireo“ und die ist meiner Meinung nach sowohl Kindern als auch Erwachsenen zugänglich.

Zum Stück

Das Fantasy-Singspiel „Albirea“ spielt in einer fremden Welt, in der drei große Geister das Geschick der Menschen bestimmen. Draco sät Zwietracht, Auriga verleiht den Menschen mit einem Lebensstern Individualität und Freiheit und Albireo ist als eine Art Waage für die Harmonie zuständig. Doch als Draco immer mehr Macht gewinnt, liegen alle Hoffnungen auf dem jungen Mädchen Albirea. Sie muss den Menschen die „Quelle der Weisheit“ zurückbringen, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt werden kann.

Was macht diese Produktion für das ATZE so besonders?

Mit zwölf Musikern und zwölf Darstellern auf der Bühne ist das Stück eine riesige Herausforderung, und zwar in verschiedenen Bereichen. Das Thema an sich ist schon eine große Herausforderung. Es gibt keine linear erzählte Handlung, so wie ich sie bisher erzählt habe. Im Grunde ist „Albirea“ ein Epos, auch wenn mir das vorab selbst nicht klar war, und muss auch so auf die Bühne gebracht werden. Für die Darsteller ist das Stück spielerisch eine Herausforderung. Außerdem ist es eine große Aufgabe, die Komplexität im Bühnenbild, den Projektionen, den Kostümen und der Maske sichtbar zu machen. Daran müssen wir noch arbeiten. Zum Glück haben wir noch etwas Zeit bis zur Premiere, um bis dahin das Stück auf die Fantasy-Ebene und in eine andere Welt zu holen.

„Kinder sind komplett offen für alle Musikstile und das ist das Schöne.“ Thomas Sutter

Inwiefern trägt die Musik zum Stück bei?

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Thomas Sutter mit Sinem Altan. Bild: Tom Müller-Heuser

Musik hat die große Kraft emotional zu wirken – auf der dramatischen, auf der zärtlichen und auf der Spannungsebene. Ich komme ursprünglich aus der Ecke der Liederschreiber und komponiere die meisten gesungenen Texte, die dann die musikalische Leiterin Sinem Altan arrangiert und verändert. Sie ist eine hervorragende Komponistin, mit der ich seit zehn Jahren zusammenarbeite und deren Arbeit ich sehr schätze. Die Musik zieht ins Stück hinein. An Stellen wo es dramatisch wird, spielt das ganze Orchester und der Zuschauer wird regelrecht in den Sessel gedrückt, das hoffe ich zumindest. Durch die Musik kommt immer eine kraftvolle Ebene dazu.

Ist die Musik von Sinem Altan, die für atonale und experimentelle Kompositionen bekannt ist, nicht sehr anspruchsvoll für Kinder?

Meine Erfahrung ist, dass Kinder diese Schubladen noch nicht haben. Kinder sind komplett offen für alle Musikstile und das ist das Schöne. Die unterscheiden nicht zwischen Oper und anderen Kategorien. Kinder nehmen Musik einfach emotional auf. Die Musik muss einfach zur Situation und Szene passen und dann kommt sie an.

Welche Angebote für Kinder gibt es rund um die Aufführung?

Unsere Theaterpädagogen machen wie immer Angebote wie Vorbereitung, Nachbereitung, Gespräche und Projektstunden in den Schulen. Das Stück ist ja eine Steilvorlage für jeden Lehrer, um darüber zu sprechen, wie wir eigentlich streiten. Ich hoffe natürlich auch, dass die Familien nach der Vorführung nach Hause gehen und darüber reden. Das Stück soll Mut machen, über unsere Auseinandersetzungsformen zu sprechen. Außerdem kreieren wir digitale Angebote für die Kinder zuhause. Zum Beispiel ein digitales Wimmelbild, vielleicht auch ein Quiz, das sich um die Lebenssterne dreht. Außerdem versuchen wir das Stück auf Social-Media zu verbreiten.

Wie wichtig sind digitale Angebote im Theater?

Ich sehe die Möglichkeiten des Digitalen als etwas absolut Positives. Wir hoffen, dass damit etwas in Gang gesetzt wird und die digitalen Möglichkeiten rund ums Theater bei den Kindern ankommen. Für uns ist das alles im Moment ein Versuchsballon. Wir sind sehr gespannt wie die Angebote angenommen werden.

„Albirea“ feiert am 26.10.2019 seine Premiere im ATZE Musiktheater. Musikalische Leiterin ist Sinem Altan (Europäischer Komponistenpreis 2015). Ihre Komposition wird durch ein Kammerorchester getragen und unterstützt das digitale Bühnenbild von Marc Jungreithmeier (Rimini Protokoll, Radialsystem, etc.) in bemerkenswerter Weise. Die Fantasy-Story wurde von Theaterleiter Thomas Sutter geschrieben, der auch Regie führt.

Mehr Informationen finden Sie unter: www.atzeberlin.de

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