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Titel Tegelschwestern
Bild: Daniela Eger
Flughafengeschichten

Allerletzter Aufruf Tegel

Nachgehakt bei Julia und Evelyn Csabai: Mehr als 25 Jahre lang haben die Schwestern am Flughafen Tegel Befragungen durchgeführt und dabei die kuriosesten Dinge erlebt und erfahren. Nun schauen sie zurück.

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urz bevor am Flughafen Tegel endgültig die Lichter ausgehen, blicken Julia und Evelyn Csabai zurück: Nach ihrem Bestseller „Letzter Aufruf Tegel!“ von 2015 haben sie sich erneut in Tegel umgesehen und ihre „Erinnerungen an den tollsten Flughafen der Welt“ in einer deutlich erweiterten Neuauflage festgehalten. „Allerletzter Aufruf Tegel!“ ist kürzlich im be.bra-Verlag erschienen.

Wie kam es dazu, dass Sie Fluggäste befragt haben?
Evelyn: Während des Studiums war das ein idealer Nebenjob, der nicht zu viel Zeit in Anspruch nahm. Für uns stand fest, dass wir das nur vorübergehend machen würden. Nach dem Studium wollten wir uns ganz unserem Lebenstraum widmen, Julia als Filmemacherin und ich als Schauspielerin.

Doch obwohl Sie beide längst in der Filmbranche Fuß gefasst und zudem gemeinsam das Cafe´ „Lola was here“ in Prenzlauer Berg eröffnet hatten, blieben Sie Tegel treu …
Julia: Im künstlerischen Bereich weiß man nie, ob der nächste Auftrag klappt. Der Job auf dem Flughafen gab uns Sicherheit. Außerdem hatten wir vorher nicht geahnt, dass der Flughafen so intensiv auf uns wirken würde. Wir sind neugierige Menschen und Tegel ist Dauerkino.
Evelyn: Das ist so eine Art Nicht-Ort, wo Menschen den alten Ort schon verlassen und den neuen noch nicht erreicht haben. Eine Umgebung, in der man etwas Weltluft einatmet und menschliche Schicksale aus nächster Nähe beobachten kann. Das macht süchtig.
Julia: Und wir sind geschichtensüchtig.

Irgendwann haben Sie doch aufgehört, warum?
Julia: Das war 2017. Es wurde nicht mehr in den Flughafen investiert, weil das endgültige Aus unabwendbar war, Air Berlin ging pleite. Es gab keinen Bedarf mehr an Fluggastbefragungen.

Können Sie sich vorstellen, am neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld wieder damit zu beginnen?
Evelyn: Vorstellen können wir uns das schon. Aber wer weiß, ob es da einen Bedarf gibt. Denn davon, dass der BER ein Drehkreuz wird wie die Flughäfen Frankfurt am Main oder München, ist ja längst nicht mehr die Rede.

Wie entstand die Idee, Ihre Erinnerungen an Tegel zu veröffentlichen?
Julia: Wir wollten dem Flughafen vor seinem Aus noch ein Gesicht geben – mit Geschichten, die wir selbst erlebt haben, und Erinnerungen von Menschen, die den Flughafen am Laufen gehalten haben von der Reinigungskraft bis zum Polizeibeamten, von der Pan-Am-Stewardess bis zur Verkäuferin im Duty-Free-Shop. Wir haben mehr als 60 Interviews geführt…
Evelyn: …und gesammelt, gesammelt, gesammelt. Unsere Niederschriften füllen 3.000 Seiten.

Also genug Stoff für weitere Bücher?
Julia: Theoretisch ja. Aber vielleicht ist es an der Zeit, Tegel jetzt zu beerdigen.
Evelyn: Sonst wird das noch zur Psychose. Tegel steht für eine andere Zeit, für ein ganz besonderes Lebensgefühl.

Was ist das Kurioseste, das Sie in Ihrem Buch beschreiben?
Evelyn: Das ist eine Begebenheit bei Pan Am. Ein renommierter und viel beschäftigter Hamburger Arzt, gebürtiger Berliner, wollte gern die Stätten seiner Kindheit besuchen, doch es fehlte ihm die Zeit. Also schickte er sein Alter Ego auf Reisen – einen Stoff-Frosch. Der reiste erster Klasse, auf dem besten Platz.

Was war das Traurigste, das Sie am Flughafen erlebt haben?
Julia: Das war in der Abendschicht, eine kleine Maschine startete um 22 Uhr nach Zürich. Mit an Bord die Mitglieder einer Band aus Leipzig. Sie waren auf Tournee und bester Stimmung. Auf unserem Heimweg hörten wir im Autoradio, dass die Maschine abgestürzt war – und wir hatten doch gerade noch mit den Leuten gesprochen.

Und das schönste Erlebnis?
Julia: Da war ein Hund im Frachtraum mitgeflogen und hatte seinen Anschlussflug nicht bekommen. Eine Flughafenmitarbeiterin nahm ihn über Nacht mit zu sich nach Hause.
Evelyn: Es ging eben immer sehr persönlich zu in Tegel.

Mit der Eröffnung des BER endet in Tegel definitiv eine Ära. Was empfinden Sie dabei?
Evelyn: Natürlich schwingt da Wehmut mit. Aber wir sind auch neugierig auf den BER.
Julia: Gern wären wir noch mal von Tegel geflogen, das hat wegen der Corona-Krise nicht geklappt. Aber das Leben wird weitergehen …

Allerletzter Aufruf Tegel
Evelyn & Julia Csabai
be.bra Verlag 2020
www.bebraverlag.de

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