Newsletter abonnieren
Titel Mauerfall
Bild: Shutterstock, GettyImages [Montage]
Berlin

30 Jahre Mauerfall: Stadt der Freiheit

Der Herbst vor 30 Jahren hat unsere Stadt in einen Sehnsuchtsort verwandelt. Seitdem gilt Berlin als Hauptstadt der Freiheit, in der Vielfalt, Gegensätze, Gemeinsamkeiten, Verrücktes und auch Spießiges friedlich miteinander leben. Auf den Fundamenten der damals niedergerissenen Mauer entstanden Oasen, die unsere Stadt heute ausmachen.

G

enau 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit und 2,6 Tonnen schwer: Das sind die Ausmaße der typischen Betonsegmente, aus denen viele Abschnitte der Berliner Mauer zusammengefügt waren.

Wie eine schlecht verheilte Narbe

1961 hatte die DDR ihre Westgrenze und ihre Grenze rund um West-Berlin abgeriegelt und baute sie in kurzer Zeit mit Mauer, Todesstreifen, Grenztürmen, Postenwegen und Hinterlandzaun zu so gut wie unüberwindbaren Anlagen aus. Nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer kamen hier bis 1989 mindestens 140 Menschen ums Leben, für Millionen wurde sie zum Symbol der Unfreiheit und Diktatur. Kein Wunder, dass „Die Mauer muss weg“ im Rahmen der Friedlichen Revolution 1989 zur allgegenwärtigen Parole wurde.

Brandenburger Tor Vorher Nachher
Bild: picture alliance (links), Shutterstock (rechts)

Tatsächlich wurde diesem Wunsch nach dem 9. November in Windeseile von Mauerspechten und Behörden entsprochen. Zurück blieb ein kahler Streifen zwischen zwei Welten, der aus der Luft noch lange wie eine schlecht verheilte Narbe aussah.
Viele Jahre waren sich die Berliner unsicher: Soll der Riss als Mahnmal für Mauertote und Gewaltherrschaft erhalten bleiben? Soll das Symbol des unmenschlichen Systems so schnell wie möglich in der zusammenwachsenden Stadt verschwinden? Oder ist der Streifen prädestiniert für Natur oder neue, alternative Nutzungen? Am Ende wurde es von allem ein bisschen.

Auf dem Mauerweg die ehemalige Grenze erkunden

Seit 2006 führt der Mauerweg entlang der ehemaligen Grenze vorbei an Bürokomplexen, grünen Oasen, Kulturorten und auch Gedenkstätten.

Meist verläuft er entweder auf dem ehemaligen Zollweg auf der West-Berliner Seite oder auf dem sogenannten Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen. Zumindest in der Innenstadt kennzeichnet ein doppelter Pflasterstreifen den einstigen Mauerverlauf, unterbrochen von im Boden eingelassenen Gusseisentafeln „Berliner Mauer 1961–1989“.

Todesopfer an der innerdeutschen Grenze

An vielen Orten erinnern Gedenktafeln oder Kreuze an die Mauertoten. Auf eines der bekanntesten Opfer macht eine Stele in der Zimmerstraße aufmerksam, den damals 18-jährigen Peter Fechter. Er war am 17. August 1962 beim Versuch, über den Betonwall zu klettern, angeschossen worden und lag danach 90 Minuten sterbend im Todesstreifen. Doch nicht nur DDR-Bürger mit Freiheitsdrang mussten mit dem Leben bezahlen.

Am Kreuzberger May-Ayim-Ufer, dem ehemaligen Gröbenufer, ertranken zwischen 1966 und 1975 vier Kinder, die bei Unfällen in die Spree gefallen waren. Die West-Berliner Einsatzkräfte konnten diese nicht retten, da der Fluss hier in seiner ganzen Breite zu Ost-Berlin gehörte. Erst nach dem Tod des kleinen Çetin Mert, der im Mai 1975 an seinem fünften Geburtstag ertrank, wurde dies durch die DDR-Behörden eingeschränkt zugelassen.

Deutsch-deutsche Teilung fast unsichtbar

Heute bedauern viele, dass die unmenschliche Manifestation deutsch-deutscher Teilung so gut wie unsichtbar geworden ist. Nur an wenigen Orten stehen noch Reste der einstigen Grenzbefestigungsanlagen, an denen nächste Generationen und Berlin-Touristen nachvollziehen können, wie sich der Kalte Krieg in Berlin darstellte. Dafür ist auf dem einstigen Todesstreifen das Leben zurückgekehrt. Das Neue, das nun hier die über 28 Jahre durch die Mauer getrennten Bezirke verbindet, ist dabei die typische Berliner Vielfalt: Mal kreativ und verrückt, mal gediegen und manchmal alltäglich.

Stadt des Lebens

Pankow Damals-heute
Bild: picture alliance (links), laif (rechts)

Mauerstreifen Pankow: Lebensbejahende Abschnitte entlang der einstigen Todeszone verdankt Berlin dem Japaner Tetsuo Terasaki, der als Fernsehkorrespondent in Berlin lebt. Er berichtete 1989 für seine Landsleute tief bewegt von den Ereignissen in Berlin. Sein Sender TV Asahi rief daraufhin eine Spendenaktion ins Leben, bei der rund zwei Millionen D-Mark zusammenkamen.
Von dem Geld wurde 1990 ein erster Zierkirschbaum, in Japan Symbol für Leben und Schönheit, an der Glienicker Brücke gepflanzt, 2010 der letzte von 10.000 Bäumen im Mauerpark. Unser Bild zeigt den Mauerstreifen in Pankow, der jedes Frühjahr im rosa Blütenmeer leuchtet. Darüber der nahegelegene Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November 1989.

Stadt der Fantasie

Rudow Damals-heute
Bild: picture alliance (links), laif (rechts)

Mauerstreifen Neukölln: In Hörweite zum DDR-Zentralflughafen Schönefeld verlief die Mauer im Süden Rudows entlang der Brandenburger Felder. Ganz in der Nähe wurde am 9. November 1989, zunächst beinahe unbemerkt, Geschichte geschrieben. Während die Kameras die Bilder aus der Bornholmer Straße um die Welt schickten, wo ab 21:30 Uhr erste Ost-Berliner nach Wedding durchgelassen wurden und die Tore schließlich um 23:20 Uhr für alle geöffnet wurden, war an der Kontrollstelle Waltersdorfer Chaussee der Weg Richtung Neukölln laut Zeugenaussagen bereits um 20:30 Uhr frei.
Heute ist der ehemalige Todesstreifen auch ein fantasievoller Abenteuerspielplatz für junge Berliner. Während am Käthe-Frankenthal-Weg beispielsweise ein buntes Baumhaus durch das Birkenwäldchen an der Stadtgrenze stapft, ist kaum vorstellbar, dass die Welt hier einst zu Ende war.

Stadt der Freiheit

Bernauer Strasse Damals-heute
Bild: picture alliance

Mauerstreifen Mitte: In der Bernauer Straße war der Mauerbau besonders dramatisch. Unter Protest wurden grenznahe Wohnhäuser abgerissen und schließlich sogar die Versöhnungskirche gesprengt. Seit 1998 ist hier der zentrale Erinnerungsort an die deutsche Teilung angesiedelt, zu dem auch die neue Kapelle der Versöhnung gehört. Direkt davor liegt seit 2005 ein Roggenfeld. Initiiert hat es der Verein Friedensbrot e.V., fachliche Unterstützung kommt von den Agrarwissenschaftlern der Humboldt-Universität.
Seit sieben Jahren wird von hier stammendes Roggensaatgut an symbolträchtigen Orten der Wendezeit in den mittel- und südosteuropäischen Ländern angebaut, die nach 1989 der Europäischen Union beigetreten sind. Wie schon zum 25. Mauerfall-Jubiläum soll auch in diesem Jahr aus allen Roggenernten ein europäisches „Friedensbrot“ gebacken werden.

Stadt der Freude

Spreeufer Damals-heute
Bild: picture alliance (links), Shutterstock (rechts)

Mauerstreifen Friedrichshain: Wo vor gerade mal einer Generation die Welt der DDR endete und Grenzsoldaten die Spree überwachten, ist heute die Karibik zu Hause: Im Young African Art Market, kurz YAAM, feiern und chillen die Erwachsenen bei coolen Reggea-Vibes, nebenan übt in der abgetrennten Kids Corner der Nachwuchs in Workshops Hip-Hop, Breakdance oder Graffiti.
Auf dem Gelände an der Schillingbrücke residiert der Verein seit 2014, nachdem am YAAM-Gründungsort von 1994 die Bagger der Investoren anrollten. Seit dem Mauerfall war das Spreeufer von unzähligen kreativen Zwischennutzungen bevölkert, inzwischen gehört das YAAM zu einem der letzten Alternativorten auf den Filetgrundstücken am Wasser.

Festivalwoche vom 4. bis 10. November

Visionen über Berlin: 30.000 Botschaften von Berlinerinnen, Berlinern und ihren Gästen werden in der Festivalwoche als große Installation, einem sogenannten Skynet des Künstlers Patrick Shearn, scheinbar schwerelos am Brandenburger Tor schweben. Sie erinnern an die Hunderttausenden, die während der Friedlichen Revolution mutig ihre Stimme erhoben und zum Fall der Mauer beigetragen haben.

Open-Air-Ausstellung: An den Originalschauplätzen Gethsemanekirche, Brandenburger Tor, Kurfürstendamm, Stasi-Zentrale in der Ruschestraße, East Side Gallery, Palast der Republik (Berliner Stadtschloss) und Alexanderplatz wird der Herbst 1989 durch 3D-Videoprojektionen und Soundinstallationen lebendig.

Der Abend des 9. November: Der Jahrestag wird mit großer Bühnenshow am Brandenburger Tor gefeiert. Unter den Mitwirkenden: Akteurinnen und Akteure der Friedlichen Revolution, die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim, Künstlerinnen und Künstler, die auch heute Haltung zeigen und Mut machen. Anschließend eröffnet Westbam hier die Europäische Clubnacht der Berliner Clubcommission, die in 27 Clubs in ganz Berlin gefeiert wird.
www.mauerfall30.berlin

MauAR-App: Erstmalig ist der rund 160 Kilometer lange Mauerverlauf als originalgetreues 3D-Modell nachgebaut worden. An drei exemplarischen Zeitpunkten – 1961, 1971 und 1981 – wird per Augmented Reality die Teilungsgeschichte an der Berliner Mauer dargestellt. So lässt sich nachvollziehen, wie sie sich samt der Sperranlagen über die Jahrzehnte zu einem lebensgefährlichen Grenzsperrsystem entwickelte.
www.mauar.berlin

Wo die Mauer heute noch steht

1. Gedenkstätte Berliner Mauer: An der offiziellen Gedenkstätte kann unter anderem ein Abschnitt des ehemaligen Grenzstreifens mit Mauer, Todesstreifen, Wachturm und Hinterlandsicherungsmauer vom Besucherzentrum aus überblickt werden. Bernauer Straße 111, Mitte

2. East Side Gallery: 118 Künstler aus 21 Ländern bemalten nach dem Mauerfall die Ostseite der Spreemauer in Friedrichshain. Ihr Gesamtkunstwerk ist mit 1,3 Kilometern das längste erhaltene Mauerstück. Mühlenstraße 3–100, Friedrichshain

3. Topografie des Terrors: Entlang der Nordseite des heutigen Dokumentationszentrums der NS-Verbrechen sind rund 200 Meter der Grenzmauer zwischen Mitte und Kreuzberg erhalten.
Niederkirchnerstraße 8, Mitte

Mehr

Diese Themen könnten Sie auch interessieren