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Titel Lehrer
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Bitte recht freundlich

Was Lehrer niemals sagen würden

In unserer neuen Serie „Bitte recht freundlich“ schauen wir hinter die Kulissen von Berufen, die viel Konktakt mit Menschen bedeuten – und verraten, was Mitarbeiter wirklich denken. Das Ziel: mehr Verständnis zu wecken – und damit zu einem besseren Miteinander im Alltag beizutragen. In dieser Folge: die Lehrer.

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reißig durcheinander wuselnde Kinder, träge Teenager oder die berühmten überbesorgten Helikopter-Eltern: Lehrer haben im Alltag einige Herausforderungen zu meistern. Dabei gilt es, Konflikte stets pädagogisch zu lösen und nie aus der Haut zu fahren. Johannes, 35, ist Lehrer mit Leidenschaft. Nach mehreren Jahren an einer Neuköllner Oberschule unterrichtet er mittlerweile in Potsdam. Auch Katrin, 48, ist begeisterte Lehrerin. Sie arbeitet seit acht Jahren an einer Grundschule in Wilmersdorf – mittlerweile als Klassenlehrerin. Beide lieben ihren Beruf, sehen aber auch eine wachsende Belastung auf sich zukommen – wie diese Sätze zeigen, die beide garantiert niemals sagen würden.

1. „Natürlich ersetzt eine Tüte Chips das Pausenbrot.“

Johannes: „In Vierteln mit einer schwachen Sozialstruktur sieht man schon in Grundschulen Kinder, die ohne Pausenbrot zum Unterricht kommen. In Neukölln und Kreuzberg habe ich es auch an den Oberschulen erlebt. Da ersetzen eine Tüte Chips und eine Flasche Cola das Mittagessen. Vielleicht wäre Gratis-Schulessen eine Lösung, um allen Kindern eine warme und gesunde Mahlzeit zu ermöglichen.“

2. „Ich fülle gern immer mehr Anträge aus.“

Katrin: „Die Bürokratie wächst zunehmend – und hält uns Lehrer oft von den wirklich wichtigen Dingen ab: nämlich, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Hier sollte dringend mehr Pragmatismus herrschen. Wenn nicht jeder Bleistift beantragt werden muss, haben wir mehr Zeit für unsere Schülerinnen und Schüler.“

Lehrer Frustriert Buecher
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3. „Brüllen ist der beste Umgangston.“

Johannes: „In Neukölln war der Lärmpegel während des Unterrichts enorm hoch. Volle Klassen und viele Schüler, die herumschrien oder sich gegenseitig beleidigten. Es kostete immense Selbstbeherrschung, nicht auch loszubrüllen. Oft genug saß ich abends mit einem Piepen in den Ohren zu Hause. Das soll jetzt aber nicht super frustriert klingen. Trotz ihrer lauten und untereinander ruppigen Art waren die Schüler meistens nett zu mir.“

4. „Nein, Eltern brauchen nicht mit Lehrern zu sprechen.“

Katrin: „Viele Eltern erwarten, dass wir uns in der Schule auch um alles andere als den Unterricht kümmern – etwa die Erziehung ihres Nachwuchses. Das ist jedoch nur begrenzt möglich. Ich finde, Eltern und Lehrer sollten vor allem gemeinsam agieren und die Kinder bestmöglich unterstützen. Dazu gehört unter anderem, dass Mütter und Väter zuhause nachfragen, ob ihre Kinder Hausaufgaben aufhaben. Wenn sie das nicht tun und sich dies auf dem Zeugnis niederschlägt, ist das Geschrei plötzlich groß. Deshalb ist es so wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben.“

5. „Am Elternsprechtag brauchen die Eltern nicht zu erscheinen.“

Johannes: „Es mag die überbesorgten Helikopter-Eltern geben – ich habe sie noch nicht erlebt. Leider war meistens das Gegenteil der Fall: Den Müttern und Vätern war es egal, was ihre Kinder in der Schule machen. Je mehr Schwierigkeiten es mit einem Schüler oder einer Schülerin gab, umso wahrscheinlicher war es, dass man die Eltern nie zu Gesicht bekam – weder am Elternsprechtag noch auf persönliche Einladung hin. Egal, ob überbesorgt oder desinteressiert, es ist wichtig, dass Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen.“

6. „Es kommt nur auf die perfekte Note an.“

Johannes: „Während den Neuköllner Schülern meist egal war, welche Noten sie am Ende des Jahres bekamen, ist es in Potsdam genau andersherum. Hier sind die Schüler zwar respektvoll und nicht so anstrengend, aber sie sind auch sehr auf ihre Noten fixiert. Soll heißen, sie interessieren sich nur bis zu den Zeugniskonferenzen für den Stoff. Mir tut es manchmal leid, dass sich viele für die perfekte Note so stark unter Druck setzen, anstatt wirklich Spaß an der Materie zu haben. Dabei sagt eine Note sehr wenig über eine Person aus; sie ist einfach ein Fleißprodukt. Aber natürlich können die Schülerinnen und Schüler nichts dafür, dass auch sie schon mit unserer Leistungsgesellschaft konfrontiert werden. Sie sind einfach Teil des auf Benotung basierenden Systems.“

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