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Wie Berliner Schulen mit Corona umgehen.
Caroline Treier, Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ). Bild: Christoph Schieder
Start ins neue Schuljahr

Schule in Zeiten von Corona: Schule goes digital

Unterricht in Zeiten von „Social Distancing“: Wie die Corona-Pandemie den Lehrerberuf verändert und die Digitalisierung an Berliner Schulen beschleunigt.

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urz vor den Sommerferien in der Wallstraße, Berlin Mitte: Zur coronabedingt kontaktlosen Begrüßung entschuldigt sich Caroline Treier gut gelaunt für das klingelnde Telefon. Auch muss sie noch kurz etwas mit den Kollegen besprechen. Trotz des Stresses wirkt die Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) ruhig und entspannt. Das mag daran liegen, dass die Krise sie nicht überraschte.

Schulleiterin ahnt Szenario der geschlossenen Berliner Schulen und handelt rechtzeitig

Als Mitte März alle Berliner Schulen geschlossen wurden, war das Team der Evangelischen Schule Berlin Zentrum gut vorbereitet. Schon Wochen zuvor hatte Caroline Treier das Szenario vorausgeahnt und mit Unterstützung des Projektleiters “Digitale Welten” und zwei Vätern dafür gesorgt, dass die noch fehlende Lernplattform für die jüngeren Schüler und Schülerinnen entsteht. Zudem verfügten alle Schüler vor dem Lockdown über ein digitales Endgerät und wussten, wie sie sich damit in das Schulportal einloggen konnten. Vom ersten Tag an hatten sie täglich viereinhalb Stunden Onlineunterricht und arbeiteten mit den vorbereiteten digitalen Lernmaterialien.

Homeschooling
Bild: Shutterstock

Ein Ausnahmefall: Nur wenige Berliner Schulen und Lehrkräfte hatten eine Idee, wie sie von heute auf morgen online unterrichten sollten. Es fehlte nicht nur die technische Ausstattung, sondern auch an Erfahrung beim Erstellen von digitalen Unterrichtsinhalten, wie eine repräsentative Lehrer-Umfrage im April ergab . In der Krise zeigten sich die vorhandenen Schwächen der Schulen: Ohne ein Konzept, wie digitaler Unterricht stattfinden kann, fehlte es vielerorts an einheitlichen Tools, Erfahrungen und Kompetenzen in diesem Bereich.

Klassische Unterrichtsmaterialien für Homeschooling nicht geeignet

Evangelische Schule
Bild: Christoph Schieder

Auch die Fähigkeit der Schüler, sich selbstständig Themen zu erarbeiten, ist eine wichtige Voraussetzung für gelingenden (Online)-Unterricht, wie er an der ESBZ mit neuen Lernformaten und jahrgangsübergreifenden Projektunterricht schon seit Jahren gefördert wird. „In der Pandemie hat sich gezeigt, dass das klassische Abarbeiten von Arbeitsblättern als Lernformat schnell an seine Grenzen stößt, da viele Schüler sich nur noch schwer motivieren ließen“, so Caroline Treier, die sich in regelmäßigen Gesprächen mit Kollegen aus anderen Schulen über die gemachten Erfahrungen austauscht. Die Aufgabe der Lehrenden sei es, die Schüler zu begeistern und die Lust aufs Lernen zu wecken. „Dies gelingt, wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen und Lernen nicht auf das Abarbeiten von Wissen und deren Bewertung reduziert wird”. Die Krise sieht die 43-Jährige auch als Chance und Innovationsmotor, um sich mit verschiedenen Tools und Lernmodellen auseinanderzusetzen.

Neue Lehrerrolle: Vom Wissensvermittler zum Mentor

Für Experten wie den Bildungsforscher Michael Schratz ergibt sich aus dem digitalen Fernunterricht eine Veränderung der Lehrerrolle. Im klassischen Unterricht stehe die Wissensvermittlung im Vordergrund, was online nicht einfach übertragbar sei. “Im Fernunterricht recherchieren die Schülerinnen und Schüler die neuen Inhalte selbst nach dem Konzept des „Flipped Classroom“. Die Lehrkraft unterstützt, gibt Orientierung und fördert die kritische Auseinandersetzung mit Wissen aus dem Internet”, erläuterte er in einem Interview mit dem Deutschen Schulportal.

Lehrer nehmen die digitale Herausforderung an

Dass die digitale Herausforderung von vielen Lehrkräften angenommen wird, zeigen die steigenden Nutzerzahlen der Online-Plattform des Bildungsserver Berlin-Brandenburg mit Angeboten an Online-Tools, didaktischen Hinweisen und umfangreichen Materialsammlungen zum Thema „Online-gestütztes Lernen“. „Der Bedarf an Informationen und Unterstützung von pädagogischen Fachkräften ist groß. Dabei stellen wir fest, dass die Problemlagen an den Schulen sehr unterschiedlich sind und stark davon abhängen, wie sie schon vorher Online-Medien und digitale Tools im Unterricht und der Schulorganisation eingeführt hatten“, beschreibt der Leiter des Referats Medienbildung am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), Henry Freye, die aktuelle Situation. Die technischen Voraussetzungen müssten insgesamt verbessert und das Fortbildungsangebot für Lehrer und Lehrerinnen ausgebaut werden, um sie didaktisch fit zu machen für die Nutzung von Online-Tools. Ein Lichtblick: Im Bereich der Lehramtsausbildung hat der Berliner Senat auf die Digitalisierung des Unterrichts während und nach der Coronakrise mit einem Sonderprogramm reagiert und stellt Mittel zur Finanzierung weiterer Professuren für Bildung in der digitalen Welt bereit.

Trotz andauernder Corona-Krise: regulärer Unterricht im neuen Schuljahr

Besonders an den Grundschulen und bei lernschwachen Schülern ist die Frage nach dem sinnvollen Einsatz digitaler Medien entscheidend. Lisa Huche (Name geändert) ist Klassenlehrerin einer 2. Klasse der Brüder-Grimm-Grundschule in Mitte. In ihre Klasse gehen auch geflüchtete Kinder oder stammen aus Familien nichtdeutscher Herkunft und haben einen besonderen Förderbedarf. „Sprachschwierigkeiten der Kinder und auch der Eltern sowie fehlende digitale Endgeräte zu Hause erschweren das digitale Lernen. Hinzu kommt, dass die Kinder motorische Fähigkeiten beim Schreiben und Basteln trainieren müssen, was am Computer nicht machbar ist“.

Ein Hauch Normalität im neuen Schuljahr

Auch deshalb freut sich die Pädagogin mit jahrzehntelanger Lehrerfahrung, dass mit dem Start ins neue Schuljahr am 10. August der reguläre Schulbetrieb unter Einhaltung eines Hygieneplans für alle Berliner Schulen wieder losgehen soll. Steigen die Infektionszahlen signifikant bis dahin oder auch im Laufe des Schuljahres, werden die Schulen erneut das Modell von Präsenzunterricht und angeleitetem Lernen zu Hause anwenden, das jede Schule in Eigenregie konzeptionell ausarbeitet. Die wichtigsten Vorgaben vom Senat (Stand 10.6.2020):

  • Mindestens die Wochenstunden der jeweiligen Jahrgangsstufe im Präsenzunterricht sind abzudecken
  • Teilung der Klassen in zwei Lerngruppen
  • Insbesondere in der Primarstufe sollen feste Lerngruppen mit möglichst gleichem pädagogischen Personal gebildet werden
Lisa Huche hofft, dass es nicht dazu kommt: „Ich freue mich vor allem auf die Kinder!“

Die Berliner Sparkasse unterstützt Schulen bei der finanziellen Allgemeinbildung. Lesen Sie dazu auch unseren Artikel Wissen ist Geld >>

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