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Titel Verantwortung Abgeben
Bild: Shutterstock
Auf Kollegen verlassen

Verantwortung abgeben: Schluss mit dem schlechten Gewissen

Wer sich für alles persönlich verantwortlich fühlt, läuft Gefahr, aus Überforderung krank zu werden. Berliner Akzente gibt fünf Tipps, wie man der Zuständigkeitsfalle entkommt.

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arum übernehmen wir manchmal mehr Verantwortung, als uns gut tut? Und wie können wir lernen, Lasten zu teilen? „Was ein zu hohes Maß an Verantwortung ist, das ist subjektiv“, sagt Dr. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychiatrie. Es kann zutreffen auf einen Unternehmer, zuständig für Hunderte Mitarbeiter. Aber genauso kann es ein Problem sein für eine Hausfrau, die sich „nur“ ehrenamtlich engagiert, „sich aber schon dafür verantwortlich fühlt, wie die Stimmung der Familienmitglieder beim Aufwachen ist“, so Ruhwandl.

Verantwortung abgeben und Teufelskreis der Überforderung durchbrechen

Einfach mal abhängen, ohne Uhr, ohne Ziel – das ist für diese überengagierten Menschen schlicht unmöglich. Und dann brechen sie manchmal plötzlich zusammen. Schuldgefühle und Überforderung sind ein Teufelskreis: „Je mehr wir uns überfordern, umso erschöpfter sind wir und bekommen weniger auf die Reihe.

Ueberarbeitete Frau
Bild: Shutterstock

Wir fühlen uns ungenügend – und rackern uns umso mehr ab“, schreibt Ruhwandl in ihrem Buch „Vom Glück, Verantwortung zu teilen“.
Wenn man sich nun wieder einmal als Elternvertreter meldet, obwohl einem diese Rolle zum Halse heraushängt, woran liegt das? Und was lässt sich dagegen unternehmen?

1. Innere Antreiber erkennen

Warum fällt es manchen Leuten schwer, Verantwortung abzugeben? Das hängt signifikant von der familiären Prägung ab. Innere Antreiber sind ursprünglich elterliche Botschaften, die vorgeben, wie Kinder sich verhalten sollen. Im Erwachsenen bleiben diese Antreiber oft bestehen. Beispiele sind Sätze wie: „Sei perfekt!“ oder „Mache es anderen recht!“ Sind uns diese Leitsätze nicht bewusst, sind wir ihnen ausgeliefert. Sie zu erkennen, fällt manchmal Außenstehenden leichter.

Dagmer Runwandl
Bild: Marijan Murat, Klett-Cotta

„Fragen Sie Ihren Partner oder einen Freund, was er denkt, welche Antreiber auf Sie zutreffen“, rät Ruhwandl. Ein weiteres Problem sind Familientraditionen. In einer Ärztedynastie gilt vielleicht das Motto „Patienten gehen immer vor persönlichen Bedürfnissen.“ Die Gefahr: „Man übernimmt Verantwortung, wie von der Familie erwartet – obwohl man nicht die entsprechenden Talente hat.“ Dies kann der Fall sein beim schüchternen Sohn einer Unternehmerfamilie voller kontaktfreudiger Macher-Typen.

2. Gesellschaftliche Erwartungen abstreifen

Viel Verantwortung zu tragen, das ist in Deutschland ein Ideal, entspricht dem Bild preußischer Tugendhaftigkeit. Verantwortungsvolle Menschen werden gelobt, schließlich sorgen sie dafür, dass alles wie am Schnürchen läuft. „Die globalisierte Gesellschaft fordert Menschen dazu auf, dauerhaft über ihre Grenzen zu gehen“, sagt Dr. Manfred Nelting, der seit Jahrzehnten Burn-out Patienten behandelt.

Manfred Nelting
Bild: privat

Dieser Herausforderung seien Menschen in der Regel nicht gewachsen. „Sie versuchen, sich dem Dauerstress anzupassen, doch das Stresssystem ist nur für kurzfristige Grenzüberschreitungen ausgelegt. Dauerhafte Überbelastung ist nicht vorgesehen, und so wird der Mensch krank, brennt aus.“

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3. Auszeiten bewusst planen

Schalten Sie manchmal das Handy aus? Können Sie sich auf Dinge freuen, zum Beispiel auf ein schönes Essen? „Wenn Sie jetzt sagen, das habe ich alles schon lange nicht mehr erlebt – dann fangen Sie an, die Dinge zu ändern“, ermuntert Dr. Nelting. Reden Sie mit dem Vorgesetzen, wenn dieser beispielsweise verlangt, dass sie auch im Urlaub E-Mails bearbeiten. „Es muss Pausen von der Erreichbarkeit und Arbeitsbereitschaft geben“, betont Dr. Nelting.

Mann Luftmatratze Pool
Bild: Shutterstock

4. Ade dem Perfektionismus, hallo Arbeitsteilung

Viele Menschen, die keine Verantwortung abgeben können, haben den Anspruch, dass es keine Fehler geben darf. Aber Achtung: „Wer nicht delegiert, ist ein Kandidat für Burn-out“, warnt Dr. Nelting. Eine Voraussetzung, um Verantwortung teilen zu können, sei es, anderen zu vertrauen. Wichtig für gelungenes Delegieren ist eine gute Kommunikation. Man muss den Mitarbeiter fragen, ob er sich das Übernehmen der Aufgabe zutraut, beziehungsweise was er braucht, damit er die Aufgabe erledigen kann. Dabei ganz wichtig: Nicht bei der kleinsten Unstimmigkeit mit dem Mitarbeiter einknicken und alle Arbeit wieder an sich reißen.

Vor allem für Mitarbeiter im Homeoffice ist das Vertrauen in Kollegen besonders wichtig. Wie Sie auch im Homeoffice motiviert arbeiten und mit Kollegen in Kontakt bleiben erfahren Sie hier >>

5. Katastrophen-Denken stoppen

Verantwortung zu teilen, kann wunderbar befreiend sein. Oft hält uns eine diffuse Angst zurück – die oftmals unbegründet ist. Viele ihrer Patienten sagten, dass sie das Gefühl hätten: „Es macht ja sonst keiner!“, berichtet die Psychiaterin Ruhwandl. Sobald Verantwortung im Raum schwebt, fühlen sie sich angesprochen. Dabei sollte man nüchtern nachdenken: Was ist denn nun das Schlimmste, was passieren kann, wenn ich mich nicht melde, wenn ein Elternvertreter gesucht wird? Würde sich am Ende das allerunsympatischste Elternpaar melden, und das ganze Jahr über gäbe es dann Ärger, so dass sich die Lehrerin schließlich dauerhaft krankmelden würde und die Kinder nichts mehr lernen? Oder würde der Alltag nicht doch mehr oder weniger wie immer ablaufen?

Lesetipps:

Vom Glück, Verantwortung zu teilen. Leben ohne Überforderung
Dagmar Ruhwandl
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de

Burn-out – Wenn die Maske zerbricht
Dr. Manfred Nelting
Goldmann
www.randomhouse.de

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