Titel Grzeskowitz 692
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Veränderungen

Lieber wagen statt bewahren

Raus aus der Komfortzone, aus dem Mittelmaß – das rät Ilja Grzeskowitz in seinen Vorträgen und Büchern. Der 40-Jährige ist selbst sein wohl bestes Beispiel: Einst war er jüngster Warenhaus-Geschäftsführer in Deutschland. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere warf er hin und arbeitet heute als gefragter Keynote-Speaker. Warum er das getan hat, es ihm heute viel besser geht und er den Willen zur Veränderung als Qualifikation für den Arbeitsmarkt der Zukunft sieht, erklärt er im Interview.

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ell, offen, freundlich: So präsentiert sich das Büro von Ilja Grzeskowitz in Weißensee – und so wirkt der 40-Jährige auch selbst: Offenes Lachen, gemütliche Turnschuhe zum blauen Sakko mit weißem Einstecktuch und sofort in der Teeküche, um einen Kräutertee für den Besuch aufzusetzen. Die 40 Jahre merkt man ihm nicht an – wohl aber, dass er regelmäßig vor Publikum steht.

Gerade sei er aus der Schweiz zurückgekommen und eigentlich selten im Büro. In zwei Wochen geht’s für ein paar Tage nach Thailand. Ilja Grzeskowitz ist überall auf der Welt ein gefragter Vortragsredner. Hauptsächlich spricht er vor mittelständischen Unternehmen, aber auch vor Einzelpersonen zu dem für ihn entscheidenden Zukunftsthema: Veränderung. Der Diplom-Kaufmann und Lehrbeauftragte der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin berät, wie jeder seine innere Haltung in puncto Veränderungswillen verbessern kann. Für ihn ist es die Schlüsselqualifikation für den Arbeitsmarkt der Zukunft, denn: der eine Job bis zur Rente ist ein Auslaufmodell.

Zur Person: Ilja Grzeskowitz

• geboren in Lübeck , Studium in Greifswald, Mannheim und Hamburg zum Diplom-Kaufmann , der Name Grzeskowitz (gesprochen Gresch-ko-witz) stammt übrigens aus Ostpreußen, von der Familie seines Vaters

Filialleiter von Karstadt-Filialen in Deutschland, später Ikea-Filialen

• seit 2009 selbstständiger Vortrags­redner , Motivations­trainer , Veränderungscoach und Buchautor von diversen Büchern zum Thema Veränderung, darunter „Die Veränderungs-Formel“ (2014), „Attitüde – Erfolg durch die richtige innere Haltung“ (2013) und „Denk dich reich!“ (2012)

Weitere Informationen auf www.grzeskowitz.com

Ilja Grzeskowitz Live
Gefragter Vortragsredner: Ilja Grzeskowitz reist bis nach Asien, um für eine bessere Einstellung zu Veränderungen zu werben. Bild: Promo

Herr Grzeskowitz, was ist das „Robinson-Prinzip“?

Ilja Grzeskowitz : Das Robinson-Prinzip meint, dass viele Menschen bereits am Montag sehnsüchtig auf den Freitag warten. Man richtet sein Leben auf ein paar schöne Momente am Wochenende aus. Ich kenne viele, die Montagmorgens frustriert aufwachen, weil sie keine Lust mehr auf ihre Arbeit haben. Dann sitzen sie in der S-Bahn und gucken in andere grimmige Gesichter, spulen ihr Acht-Stunden-Pensum ab, schauen abends noch ein bisschen Fernsehen und Dienstag geht’s weiter. Erst am Samstag beginnt das „richtige Leben“. Das sind fünf Tage verschenkte Zeit!

Wie kommt man da raus?

Indem man die Verantwortung für sein Leben übernimmt und ein Leben führt, das nicht nur am Wochenende stattfindet. Sie können komplett von vorne anfangen oder Ihrem Job mehr Sinn geben, zum Beispiel neue Aufgaben suchen, die Sie intellektuell mehr herausfordern oder Ihnen Freude bereiten. Ich habe vor acht Jahren mein Leben komplett umgekrempelt. Von außen betrachtet war ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere: Ich hatte ein tolles Gehalt, einen schicken Dienstwagen, eine gute Karriere-Perspektive. Aber innerlich war ich am Nullpunkt. Ich habe damals bei Ikea in Hamburg gearbeitet, meine Familie lebte in Berlin. Ich war nur auf der Autobahn unterwegs.

Sie konnten doch gestalten, hatten Verantwortung und eine vielversprechende Karriere?

Als Filialleiter eines Warenhauses lässt man sich per Vertrag darauf ein, in jede Stadt Deutschlands versetzt zu werden. Das bedeutet, alle zwei, drei Jahre ein Filialwechsel, ein neues soziales Umfeld. Ich wusste nie, wohin es geht. Als Single habe ich das noch genossen, aber als frisch gebackener Familienvater wollte ich einen festen Lebensmittelpunkt. Und ich wollte vor allem selbst bestimmen, was ich tue.

Das scheint der rote Faden in Ihren Büchern: Gucke, was deine Bedürfnisse sind, wo deine Stärken liegen – dann nutze sie, um deine Träume anzugehen. Unser Erfolg hängt aber auch von äußeren Faktoren wie der Wirtschaftslage, den Arbeitslosenzahlen oder den Entscheidungen unseres Chefs ab.

Ja und Nein. Die allgemeine Wirtschaftssituation spielt immer eine Rolle, ich könnte aber diverse Beispiele von Menschen nennen, die während einer Rezession sehr erfolgreich geworden sind. Es gibt zum Beispiel zwei nahezu identische Restaurants am Hackeschen Markt: Das eine ist immer proppevoll, das andere stets komplett leer. Gleiche Lage, gleiches Publikum – dieser unterschiedliche Erfolg muss einen inneren Grund haben.

Ilja Grzeskowitz
Er selbst arbeitete als Deutschlands jüngster Warenhaus-Manager – und kündigte auf der Höhe seiner Karriere. Bild: Promo

In Ihrem Buch „Attitüde“ haben Sie das Beispiel eines Managers aus der Telekommunikation gewählt. Er ist unzufrieden mit dem Chef, mit seinen Kollegen, mit den monotonen Aufgaben. Sie empfehlen, den Fokus auf die positiven Dinge zu richten: auf das gute Gehalt, den hohen Urlaubsanspruch. Löst das das Problem?

In dem konkreten Fall ging es um jemanden, der mit der Aussage kam: „Alles an meinem Job ist Mist!“ Natürlich kann man den Chef nicht ändern oder das Verhalten der Kollegen oder gewisse Rahmenbedingungen in der Firma; was ich aber ändern kann, ist die eigene Haltung hierzu. Kann ich meinen Kollegen vielleicht anders begegnen? Manchmal ändert sich dann schon was. Manche Menschen sind so in einer Negativspirale gefangen, dass sie alles negativ sehen. Dann ist ein Perspektivwechsel nötig: Was magst du eigentlich an deinem Job? Das hilft, den Fokus weg von Problemen, hin zu Lösungen zu setzen. Eine Einstellung übrigens, die keine Probleme verdrängt, sondern dabei hilft, besser mit ihnen umzugehen.

Entscheidend ist auch die Frage: Bin ich eher ein Optimist oder Pessimist? Wie kann ich den Pessimismus abstreifen?

Ich bin kein Freund davon, permanent mit der rosaroten Brille durchs Leben zu gehen. Es ist wichtig, Probleme als solche zu erkennen und zu benennen. Man sollte sie dann aber auch lösen, statt sich von ihnen lähmen und abwärts ziehen zu lassen. Worauf ich mich fokussiere, dahin fließen meine Zeit, mein Geld und meine Energie. Und wohin diese Dinge fließen, davon kriege ich mehr. Das heißt: Bin ich sehr auf Probleme fixiert, dann werde ich immer mehr Probleme im Leben haben. Bin ich in dieser Negativspirale gefangen, wird es auch immer mehr in Richtung der berühmten „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ gehen, sprich: Was schiefgehen kann, wird schiefgehen.

Wie kann ich dieser Spirale entkommen?

Indem man sich so oft es geht der eigenen Einstellung bewusst wird. Was mache ich da gerade? Wie rede ich eigentlich innerlich mit mir selbst? Bringt mich das wirklich dem näher, was ich haben möchte? Je besser ich das verstehe, desto eher kann ich es ändern.

Angenommen man will sich verändern, spürt aber die Angst vor dieser Veränderung, zum Beispiel weil sie Einkommensausfälle bedeuten wird. Können Sie Menschen diese Angst nehmen?

Ich kann diese Angst leider nicht nehmen. Wenn wir etwas Neues beginnen, ist es normal, dass wir zweifeln, unsicher sind oder im Extremfall sogar Angst haben. Je größer die Veränderung, desto größer die Emotion dahinter. Es ist auch gut, diese Angst zuzulassen. Ich selbst hatte sehr große Angst vor dem Wechsel in die Selbstständigkeit. Meine Tochter war gerade zwei Jahre alt, ich hatte ein Haus in Berlin gebaut. Alle haben gesagt: „Bist du blöd, wie kannst du mit dieser Verantwortung so etwas wagen?!“

Verständlich, immerhin haben Sie als junger Familienvater ein sicheres Einkommen aufgegeben.

Sehr viele Menschen spüren einen Konflikt, zwischen ihrem Freiheitsdrang und ihrem Sicherheitsbedürfnis. Beides gleichzeitig geht aber nicht. Man kann nicht um die Welt reisen oder eine Firma gründen und gleichzeitig die Sicherheit haben, dass alles funktioniert. Man muss das eine aufgeben, um das andere zu bekommen.

Nehmen wir weiter an: Jetzt hat man sich verändert, stolpert aber über die ersten Hindernisse. Was macht man?

Je größer das Vorhaben, desto mehr Stolpersteine werden kommen. Ich kenne keine Veränderung, weder bei Einzelpersonen noch bei Unternehmen, wo alles glatt lief. Natürlich hat man eine gewisse Anfangsenergie und plötzlich kommen Störfeuer von außen – dann muss man ein starkes Ziel haben. Wo will ich hin? Wenn mir das so wichtig ist, dann bin ich auch bereit, diese Hürden zu überwinden.

Sie nennen als Vorbild für Veränderungswillen den USA-Präsidenten Obama, der es mit der Kraft der „Yes-we-can“-Kampagne zum ersten schwarzen Präsidenten der USA geschafft hat. Gleichzeitig ist Obama ein trauriges Beispiel, weil er mittlerweile nur noch wenig Gestaltungsspielraum hat, da die Konservativen die Mehrheit bilden.

Die Yes-we-can-Kampagne beeindruckt mich nach wie vor. Obama hat es in kürzester Zeit geschafft, einen Spirit durch das Land wehen zu lassen. Gleichzeitig haben mich seine Versprechen zum Irak-Einsatz und Guantanamo-Gefangenenlager enttäuscht. Ich würde Obama daher heute nicht mehr als Erfolgsbeispiel präsentieren.

Wenn selbst der mächtigste Mann der Welt in den äußeren Bedingungen gefangen ist: Wie kann ich mich dann als Einzelperson erfolgreich verändern?

Der mächtigste Mann der Welt ist sicherlich auch einer der fremdbestimmtesten. Obama steckt in einem Geflecht aus Beratern, Ränkespielen und widersprüchlichen Interessen. Man sollte sich nicht als Privatmensch mit Politikern vergleichen. Die Gefahr besteht, dass man das als Ausrede benutzt. Wenn schon Obama nicht für sich selbst bestimmen kann, wie soll ich das dann schaffen? Jeder einzelne hat viel, viel mehr Gestaltungsspielraum als wir uns das manchmal selbst zugestehen – aber auch nur dann, wenn wir bereit sind, Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen, sprich: die Konsequenzen zu tragen und Konflikte auszuhalten.

Außerdem: Alles so zu lassen, wie es ist, kann niemals die Alternative sein. Stillstand ist meistens gleichbedeutend mit Rückschritt. Dann lieber etwas wagen, mit der Möglichkeit, dass es schiefgeht, statt es auf Biegen und Brechen zu bewahren.

Fällt uns Deutschen das Verändern besonders schwer?

Der „Deutsche“ ist tendenziell eher konservativ, was die Veränderungsbereitschaft anbelangt. Wir sind zuverlässig, haben hohe Standards, aber wir gucken zu wenig über den Tellerrand. Gerade die Amerikaner sind da viel offener, aber auch die Chinesen sind uns in puncto Innovation ein paar Schritte voraus.

Was hätte der damalige Ilja Grzeskowitz, der eine Karstadt-Filiale geleitet hat, zum heutigen Ilja Grzeskowitz gesagt?

(sofort) Der hätte sich einfach nicht vorstellen können, dass man mit meiner Tätigkeit heute Geld verdienen kann. Vor zehn Jahren schien mein Weg wie auf Schienen vorgezeichnet: Ich habe zunächst in kleinen Filialen gearbeitet, dann kamen größere, das wäre tendenziell so weiter gegangen.

Auch heute sind Sie viel unterwegs und pendeln…

Ich reise sogar mehr als damals. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Ich kann heute frei entscheiden, ob ich reise oder nicht. Ich bin eigenbestimmt statt fremdbestimmt. Und diesen Unterschied genieße ich sehr!

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