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Titel Tierische Kollegen
Bild: iStock
Mensch trifft Tier

Tierische Kollegen für extreme Situationen

Sie haben eine Woche Schicht, essen am liebsten alte Blätter, sie erschnüffeln tote Körper und verbringen mit ihrem Chef sogar die ganze Freizeit: Tiere, wie Hunde, Bachflohkrebse und Ameisen, kommen in diesen Berufen zum Einsatz. Doch wie arbeitet es sich mit Kollege Tier?

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achfloh-Krebse mögen natürliches Wasser, ohne Beimischungen oder Zusätze – die idealen Trinkwasserkontrolleure. Bei den Berliner Wasserbetrieben kommen sie selbstverständlich zum Einsatz.

Das Berliner Trinkwasser wird komplett aus dem Grundwasser gewonnen und muss hohe Qualitätsanforderungen bestehen. Damit die Wasserqualität stimmt, wird es ständig kontrolliert. Dabei kommen die Bachflohkrebse.

Nach einer Woche Schichtdienst geht es zur Erholung ins Aquarium.

Das häufige Auftreten von Bachflohkrebsen in Gewässern ist ein Indiz für sauberes Wasser, denn nur da fühlen sie sich wohl. Das machen sich die Berliner Wasserbetriebe zu nutze. Die Arbeit der etwa ein Zentimeter großen Krebse besteht darin anzuzeigen, wenn etwas mit der Wasserqualität nicht stimmt. Sie ergänzen also chemische, physikalische und biologische Labortests. Ihr Arbeitsplatz ist ein rundes Analysegerät, das aus acht Kammern besteht. In jeder davon befindet sich ein Bachflohkrebs.

Krebs Im Analysegeraet
Bachflohkrebs bei der Arbeit im Analyse-Gerät. Bild: Benjamin Pritzkuleit

Sensoren, die die Tiere überwachen, würden sofort anschlagen, wenn sich die Krebse ungewöhnlich verhalten. Ein Frühwarnsystem, das schneller funktioniert als alle anderen Labortests. Die Arbeitszeiten der tierischen Kollegen ist klar geregelt: Nach einer Woche Schichtdienst geht es zur Erholung ins Aquarium, wo sich die Krebse, die rund zehn Tage ohne Nahrung auskommen, den Bauch vollschlagen können. Rund 200 Tiere pro Aquarium bekommen dann alte Blätter, die Leibspeise der Tiere, vor allem wenn sich das Laub schön zersetzt. „An Feiertagen bekommen die Tierchen auch mal Fischfutterpellets als Leckerli“, sagt Stephan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe, nicht ohne ein Augenzwinkern.

Bachflohkrebse sind die perfekten Mitarbeiter

So gut die Arbeit mit den tierischen Kollegen funktioniert, die Bachflohkrebse waren nicht die ersten tierischen Wasserprüfer der Wasserbetriebe. Im ersten Versuch griff man auf Wasserflöhe zurück, die Ergebnisse waren allerdings nicht optimal und man wechselte auf Fische, genauer gesagt Moderlieschen. Doch die Arbeit mit den Fischen war nicht von Dauer: Der Tierschutz sorgte für das Ende der Fischarbeit. Danach versuchte man sich an Bakterien, doch schließlich fand man mit den Bachflohkrebsen die perfekten Mitarbeiter.

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Bachflohkrebs bei der Erholung: im Aquarium. Bild: Benjamin Pritzkuleit

Seit 2015 arbeiten die Wasserwerke Beelitzhof und das Zwischenpumpwerk Kleistpark nun mit den Bachflohkrebsen. Langfristig sollen sie in allen Wasserwerken eingesetzt werden und auch im Rohrnetz zum Einsatz kommen.

Auf Kuschelkurs mit Krebsen?

Wie die kleinen tierischen Mitarbeiter bei den Kollegen ankommen? „Die meisten Beschäftigten haben keinen direkten Kontakt zu den Bachflohkrebsen“, erklärt Natz.

Marko Fischer
„Krebs-Dompteur“: Marko Fischer von den Wasserwerken. Bild: Benjamin Pritzkuleit

Nur wenige Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit den Tieren zusammen, so zum Beispiel der „Krebs-Dompteur“ Marko Fischer, der sich um das Wohlergehen seiner Schützlinge kümmert. Er überprüft die Werte und sorgt dafür, dass die Tiere zwischen Arbeitskapsel und Aquarium wechseln. Das Verhältnis zwischen Tier und Mensch ist pragmatisch. In erster Linie ist der Einsatz der Bachflohkrebse ein Optimierungswerkzeug im Wasserwerk.

„Außerdem“, so Natz, „sind die Bachflohkrebse längst nicht die einzigen Tiere bei den Berliner Wasserbetrieben. Für uns arbeiten im Klärwerk Pantoffeltierchen, Amöben, Bakterien und viele mehr, die das Abwasser zersetzen. Die hegen und pflegen wir, damit sie ihre Arbeit im Wasser brav verrichten.“

Der Partner mit der kalten Schnauze

Die Tür geht auf und ein wuscheliger Vierbeiner rast herein. Ein Sprung, Schwanzwedeln und freudiges Ablecken. Fräulein Peiker ist so verspielt, dass man nicht gleich auf die Idee kommt, dass sie einen harten Job hat: Sie ist Polizeihund. Genau dieser Spieltrieb kommt der Berliner Polizei bei der Arbeit aber zugute. Die fünfjährige belgische Schäferhündin mit dem ungewöhnlichen Namen – „das Fräulein ist allerdings obligat“, sagt ihr Hundeführer René Liebe – ist seit rund vier Jahren im Dienst der Polizei. Als Leichenspürhund ist sie dann gefragt, wenn Leichen gesucht oder Blutspuren gefunden werden müssen.

Fraeulein Peiker
Fräulein Peiker, so heißt der Hund wirklich, bei der Arbeit. Bild: Julia Schattauer

Matthias Dahlke, Polizeioberkommissar bei der Berliner Polizei und in der Führungsgruppe der Hundestaffel tätig, hat jahrelange Erfahrung als Aus- und Fortbilder für Mensch und Hund. „Ein Hund, der als etwas zu wild auffällt, ist für uns genau der richtige“ weiß er. In erster Linie sind es Gebrauchshunderassen wie Schäferhunde, Rottweiler oder Belgische Schäferhunde, die als Polizeihunde in Frage kommen. „Wir brauchen Hunde mit einem ausgeprägten Spiel- und Beutetrieb, die nicht schreckhaft sind und auch eine gewisse Grundaggression mitbringen.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Polizeihund kein Familienhund sein kann. „Ein Polizeihund kann zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden“, weiß Dahlke. Auch Polizist Liebe bestätigt das: „Fräulein Peiker ist zuhause zutraulich und perfekt in unsere Familie mit Kind integriert.“

„Wir legen großen Wert darauf, dass ein Hund auch abschalten darf und genügend Urlaub bekommt. Ein Hund ist schließlich auch nur ein Mensch.“ Matthias Dahlke, Polizeioberkommissar

In Berlin gibt es momentan 120 Diensthunde, davon sind 75 Schutzhunde, der Rest ist für Spezialbereiche ausgebildet, so wie Leichenspurhund Fräulein Peiker. Neben den Leichen- und Blutspürhunden gibt es Spürhunde für Rauschgift, Sprengstoff, Personen und Brand-Ermittlung. Die Schutzhunde kommen bei Demonstrationen, Sportereignissen oder Staatsbesuchen zum Einsatz. Zudem fahren Tag und Nacht mehrere Funkwagen mit jeweils zwei Schutzhunden im Stadtgebiet Streife. Tagsüber und nachts wird die Hundestaffel nach Bedarf über die Leitstelle angefordert.

Die Arbeitszeit des Hundes richtet sich nach dem Schichtdienst des Hundeführers. Sie teilen Arbeit, Freizeit und Tagesrhythmus. „Wir legen großen Wert darauf, dass ein Hund auch abschalten darf und genügend Urlaub und Erholungsphasen bekommt“, sagt Dahlke und fügt lachend hinzu: „Ein Hund ist schließlich auch nur ein Mensch.“

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Sie und Polizeioberkommissar Matthias Dahlke arbeiten eng zusammen. Bild: Julia Schattauer

Ein potentieller Polizeihund wird mit ungefähr ein oder zwei Jahren eingekauft und kostet weit mehr als 1.000 Euro, manchmal auch deutlich mehr. Zunächst kommt der Hund in die Zwinger- und Ausbildungsanlage der Polizei in Ruhleben. Welcher Beamte zu welchem Hund passt, entscheidet unter anderem der Charakter: Ein eher aufgeregter Hund passt zu einem ruhigen Menschen – und umgekehrt.

Zusammen bestreiten Hund und Hundeführer den rund zwölfwöchigen Anfängerlehrgang. Jeder Beamte bildet seinen Hund dabei selbst aus und nimmt ihn von nun an mit nach Hause. Er ist jetzt Rudelführer und der Hund ordnet sich ihm unter. Bei den Einsätzen arbeiten Polizist und Hund als eingespieltes Team zusammen. Nach ungefähr zehn Dienstjahren darf ein Polizeihund in Rente und bleibt dann in der Regel bei seinem Hundeführer, denn die Arbeit in Extrem-Situationen schweißt zusammen. „So ein Tier wächst dir ans Herz“, sagt Dahlke, der seinen Polizeihund vor einiger Zeit einschläfern musste.

Faszination Ameisen: Haustier und Wissenschaftsobjekt

Die Faszination für Ameisen packte Bert Hölldobler schon als Kind. Dass der mittlerweile emeritierte Professor sich als einer der weltweit führenden Koryphäen in diesem Gebiet etabliert hat, konnte man damals noch nicht ahnen.

Bert Hoelldobler
Fasziniert von Ameisen: Evolutionsbiologe Bert Hölldobler. Bild: CJ Kazilek, Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Bert Hölldobler, der 1936 in Oberbayern geboren wurde, publizierte im Jahr 1990 zusammen mit Edward O. Wilson, dem Star der amerikanischen Evolutionsbiologie, das Monumentalwerk „The Ants“. Ein Jahr später erhielten sie dafür in den Vereinigten Staaten den berühmten Pulitzer-Preis.

Eine Haupterkenntnis: Damit das Zusammenleben funktioniert, bedienen sich die Ameisen einer vielfältigen Kommunikation und Sozialstruktur. Im „Superorganismus Ameisenstaat“ wird genetzwerkt!

In den USA hat der seit 2004 emeritierte Hölldobler an der School of Life Sciences der Arizona State University zusammen mit dem Bienengenetiker Robert Page eine internationale Forschergruppe aufgebaut, die sich mit komplexem Sozialverhalten von Ameisen, aber auch Bienen und Termiten befasst. Er widmete seine Karriere einem Tier, das oft unterschätzt und dabei so viele Anhaltspunkte für das menschliche Leben bietet.

Ameisen als Ware?

Einer, der diese Faszination nachvollziehen kann ist Martin Sebesta, Inhaber des
Antstore in Steglitz. „Schon als Kind habe ich mich für Insekten, vor allem für Ameisen, interessiert.

Antstore
Seit seiner Kindheit von Ameisen fasziniert: Martin Sebesta, Inhaber des Antstores. Bild: Antstore

Besonders fasziniert hat mich das Sozialleben der Tiere und die verschiedenen ‘Berufe’ und Tätigkeiten, die sie ausüben“, erklärt der Ameisenfan seine Begeisterung. „Mitte der 1990er-Jahre habe ich auf meiner Internetseite Bilder und Texte zum Thema Ameisen veröffentlicht, einfach weil ich Spaß daran hatte“, erzählt Sebesta auf die Frage, wie er zum Ameisengeschäft kam. Als er plötzlich E-Mails von anderen Ameisenfans bekam, merkte er, wie viele Interessenten es gibt.

„Ich sehe die Tiere nicht als Produkte, sondern als Lebewesen und als kleines Wunder der Natur.“ Martin Sebesta, Inhaber „Antstore“

Aus dem Hobby Ameisenhaltung wurde im Februar 2000 zunächst eine Nebentätigkeit und ab 2003 der Hauptberuf. Wer im Antstore einkauft? Die Kunden sind einerseits Privatleute, die Ameisen als Haustiere halten, aber auch gewerbliche Kunden wie Zoologische Gärten, Naturkunde-Museen, Schulen oder Universitäten, die die Tiere für die Forschung brauchen.

„Es melden sich sogar Werbeagenturen, Menschen aus Film und Fernsehen oder Künstler, die für Kunstprojekte Ameisen brauchen. Sogar Ärzte und Anwaltskanzleien kaufen bei uns, um die Ameisen im Wartebereich auszustellen“, so der Shop-Betreiber.

Die Ameisen, die übrigens alles Wildfänge und keine Züchtungen sind, sieht der Martin Sebesta selbst nicht als Ware, um viel Umsatz zu machen. „Ich sehe die Tiere als Lebewesen und als kleines Wunder der Natur.“ Bei der Produktauswahl achtet er deshalb darauf, dass die Tiere so naturnah und artgerecht wie möglich gehalten werden. Nur wenn es den Tieren gutgeht, ist auch der Händler zufrieden.

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