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Titel Teilzeit-manager
Bild: Shutterstock
Arbeit und Familie

Manager in Teilzeit

Teilzeitarbeit unter Führungskräften ist selten. Gerade einmal fünf Prozent arbeiten weniger als 30 Stunden. Gründe dafür sind oft die Angst vor dem Karriereknick und eine Präsenzkultur in Unternehmen. Die Manager Sandra Valentin und Damir Steko haben sich für Teilzeit entschieden – und würden es wieder tun.

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as Sonnenlicht flutet durch die hohen Bürofenster der Kreuzberger Agentur ]init[ am Ufer der Spree. Mit schnellem Schritt geht Executive Director Sandra Valentin (46) durch das Foyer. Die Chefin von 160 Mitarbeitern trägt Jeans zum hellen Blazer, beim Gespräch liegt das Handy griffbereit neben ihrer Kaffeetasse. Den Zeitdruck – in einer halben Stunde muss sie ihre Tochter von der Kita abholen – merkt man der Managerin nicht an. Ruhig öffnet sie eine Wasserflasche.

Weniger arbeiten mit Jobsharing

Sandra Valentin ist die eine Hälfte eines „aus der Not geborenen Erfolgsmodells“, wie sie es lächelnd nennt. Mit ihrer Kollegin und ihrem Team verantwortet sie die Umsetzung komplexer Online-Portale für Kunden der Agentur. Diese hat sich auf die Bereiche digitale Kommunikation und IT-Dienstleistung spezialisiert.

Sandra Valentin
Aus der Not geborenes Erfolgsmodell: Sandra Valentin führt in Teilzeit. Bild: Anja Karrasch

Das alles macht sie an vier Tagen pro Woche, mit einer Arbeitszeit von 27 Stunden. Alleine würde sie das Arbeitspensum nicht schaffen, deshalb teilt sich Sandra Valentin die Leitungsposition mit einer Kollegin. Was nicht immer leicht ist, weil sie auch bei unterschiedlichen Meinungen gegenüber Kunden und Mitarbeitern einheitlich auftreten müssen. Ihr Fazit nach anderthalb Jahren fällt dennoch positiv aus: „Wir können uns gegenseitig vertreten und haben ein Vier-Augen-Prinzip, was für die Qualität der Arbeit sehr hilfreich ist. Das Wichtigste ist, dass wir beide als Leitungsteam arbeiten wollen und uns vertrauen.“

Ein Vorbild für ihr Jobsharingmodell gab es im Arbeitsumfeld nicht; Teilzeitmanagerinnen und -manager bilden in Deutschland immer noch die Ausnahme. Laut einer Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung beträgt der Anteil von Führungspersonen mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von unter 30 Stunden nur knapp fünf Prozent. Ein entscheidender Grund dafür ist die herrschende Kultur in vielen deutschen Unternehmen, dass ein guter Chef 100 Prozent verfügbar sein muss, erklärt die Autorin der Studie Lena Hipp – und entgegnet: „Nicht die ständige Präsenz vor Ort, sondern die Qualität von Arbeitsergebnissen sollte maßgebend sein.“

Zustimmung vom Chef ist nötig

Arbeitswochen mit 50 Stunden waren vor der Geburt ihrer Tochter für Sandra Valentin selbstverständlich. Auch nach der Elternzeit wollte sie ihren Leitungsjob nicht aufgeben. Das hätte für sie bedeutet, deutlich weniger zu verdienen und eine Abteilung abzugeben, die sie mit ihrer langjährigen Kollegin aufgebaut hatte.
Weil die Topmanagerinnen Familie und Karriere besser miteinander vereinbaren wollten, suchten sie gemeinsam mit ihren Vorgesetzten nach einer Lösung. „Der Vorstand machte uns den Vorschlag für das Jobsharingmodell. Ohne seine Zustimmung und die der Mitarbeiter würde es nicht gehen. Man muss flexibel bleiben im Kopf und sich anpassen an die persönlichen und beruflichen Veränderungen.“

Ein Vorteil: Mehr Zeit für die Familie

Damir Steko
Auch für Männer ein attraktives Modell, wie der Sozial-Manager Damir Steko berichten kann. Bild: Anja Karrasch

Doch nicht nur Frauen reizt das Teilzeit-Modell. Der Sozialmanager Damir Steko (47) hat immer dann etwas in seinem Berufsleben geändert, wenn er nicht mehr zufrieden war. Auf dem großen Schreibtisch in seinem Friedrichshainer Büro liegen Zettel mit Aufgabenlisten, an der Wand hängt ein Kalender mit Terminen. Als seine beiden Söhne klein waren, reduzierte er seine Arbeitszeit. Neben seinem damaligen Job als Bereichsleiter für betreutes Wohnen bei einem großen Sozialunternehmen wollte er sich mehr um sie kümmern.

Seine Frau arbeitete Vollzeit und war als Szenenbildnerin viel auf Reisen. „Meine Erfahrung war, dass man extrem effizient arbeitet und sich straff organisieren muss. Ich habe dieselben Aufgaben in 30 Stunden geschafft, für die ich vorher 40 Stunden Zeit hatte.“ Für Mittagessen mit den Kollegen oder ein Plausch in der Büroküche fehlte die Zeit, aber im Rückblick war es ihm das wert.

„Mein Verhältnis zu meinen Söhnen ist stark von Liebe und Nähe geprägt und für meine Frau und mich war es wichtig, dass wir uns beide beruflich weiterentwickeln konnten“. Gängige Vorurteile, dass Teilzeit-Männer keine Verantwortung übernehmen wollen und tendenziell faul sind, hat Damir Steko nicht erlebt. Im Gegenteil. Als vor zwei Jahren eine Bereichsleitung für 20 Kitas mit mehr als 450 pädagogischen Fachkräften frei wurde, bot ihm sein Arbeitgeber die Stelle an. Jetzt arbeitet er wieder 40 Stunden – und ist sich sicher: Auch auf dieser Position würde er bei seinen Vorgesetzten bei dem Thema Teilzeit auf offene Ohren stoßen. „Ich müsste die Frage beantworten können, wie meine Arbeit verteilt werden soll und wie ich mir das vorstelle.“

Infos zum Buch

Führen in Teilzeit ist möglich! – So lautet die Botschaft von Brigitte Abrell. Die Autorin war selbst viele Jahre als Führungskraft in Teilzeit tätig. Ihre Informationen, Tipps und Best-Practice-Beispiele sind daher praxisbezogen und sowohl für Führungskräfte als auch für Personalverantwortliche interessant. Sie finden wertvolle Anregungen und einen Leitfaden für Arbeitgeber, wie sie ihren verantwortlichen Mitarbeitern ein zukunftsweisendes Arbeitsmodell ermöglichen können.

Führen in Teilzeit
Verlag: Springer Gabler
Erschienen: 2015
Preis: 34,99 €

Tipp: Ein realisierbares Konzept entwickeln

Die Liste der Bedenken, die in Führungsetagen gegen Teilzeit sprechen, ist lang: höherer Koordinierungsaufwand, zusätzliche Kosten, die Chefin oder der Chef sind in wichtigen Meetings nicht dabei, Informationen fallen unter den Tisch, Mehrarbeit für Mitarbeiter oder mangelnde Absprachen. Diese Argumente hört Brigitte Abrell oft. Sie ist zertifizierter Businesscoach und Autorin des Sachbuchs „Führen in Teilzeit“. Die Expertin schöpft aus 25 Jahren Führungserfahrung, davon viele Jahre in Teilzeit.

Sie empfiehlt Führungskräften „sich Zeit zu nehmen, um eine realistische Vorstellung davon zu entwickeln, wie sich ein Teilzeitmodell am Arbeitsplatz umsetzen lässt und welche organisatorischen Abläufe und Regeln im Unternehmen eine Teilzeittätigkeit erschweren“. Wichtig sei es, dem Arbeitgeber ein wohldurchdachtes Konzept zu präsentieren. „Für jeden Teilzeitwunsch gibt es eine individuell passende Lösung. Voraussetzung ist, dass auch der Arbeitgeber bereit ist, neue Wege zu gehen.“

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