Titel Schichtwechsel
Bild: Katrin Starke
Engagement

Sichtwechsel beim Schichtwechsel

Wie sieht der Alltag von Menschen mit Behinderung aus? Kaum ein Berliner weiß das. Um das zu ändern, haben die Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung den „Schichtwechsel“ initiiert: 123 Beschäftigte aus Berliner Unternehmen tauschen für einen Tag ihren Arbeitsplatz mit einem Menschen mit Behinderung. Ganz vorn dabei: die Berliner Sparkasse.

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ür seinen ersten Arbeitstag bei der Berliner Sparkasse hat sich Nico Altmann (30) schick gemacht. Schwarzes Nadelstreifen-Hemd, eine rot gestreifte Krawatte, das kurze Haar mit Gel in Form gebracht. „Erst wollte ich sogar einen Anzug anziehen“, sagt er. Das war dann aber doch zu viel der Form.

Schichtwechsel Altmann Sickora
Nico Altmann und Gabriela Sickora Bild: Katrin Starke

Nico Altmann ist seit seinem zehnten Lebensjahr durch einen Autounfall halbseitig gelähmt. Er hat Probleme beim Sprechen, redet langsam und hält den rechten Arm angewinkelt nach oben. Deshalb greift er mit der linken Hand zur Maus, die für ihn an der falschen Seite des Computers liegt. „Nicht schlimm.“ Das klappt auch so.

Von der Theaterbühne zur BusinessLine

Eigentlich arbeitet Nico bei „Thikwa“ – der Werkstatt für Theater und Kunst, die Menschen mit Behinderung zu darstellenden und bildenden Künstlern ausbildet. Doch an diesem Tag hat er seinen Arbeitsplatz mit Kerstin Zühlke von der Berliner Sparkasse getauscht. Berlins größtes Geldinstitut ist eines der Unternehmen, die beim Schichtwechsel, dem Aktionstag für neue Perspektiven der Werkstätten für behinderte Menschen mitmachen.

„Der Ansatz des Schichtwechsels ist es, Begegnungen zu schaffen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen – damit sich etwas verändert in der gegenseitigen Wahrnehmung.“ Michael Ewerling, Mit-Organisator

„Begegnungen schaffen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen – damit sich etwas verändert in der gegenseitigen Wahrnehmung“, erklärt Mit-Organisator Michael Ewerling den Ansatz dieses ungewöhnlichen Arbeitsplatz-Tausches. Es müsse Schluss damit sein, dass Behinderte als Menschen mit einem Defizit wahrgenommen würden, sagt der Marketingleiter bei der gemeinnützigen Nordberliner Werkgemeinschaft, die gemeinsam mit dem Theaterverein Thikwa die Werkstatt in der Kreuzberger Fidicinstraße betreibt. „In den Werkstätten sind die Behinderten die Experten. Nicht die Arbeit gibt hier den Takt vor, sondern der Mensch mit seinen Fähigkeiten.“

„Nico ist doch jetzt einer von uns“

„Hey Nico, würdest du mit mir die Post sortieren?“, fragt Gabriela Sickora (53). Die Mitarbeiterin der Berliner Sparkasse betreut den jungen Mann an seinem Arbeitstag in der BusnessLine, dem CallCenter für Firmenkunden. Gleich zum Dienstbeginn haben sich beide auf das vertrauliche “Du” geeinigt. “Nico ist doch jetzt einer von uns”, sagt Gabriela Sickora und legt einen Stapel Briefe und ausgedruckte Mails auf den halbrunden Schreibtisch, einen von rund 40 Arbeitsplätzen in der BusinessLine.

Gemeinsam haben sie bereits an der morgendlichen Team-Besprechung teilgenommen, in der Nico aufmerksam den Neuerungen zum Zahlungsverkehr gelauscht hat und seine Ideen zum kontaktlosen Bezahlen einbringen konnte. Mittags waren sie zusammen in der Kantine. Und doch hat sich Gabriela Sickora bislang nicht getraut, ihn nach seiner Behinderung zu fragen. „Halbseitige Lähmung“, erzählt er nun. „Ein Unfall.“ Zehn Jahre sei er alt gewesen, als er von einem Auto angefahren wurde und schiebt dann schnell hinterher: „Ich hab‘ doch einen guten Job als Schauspieler im Thikwa.“ Dem Theater, das bei seiner Gründung vor 26 Jahren das erste in ganz Deutschland war, in dem Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam auftreten.

Schichtwechsel Altmann Schneider
Nico Altmann und Britta Schneider Bild: Katrin Starke

Nico liebt es, auf der Bühne zu stehen. Lampenfieber hat er schon lange nicht mehr. Warum er dennoch unbedingt beim „Schichtwechsel“ dabei sein wollte: „Um mein Spektrum zu erweitern.“ Lieber noch wäre er für einen Tag zur Polizei gegangen, hätte gern „zur Auflösung von Fällen beigetragen“. Er mag „Kriminales“, aber nicht diese „Tatorte“ im Fernsehen. Bei ihm muss es „etwas mit Action sein“. Mit Bewegung. Deswegen ist er auch gern bei Thikwa: „Da trainiere ich meinen Körper und schärfe meine Sinne.“ Die Arbeit im Callcenter könne er sich „nicht für jeden Tag“ vorstellen. „Hier musst du immer deinen Kopf anstrengen.“ Nico zieht sich das Headset über die Ohren, hört Kundenbetreuerin Britta Schneider bei einem Beratungsgespräch am Telefon zu. Nickt anerkennend. „Da muss dein Kopf ganz schnell von Null auf Hundert sein.“

Im Atelier statt am Schreibtisch

Derweil malt Bankfachwirtin Kerstin Zühlke im grafischen Atelier der Thikwa-Werkstatt mit Wachskreide ein blaues Oval auf die Leinwand. „Ein See?“, fragt eine junge Frau mit Down-Syndrom. Kerstin Zühlke schüttelt den Kopf. „Das soll eine Regenwolke werden“, sagt die Kundenbetreuerin der BusinessLine der Berliner Sparkasse. Das Mädchen mit Behinderung nimmt ihr die Kreide aus der Hand, malt Striche und Kullern unter den blauen Klecks. „Dann müssen da auch Tropfen rauskommen.“

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Kerstin Zühlke Bild: Katrin Starke

Gegenüber am Zeichentisch hält ein schmaler Mann mit schwarz-grau meliertem Haar einen der an Gummiseilen von der Decke herabhängenden Stifte mit der Faust umklammert, kritzelt in wildem Zickzack Striche auf die Leinwand. Manchmal hält er den Kopf schief, öffnet den Mund, stößt einen gurgelnden Laut aus, streckt sich in seinem Rollstuhl. André ist schwerst mehrfachbehindert. „Als Schauspieler absolut talentiert“, berichtet Werkstattleiter Pierre Spiegelberg. So manchen Preis hätten Thikwa-Künstler schon abgeräumt. „Manche können sich kaum artikulieren, aber sprechen über ihre Werke.“

„Ich wusste überhaupt nicht, was mich hier erwartet – und bin überrascht von der Vielfalt der Angebote“, bilanziert Kerstin Zühlke, seit 1991 bei der Berliner Sparkasse. „Musst du da immer Geld zählen?“ wird sie von einer jungen Frau mit Behinderung gefragt. „Nein, mit Scheinen habe ich gar nichts zu tun, ich muss ganz viel telefonieren“, antwortet die 48-Jährige mit der blonden Lockenmähne und lacht.
Einen Tisch weiter malen drei junge Männer einen Jahreszeitenkreis. „Wie bunt die den Herbst darstellen, in leuchtendem Orange und Rot“, sagt Kerstin Zühlke staunend. „In unserer Vorstellung ist der doch oft grau.“ Nach der Mittagspause will sie noch beim „Butoh“, einer aus Japan stammenden Mischung aus Tanz und Körpertheater, mitmachen. Ihr Sportzeug hat sie dabei. Schließlich hat sie zum Start in den Tag schon am sportlichen Warm-Up teilgenommen.

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Kerstin Zühlke beim morgentlichen Warm-Up in der Thikwa-Werkstatt. Bild: Katrin Starke

Da hat sie die Arme nach oben gereckt mit Spannung bis in die Fingerspitzen, hat den Oberkörper ganz weit gemacht, während sie schwimmende Bewegungen mit den Unterarmen vollführte. „Die Energie muss fließen“, hatte Trainer Edsel Scott erklärt. Um das Gesicht zu lockern: „Zehn Sekunden Lächeln als Sofortmaßnahme für gestresste Leute“. Dann noch mal strecken. Für die aufrechte Haltung. „Die müssen wir Büromenschen uns immer wieder in Erinnerung rufen“, sagt Kerstin Zühlke. Vielleicht sollte man solche Bewegungsübungen in die Sparkassen-Teambesprechungen einbauen, meint sie. Den „Schichtwechsel“ empfindet sie am Ende als große Bereicherung: als wichtige Gelegenheit für den Sichtwechsel, „um Hemmschwellen gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen“.

Beim nächsten “Schichtwechsel” will auch Gabriela Sickora für einen Tag in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, sich mal in eine andere Welt hineinversetzen. “Dann komme ich wieder hierher. Du gibst mir die Post und in einer halben Stunde ist der ganze Job erledigt”, sagt Nico und zwinkert der neuen Kollegin mit einem schelmischen Lächeln zu. Ein echter Komiker.

Schichtwechsel - der Aktionstag für neue Perspektiven

Zum ersten Mal haben die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen und die Werkstatträte, die gewählte Interessenvertretung der Werkstattbeschäftigten, den „Schichtwechsel“ auf die Beine gestellt.

123 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Berliner Unternehmen haben am Schichtwechsel teilgenommen und insgesamt 197 Menschen mit Behinderung Einblick in ihre Arbeitsbereiche ermöglicht.

Mehr als 120 verschiedene Arbeitsangebote gibt es in den Berliner Werkstätten, in denen rund 10.350 Menschen mehr als 35 Millionen Euro erwirtschaften. Die Arbeitsbereiche reichen von der Aktenvernichtung über den Lettershop und Versand, die Montage und Konfektionierung bis zur Grünanlagenpflege, Holzbearbeitung oder Hauswirtschaft. Auch in Wäscherei und Näherei sind behinderte Menschen beschäftigt. Sie arbeiten im Catering oder Bootsbau, sind Verkäufer in Werkstattläden.

„Die Werkstätten machen eine gute Arbeit, weil sie Prozesse zergliedern, Arbeiten in Teilbereiche zerlegen“, sagt Michael Ewerling von der gemeinnützigen Nordberliner Werkgemeinschaft, „damit alle je nach ihren jeweiligen Fähigkeiten und Möglichkeiten mitmachen können“.

www.schichtwechsel-berlin.de

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