Titel Sabbatical-buch
Sabbatical

Einheimische auf Zeit

Christoph Koch und Jessica Braun machen das, wovon andere träumen: Sie reisen um die Welt. Als Wohnungstauscher erleben Sie allerhand Abenteuer in der Fremde. So viele, dass nun ein Buch entstanden ist.

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inheimische auf Zeit – so lautet das Erfolgsrezept der beiden Journalisten. Über Portale wie HomeExange.com oder Homelink.de finden Christoph Koch und Jessica Braun Orte, die kein Reiseführer zu bieten hat. Als diese Weise tanzten sie schon in Stockholm um den Midsommar-Baum oder verliebten sich in eine altersschwache kalifornische Katze. Herausgekommen ist das Buch „Your Home Is My Castle“ mit jeder Menge Tipps, wie jeder sein Fernweh kostengünstig stillen kann.

Christoph-koch Jessica-braun
Bild: Shantanu Starrick

Haustausch ist wie ein Blick in die Kristallkugel – welches Leben hätte ich führen können, wäre ich woanders auf die Welt gekommen? Wie blickt man da nach der Rückkehr auf das eigene Leben?
Jessica Braun: Inspiriert. Weil wir jedes Mal etwas dazulernen, wenn wir uns im Alltag anderer Leute einrichten. Das sind oft nur Kleinigkeiten: Wann ist es Dänen zu kalt fürs Schwimmbad? Worüber plaudern die Leute bei einem amerikanischen Nachbarschaftsfest? Wie feiern Australier bei 40 Grad Weihnachten? Aber sie bringen uns dazu, unsere Gewohnheiten zu hinterfragen und Neues auszuprobieren.
Christoph Koch: Wenn wir nach Hause kommen, gehen wir die ersten Tage aufmerksamer durch unser Viertel. Nehmen Veränderungen wahr – oder auch wie wenig sich manchmal verändert, selbst wenn man ein paar Wochen weg ist. Und wir freuen uns über Dinge, die wir vermisst haben: unseren Lieblingsitaliener oder den niedlichen Wuschelhund, der in unserer Straße Gassi geführt wird. Aber klar, den aufmerksamen Blick aus der Fremde kann man schwer auf ewig in den heimischen Alltag retten. Was jedoch sehr schön ist: Dadurch, dass wir auf Fotos, in Mails oder Dankesbriefen sehen, wie gut es unseren Tauschpartnern in unserem Leben gefallen hat, wissen wir es selber plötzlich auch wieder mehr zu schätzen.

Es ist das Paradox des Reisens: In der Hoffnung, ausgetretene Pfade zu verlassen, treffen Touristen doch nur wieder auf Touristen. Welche Lösung bietet da der Haustausch?
Jessica Braun: Wenn alle nach Paris, Rom und Barcelona fahren, wird es dort natürlich eng und man sieht vor lauter hochgehaltener Handys die Sehenswürdigkeiten nicht mehr. Wir landen dank des Haustauschens oft an Orten, die nicht in der 100-Orte-die-Sie-mal-gesehen-haben-müssen-Liste auftauchen – obwohl es sich dort prima urlauben lässt. Oakland ist da ein gutes Beispiel. Die Stadt liegt gegenüber von San Francisco, auf der anderen Seite der Bay. Von San Francisco hat ja jeder ein Bild im Kopf, selbst wenn er noch nie da war. Über Oakland wussten wir dagegen nur sehr wenig. Und dann fanden wir es großartig.

Die USA haben es den beiden angetan. In Princeton gießt Christoph Koch gerade die Pfingstrosen der Tauschpartner, als er mit dem Nachbarn ins Gespräch kommt. Wo sie denn schon überall gewesen seien, möchte der fröhliche Mann in Shorts und Sandalen wissen. Koch beginnt zu erzählen und wundert sich. „Wenn wir zu Hause jemandem vom Wohnungstausch erzählen, lautet die erste Frage nie, wo wir schon überall waren.“

Deutsche, so bemerkt das Paar, reagieren meist mit Befremden. Ob es nicht seltsam sei, wenn jemand anderes im eigenen Bett schläft? Woher man wissen könne, ob die Tauschpartner nicht in der Unterwäsche oder den Steuerunterlagen wühlten? Gar grausame Axtmörder seien? Es ist die Mischung aus Witz, Reisebericht und praktischem Ratgeber, der Your Home Is My Castle zur idealen Lektüre für all jene macht, die zwar Lust auf einen Tapetenwechsel haben, sich aber weder am Hotelbuffet ums Rührei zanken noch beim Couchsurfing den Rücken ruinieren wollen.

Frau Braun, Herr Koch, auch für Sie ist das Tauschen jedes Mal ein kleiner Ausbruch aus der Komfortzone. Wird es mit der Zeit leichter, sich zu überwinden?
Christoph Koch: Die Ankunft in einer fremden Wohnung oder einem fremden Haus, wenn die Besitzer nicht da sind, bleibt immer etwas seltsam. Wir fühlen uns ein wenig wie Einbrecher – und in den ersten Tagen dann so, als würden wir an Amnesie leiden. Denn im Gegensatz zu Zuhause drücken wir ständig auf die falschen Lichtschalter und müssen auf der Suche nach den Kaffeefiltern oder dem Dosenöffner alle Küchenschränke öffnen. Klar, Fallschirmspringen oder Wildwasserrafting sind sicherlich dramatischere Arten, die eigene Komfortzone zu verlassen, als anderen Menschen die eigene Wohnung zu überlassen. Trotzdem sind wir immer wieder überrascht, wie viele Menschen das kategorisch ausschließen. Uns kostet das mittlerweile keine große Überwindung mehr.
Jessica Braun: Allen Einsteigern würde ich raten: Seid mutig, offen und probiert es einfach aus. Wir haben auch mit einem Probe-Account angefangen. Das kostet nichts und mit etwas Glück findet man Tauschpartner für ein langes Wochenende, die einem sympathisch sind. Vorher zu skypen schadet nicht. Verbindlichkeit auf beiden Seiten muss sein. Uns gefiel der erste Tausch so gut, dass wir noch währenddessen den nächsten verabredet haben. Wenn man merkt, dass es einen doch eher nervt, dann kündigt man den Probeaccount eben wieder. Skeptikern hilft vielleicht die Überlegung, wie viele Leute schon in dem Hotelbett geschlafen haben, in dem sie liegen. Das sind schließlich auch eine ganze Menge.

In Berlin kündigt sich bereits die kalte Jahreszeit an. Ist Haustausch die Glückswaffe gegen Winterblues?
Christoph Koch: Routine und Langeweile sind in vielen Fällen Feinde des Glücks. Zu merken, dass man anderen Menschen vertrauen kann, dass aus einem simplen Wohnungstausch Freundschaften entstehen können – das macht tatsächlich glücklich. Den rauen Berliner Winter in Kalifornien zu verbringen, schadet dabei natürlich auch nicht.

Infos zum Buch

„Your Home Is My Castle – Als Wohnungstauscher um die Welt“ erleichtert mit unterhaltsamen Andekoten, Insidertipps und 18 detaillierten Checklisten den Einstieg in eine unkonventionelle Art des Reisens.

Zur Leseprobe:
https://www.piper.de/

Verlag: Malik/Piper
Erschienen: 2017
Preis: 16,00 €

Der Wohnungstausch ist eine Möglichkeit, mal abzuschalten und sich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Wenn der Stress im Job überhand nimmt, gibt es aber viele Möglichkeiten – von der 80%-Stelle über Musik am Arbeitsplatz bis hin zum Hund im Büro. Mehr Artikel zum Thema finden Sie auf unserer Übersichts-Seite „Stress adè”.

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