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Sabbatical

Raus aus dem Hamsterrad

Einfach mal den Job hinter sich lassen: Jeder zweite Arbeitnehmer hat diesen Traum, trotzdem trauen sich nur wenige. Dabei ist ein Sabbatical gar nicht so unrealistisch. Und bringt immens viel für den eigenen Lebensweg.

U

m die Welt reisen. Eine Sprache lernen. Sich weiterbilden, um im Job eine Schippe draufzulegen. Mehr Zeit mit der Familie verbringen. Stress abbauen, bevor ein Burn-out droht. Die Gründe für ein Sabbatical sind vielfältig. Den Mut dazu hatten bislang eher Promis.

Kraftschub durch Sabbatjahr

Wie die Kreuzberger Sängerin Judith Holofernes. Inzwischen wagen immer mehr Hauptstädter den beruflichen Ausstieg auf Zeit. „Das kann einen Kraftschub geben”, sagt die Berliner Sabbatical-Expertin Andrea Oder. Doch egal, ob drei Monate Auszeit oder ein Jahr: „Das Ganze sollte gut vorbereitet sein.”

So lange kann ich nicht raus aus meinem Job, höre sie oft als Argument gegen ein Sabbatjahr. „Falsche Grundhaltung”, sagt Sabbatical-Coach Oder. „Den Wunsch nach einer Auszeit an erste Stelle rücken”, rät sie. „Dann schauen, wie er umzusetzen ist.” Vor allem, wie sich das Projekt finanziell stemmen lässt.

Raus aus dem „Zeit-Spagat“

Für Jens Voigt aus dem brandenburgischen Rauen war ganz klar, was er wollte: seine Lernwerkstatt auf solide Füße stellen. Über Jahre hatte der Gymnasiallehrer nach dem Korrigieren von Klassenarbeiten Lernspiele entwickelt, sich damit eine kleine Firma aufgebaut. Zeitlich ein Spagat.

Jens Voigt
Jens Voigt nahm sich ein Jahr Auszeit von seinem Lehrerberuf, um eine eigene Firma für Lernspiele aufzubauen. Bild: Sascha Bachmann

Er ging zum Schulamt, bekam grünes Licht fürs Sabbatical. „Zwei Jahre lang habe ich voll gearbeitet für zwei Drittel meines Gehalts.” Im dritten Jahr hat er zwei Drittel seiner Bezüge bekommen, ohne unterrichten zu müssen. Ein finanzieller Einschnitt, „aber verkraftbar”. Fortbildungen hat er gemacht, Businesspläne geschrieben. „Das hätte ich während der Schulzeit nicht geschafft”, sagt der 55-Jährige. Seit dem Sabbatjahr arbeitet er Teilzeit. „Ich hab ja immer noch die Option, ganz aufzuhören.” Leisten könnte er es sich inzwischen. Der Umsatz seiner Firma hat sich verdreifacht. „Das Sabbatjahr zahlt sich aus.”

Gesetz gewährt grundsätzlichen Anspruch auf Teilzeit

Das Arbeitszeitmodell, das Jens Voigt gewählt hat, ist auch in der freien Wirtschaft machbar. „Wer seit mehr als einem halben Jahr in einem Unternehmen arbeitet, hat grundsätzlich Anspruch auf Teilzeit”, sagt Andrea Oder. Vorausgesetzt, die Firma hat mehr als 15 Mitarbeiter, verweist sie aufs seit 2001 geltende Teilzeitgesetz. Charme dieser Variante: Kranken- und Rentenversicherung laufen weiter.

In der Praxis ist es oft Ermessensfrage, ob Unternehmen einen Mitarbeiter für ein paar Monate ziehen lassen. Dreh- und Angelpunkt sei das Gespräch mit dem Chef, sagt Andrea Oder. „Der möchte wissen, welchen Nutzen die Firma davon hat.” Und lasse sich nur mit stichhaltigen Argumenten überzeugen. Also: Konzept erstellen, „das Chef-Gespräch möglichst mit Freunden vorher durchspielen”. In aller Ruhe. „Die Dauer des Sabbaticals mal zwei”, lautet die Faustregel der Expertin für die Vorbereitung.
h2. Jetzt oder nie: Die Träume nicht mehr aufschieben

So viel Zeit haben sich Katja und Gunnar Kohring nicht gegönnt. Zwei Todesfälle in ihrem näheren Umfeld gaben für das Moabiter Ehepaar den Ausschlag fürs Sabbatjahr. „Wenn wir heute bei einem Unfall sterben würden – hätten wir ausreichend gelebt?”, fragten sie sich. Und entschieden: „Nichts aufschieben.” Ein Lebensmotto, das die Arbeitgeber schockierte. „Aber wir wollten nicht diskutieren.”

Katja Und Gunnar Kohring
Katja und Gunnar Kohring verwirklichten im Sabbatjahr lang aufgeschobene private Träume. Bild: Ralf Graner

Beide gaben sichere Jobs auf. Allerdings nicht, ohne vorher genau kalkuliert zu haben. Da musste geklärt werden, was es kostet, weiter freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung zu bleiben. Und vieles mehr. „Das fängt mit kleinen Posten an”, weiß Sabbatical-Coach Oder, die selbst dreimal eine Auszeit genommen hat. Um sich der Familie zu widmen, nach Neuseeland zu reisen, nach Bali und Thailand. „Brauche ich jeden Tag den Coffee to go? Oder den umfassenden Handyvertrag?”, fragt sie und rät, Gepflogenheiten zu überprüfen.

„Wir waren schon immer sehr bescheiden” – für die Kohrings gab es wenig an ihren Gewohnheiten zu ändern. Erspartes und das Geld aus einer Lebensversicherung mussten letztlich für ihren Ausstieg reichen. „Wenn das Geld schrumpft – das muss man nervlich aushalten”, sagt Gunnar Kohring (47). In die Rente haben sie während der Auszeit nicht eingezahlt. Manche Freunde fanden das mutig, andere verrückt. Für das sportliche Paar war es kein Problem. Zu wertvoll war die freie Zeit. Sie haben sie genutzt, um eine Trainerausbildung zu machen. Haben Freundschaften intensiv gepflegt. Gunnar hat entspannt für den Berlin-Marathon trainiert. „Ein Luxus, nicht nach der Arbeit im Dunkeln laufen zu gehen.”

„Wir sind ruhiger geworden, gesunder”, sagt Katja (42) im Rückblick. „Wir werden jahrelang von dieser Auszeit zehren”, ist sie überzeugt. Während des Sabbaticals hat sie ihre Existenzgründung vorbereitet. „Ich war auf der Suche nach etwas, für das ich mehr brenne als fürs Kaufmännische.”

Nach dem Sabbatical mit frischer Energie zu neuen Taten

Inzwischen hat sie sich als Gesundheits- und Ernährungsberaterin selbstständig gemacht. Er will wieder in seinen Beruf. Noch hat er keinen Job. Angst? „Nein. Eine ausgeruhte Führungskraft ins Haus zu holen, ist doch für jede Firma ein Gewinn.” So sieht es auch Andrea Oder: „Diese Menschen haben unendlich viel positive Energie.” Sind kreativer, bringen frische Ideen ein. „Das Sabbatical war die zweitbeste Entscheidung meines Lebens”, sagt Jens Voigt. Und die beste? „Meine Frau zu heiraten.”

Sabbatical-Checkliste

Eine berufliche Auszeit sollte gut durchdacht sein. Wie der Ausstieg geplant werden kann? Sabbatical-Coach Andrea Oder gibt Tipps:

Sich genug Vorbereitungszeit gönnen. Fragen klären:

• Wie lange soll das Sabbatical dauern?
• Wie soll es finanziert werden?
• Wird der Arbeitgeber grünes Licht geben?

Mehr

Ab in die Auszeit

www.sabbatjahr.org

Sie möchten wissen, was Jens Voigt und Katja Kohring während ihres Sabbatjahrs vorbereitet haben:
www.mindstation.de
www.vitalschwung.de

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