Titel Roboter Pi4
Roboter made in Berlin: Firmen-Chef Matthias Krinke mit einem seiner „workerbots“. Bild: Giuseppetti
Made in Berlin

Wenn der Roboter lächelt

Sie heißen Yolandi oder Frank, haben Gesichter und mit ihrem flexiblen Greifarm kommen sie weltweit in Fabriken und Büros zum Einsatz. Die Firma pi4_robotics will mit ihren humanoiden Robotern von Berlin aus die Arbeitswelt erobern.

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erlin-Wedding, eine riesige Werkhalle auf dem Gelände des Technologie- und Innovationsparks ragt in den frühsommerlichen Himmel. Auf dem roten Backstein steht in verblasster Schrift der Name AEG. Davor laufen Menschen über das Kopfsteinpflaster in die Fabriken und Büros der umliegenden Backsteingebäude. In sein Büro in Haus 26 ist Matthias Krinke mit dem Fahrrad gekommen, auf dem schwarzen Poloshirt prangt das grüne Logo seiner Firma pi4_robotics. Er ist ein wenig außer Atem – anders seine Mitarbeiterin Yolandi in der Empfangshalle.

Roboter made in Berlin

Im Büroempfang steht ein 1,75 Meter großer Roboter mit einem multifunktional einsetzbaren Greifarm. Der Clou: Die Roboterdame hat ein Display, auf dem ein lächelndes Gesicht erscheint und bei Blickkontakt sogar zwinkert. Wenn es sein muss, ist Yolandi 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche einsatzbereit. Der Traum eines jeden Arbeitgebers. Und der von Matthias Krinke, als er vor 23 Jahren seine Firma pi4_robotics gründete. Ihren Kunden bietet sie Roboter „made in Berlin“ an: von der Konstruktionszeichnung bis zum fertig verpackten Produkt.

Formate: video/youtube

Erstes Büro: ein Wohnzimmer im Prenzlauer Berg

Mit ruhiger Stimme erzählt der 50-Jährige seine Erfolgsgeschichte: Mit einem klapprigen Auto und 2000 Deutsche Mark in der Tasche kam er 1994 nach dem Studium der Elektrotechnik nach Berlin. An der Nahtstelle des deutsch-deutschen Zusammenwachsens, das er erleben wollte, startete der Roboter-Pionier in einem Wohnzimmer im Prenzlauer Berg. Trotz der harten Anfangsjahre, als die Berliner Wirtschaft nach der Wende kollabierte und die Zeit noch nicht reif war für Roboter, möchte der Science-Fiction-Fan die Zeit nicht missen. „Das gibt es nur einmal im Leben und in dieser Stadt“.

Mit 50 Beschäftigten ist pi4_robotics heute einer der führenden Hersteller von Bildverarbeitungssystemen, Prüfautomaten und humanoiden Robotern. Weltweit kooperiert die Firma mit Vertretern in 28 Ländern. Fünf „workerbots“ wie Yolandi gehören zum Mitarbeiterstab, die Schulungsaufgaben übernehmen und in der Produktion mitarbeiten. Was pi4_robotics vorlebt, soll besonders für kleine und mittelständische Unternehmen attraktiv sein, denn Facharbeiter sind zunehmend rar und die Roboter können auch kleine Stückzahlen kostengünstig herstellen.

Roboter übernehmen viele Aufgaben

Die 120 Kilogramm schweren Maschinen werden vielfältig in unterschiedlichen Branchen eingesetzt. Sie arbeiten am Fließband in der Automobil-Produktion oder in Bereichen, die für Menschen zu gefährlich sind. Etwa bei der Medikamenten-Herstellung mit erhöhter radioaktiver Strahlung oder bei einer Sprengstoff-Entschärfung. Die Software und Greifer können flexibel auf unterschiedliche Prozesse eingestellt werden, das Gesicht lässt Bediener sofort intuitiv den Roboter-Zustand erkennen. Fällt dem Roboter etwas störend auf, macht er ein trauriges Gesicht. Ist die Betriebstemperatur zu hoch, laufen digitale Schweißperlen über den Schirm.

Doch was den Unternehmen hilft, bereitet vielen Menschen Sorgen. Auf die Frage, ob Yolandi & Co uns mit ihrer fehlerfreien und ständig verfügbaren Arbeitskraft die Arbeit wegnehmen, antwortet Matthias Krinke mit einem Beispiel aus der Praxis: Kürzlich sei er bei einem Kunden gewesen, der Roboter die Arbeit von Menschen übernehmen lässt, weil er nicht genügend Arbeitskräfte für seine offenen Stellen findet. „Das ist seit eineinhalb Jahren ein Dauerbrenner und das betrifft sowohl die Hilfsarbeiterjobs als auch qualifizierte Berufszweige.“ Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Die Produktion von Robotern schafft Arbeitsplätze, erst gestern hat er neue Mitarbeiter eingestellt.

Arbeitskollege Roboter

Roboter als Arbeitskollegen sind in der modernen Arbeitswelt angekommen. Bleibt die Frage, wie die Maschinen unser alltägliches Leben beeinflussen werden. Müssen wir uns darauf einstellen, dass sie uns zukünftig flächendeckend in allen Bereichen begegnen werden? Daran besteht für Matthias Krinke kein Zweifel. Der Prozess habe ja schon längst begonnen, etwa mit dem Einsatz von Staubsauger- und Rasenmäher-Robotern. Bei ihm Zuhause wischt ein Roboter sogar das Badezimmer. „Der Universalroboter wird aber noch eine ganze Weile ein Traum bleiben“, ist sich der Roboterspezialist sicher.

Der Roboter-Boom hat Matthias Krinke sogar auf eine neue Geschäftsidee gebracht. Seit 2016 verleiht er workerbots als Zeitarbeiter an Unternehmen, die sich einen eigenen nicht leisten können oder wollen. Kleinen Unternehmen sind 120.000 Euro für einen typischen Fabrikarbeiterroboter zu teuer – anderen fehlt das Know-how bei der Wartung. Gezahlt wird der Mindestlohn, es gibt keine Einstiegskosten und wenn der workerbot den Job nicht kann oder kaputt geht, wird er kostenfrei wieder abgeholt. Seine Zeitarbeitsfirma Robozän kann sich vor Anfragen kaum retten.

Berlin als optimaler Standort

Der Platz für die Produktion wird langsam knapp, aber der Standort in Wedding – nur zehn Gehminuten vom Gesundbrunnen entfernt – ist für Matthias Krinke alternativlos. Durch die Vernetzung mit Universitäten wie der Beuth Hochschule hat er keinen Mangel an gut ausgebildetem Nachwuchs. Die schnelle Verkehrsanbindung und die zentrale Lage sind für seine Mitarbeiter ein Pluspunkt und für ihn selbst der größte Luxus, „da ich mit dem Fahrrad herfahren oder wenn ich mehr Zeit habe zu Fuß durch den Humboldthain laufen kann“.

Zeit ist für den Wahl-Berliner allerdings Mangelware. Dafür sorgt auch sein neuester Coup: der workerbotkiosk, eine Miniatur-Manufaktur, deren Roboter vor den Augen der Kunden ihre bestellten Produkte zusammenbaut. Ganz frisch aus der Produktion wird Matthias Krinke ihn in den kommenden Monaten im Bikini Berlin vorstellen – und damit die Stadt um eine Attraktion reicher machen.

pi4_robotics
Gustav-Meyer-Allee 25
13355 Berlin
www.pi4.de

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