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Titel Notes Of Berlin
Bild: Jörg Oberwittler
Notes of Berlin

Eine Stadt, die kein Blatt vor den Mund nimmt

Mehr als eine Million Besucher im Monat, über 300.000 Fans in den Sozialen Netzwerken: Joab Nist hat „Notes of Berlin“ zu einem der erfolgreichsten Blogs der Stadt und sogar des Landes gemacht. Über ein Projekt, das nur in Berlin funktioniert, die Berliner Mitteilsamkeit – und „Berlin als Bühne“ auf der Bühne.

B

itte Kinder ans Treppengeländer anschließen“, steht auf dem Aushang im Hausflur eines Kinderarztes in Prenzlauer Berg. Ein Scherzkeks hat mit Edding aus dem ursprünglichen Satz „Bitte keine Kinderwagen ans Treppenhaus anschließen“ die Worte „keine“ und „-wagen“ getilgt.

Würde so ein Eintrag Chancen haben, auf dem Blog Notes of Berlin zu erscheinen? Joab Nist lächelt müde. „Jaaa“, sagt er mit einer langen diplomatischen Pause. „Das ist doch ein bisschen zu gewollt.“ Also nein.

„Hallo Polizei, bitte nicht mehr Tür eintreten“

Die Berliner haben da längst Kreativeres drauf. Sie beschimpfen Radfahrer auf Aushängen schon mal als „mistscheißvotzenverwixte Arschfickfresse“, warnen mit einem Zettel an der Wohnungstür: „Hallo Polizei, bitte nicht mehr Tür eintreten. Ich habe eine gute Klingel.“ Oder ihre Hausmitbewohner mit: „Uffzuch jeht nich, musste loafen, wa!!!“

Alles Fundstücke, die bei Joab Nist im E-Mail-Postfach eingehen. 25.000 Zuschriften hat er inzwischen erhalten. Manchmal schicken ihm drei Hausbewohner unabhängig voneinander Fotos von ein- und demselben Aushang. Dann ballt der Mittdreißiger – Jahrgang 1983 – die Faust und ruft laut „Yes“ durch das Büro der Kreuzberger Blogfabrik, wo er seinen Arbeitsplatz hat. Das zeigt ihm, dass er es mit seinem Blog geschafft hat.

Joab Nist
Joab Nist präsentiert stolz seinen Blog. Bild: Jörg Oberwittler

Am 10. Oktober 2010 hat der gebürtige Münchner und studierte Kulturwissenschaftler ihn online gestellt. Ein sympathischer, merklich tiefgründiger und reflektierter Mensch. „Das Datum war symbolisch. Das war der Tag, an dem ich mich für den Master Art and Media Administration in Berlin eingeschrieben habe.“ Zuvor hatte er die vielen Zettel in der Stadt gesehen und sich gewundert, dass es für diese noch kein „elektronisches Gedächtnis“ gibt.

Ungefiltert zeigt der Blog, was die Berliner bewegt

Bei der Veröffentlichung legt Joab Nist sehr viel Wert auf Authentizität. Ungefiltert zeigt der Blog, was die Berliner quer über die Stadt bewegt: Gentrifizierung, Ausländerfeindlichkeit, Zusammenleben unter Nachbarn. Nur beim „Schwaben-Bashing“ habe er sich irgendwann zurückgehalten, weil ihm die Diskussion zu sehr ausuferte.

Eigentlich gelten voll gepflasterte Laternen- und Ampelmasten als „Ordnungswidrigkeit“. Aber die Berliner Ordnungsamtswächter sind mit dem Wildwuchs überfordert. Alle paar Monate rückt das Straßenreinigungspersonal mit einer Motorsäge an. Der Blogger wird beim Beschreiben dieses Vorgangs regelrecht poetisch: „Dann befreien die Arbeiter die Masten von ihren Schichten, die sich wie Jahresringe in Baumstämmen angesammelt haben.“

Spielwiese zum Ausprobieren seiner kreativen Ideen

Auch seinen Blog hat er organisch wachsen lassen: Schritt für Schritt eine Community aufgebaut, ohne Werbung für Facebook und Google auszugeben. „Ich habe aus Prinzip nie einen Cent für Werbung ausgegeben. Der Blog ist von sich aus gewachsen und viral geworden. So wie man sich langsam, Stück für Stück in jemanden verliebt, haben sich die Menschen auch in Notes of Berlin verliebt.“ Dabei hat ihm vor allem die Kontinuität geholfen: Jeden, „wirklich fucking jeden einzelnen Tag“ postet er nunmehr seit sieben Jahren einen Aushang.

„Du kannst Hasskommentare und zähe Phasen nur aushalten, wenn du eine Vision hast“, sagt Joab Nist. Seine Vision war seine Selbstverwirklichung direkt nach dem Studium. Für etwas zu arbeiten, mit dem er sich hundertprozentig identifizieren kann. Der Vater warnte ihn, die Mutter sorgte sich – Joab Nist machte sein Ding. „Ich habe alles reingebuttert. Notes of Berlin ist die Spielwiese, auf der ich mich ausprobieren kann.“ Der Name Joab ist übrigens Hebräisch und stammte aus einem Formelbuch, wie er in einem Interview erklärt (Sendung Alex-TV).

Joab Nists Vision ist aber nicht nur, sein eigener Chef zu sein – er möchte seinen Blog auch zu einer Marke machen, die übers Internet hinauswächst. Von „Notes of Berlin“ gibt es mittlerweile zwei Bücher, den dritten Abreißkalender in Folge – und einen Film. Das alles immer noch als Ein-Mann-Unternehmen. Mit seinem Blog kann er inzwischen gut Geld verdienen. Nicht vorrangig mit der Werbung, sondern mit Firmen-Kooperationen. „Dabei achte ich immer genau darauf, meine Leser nicht zu verarschen, sondern nur Werbepartner zu nehmen, die auch zu Notes of Berlin passen.“ Zum Beispiel eine Berliner Biermarke.

„Ich habe eine Nische gefunden und besetzt“

Gibt es ein Erfolgsrezept für einen Blog? „Nein, jeder Blog funktioniert anders. Ich habe eine Nische gefunden und besetzt. In München, Frankfurt oder Köln würde mein Blogprojekt nicht funktionieren. Auch in London, Madrid und New York werden Laternenmaste und Hausflure nicht so zweckentfremdet wie in Berlin. Du brauchst auch die Menschen, die das möglich machen.“ Berliner, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Die ihre Stadt kreativ in Beschlag nehmen, zum Beispiel über Graffiti, Urban Gardening und Street Art. Bunt, kreativ, mitteilsam, auf der Suche – da sind die Berliner weltweit scheinbar wahrlich einzigartig.

Seit Kurzem steht Joab Nist auch auf der Bühne und macht seinen Blog zur Show. Er tritt auf Veranstaltungen als gebuchter Act auf. Als Influencer sieht er sich hingegen nicht. Er würde nie irgendwelche Produkte in die Kamera halten und dafür werben. „Ich bin nicht der Inhalt, sondern die Stadt. Immer die Menschen – nie der einzelne.“ Die wahrscheinlich schönste Message von Notes of Berlin.

Notes of Berlin – der Abreißkalender 2018 mit 365 Notes, Verlag Seltmann + Söhne, 24,80 Euro
www.notesofberlin.com

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