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Neue Arbeitsmodelle

Homeoffice und flexible Arbeitszeiten: Neue Freiheit am Arbeitsplatz

Arbeiten, wo wir wollen; Urlaub, so oft wir wünschen; neue Aufgaben, wenn wir Abwechslung brauchen: Arbeitgeber führen neue Freiheiten für Mitarbeiter ein. Das hört sich gut an – doch die Kehrseite birgt ihre Tücken.

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onika Frech (31) sitzt am langen Holztisch, lässt den Blick aus den großen Fabrikfenstern über Kreuzberger Dächer schweifen. Aufgereiht vor ihr ein paar Flaschen Bio-Brause, ein junger Mann gegenüber tippt auf seinem Laptop. Einmal in der Woche sind alle Stühle am Tisch besetzt, wenn sich das Team der jungen Unternehmensberatung „Dark Horse Innovation“ zur Strategiesitzung trifft. Ansonsten kann es sein, dass auch mal nur ein paar Leute in der Firma anzutreffen sind.

Feste Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht adé

Dark Horse Innovation – das sind 30 Gründer aus 25 Disziplinen, die sich vor einigen Jahren mit einer Innovationsberatung selbstständig gemacht haben. Monika hat Sozial- und Kommunikationswissenschaften studiert, Christian, der junge Mann ihr gegenüber, ist Ingenieur. Betriebswirte, Philosophen, Designer, Architekten gehören zum Team. Kennengelernt haben sich alle am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, im Aufbaustudiengang der School of Design Thinking.

Monika Frech
Arbeitet ohne Chef, feste Arbeits- und Anwesenheitszeiten: Monika Frech von Dark Horse. Bild: Thomas Schermer / Dark Horse

Mitgenommen von dort haben sie eine „andere Herangehensweise“ an den Arbeitsalltag. Feste Arbeitszeiten oder eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht. Was nicht bedeute, dass sie ein „anarchischer Haufen“ seien. Alle sind Ko-Unternehmer, entwickeln Produkte, Services und Geschäftsmodelle. „Zielorientiert“, betont Monika. Ein Projektteam von Dark Horse hat beispielsweise einen neuen Logistikservice kreiert, bei dem Nutzer, per App gesteuert, selbst Pakete austragen.

Großunternehmen wie Virgin und Microsoft haben es vorgemacht

Mit der neuen Freiheit für Mitarbeiter steht „Dark Horse“ nicht allein. Immer mehr Firmen setzten auf flexible Arbeitsmodelle. Einige große Unternehmen wie die Fluggesellschaft Virgin oder der Software-Konzern Microsoft haben vor einigen Jahren für Schlagzeilen gesorgt als sie ihre Arbeitsmodelle änderten. Virgin-Chef Richard Branson möchte seinen Mitarbeitern demnächst Urlaub zubilligen, so viel und wann sie wollen. Bei Microsoft fällt die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz weg. Heute sind solche Lockerungen in vielen Unternehmen – wenn zum Beispiel die Arbeit aus dem Homeoffice möglich ist – bereits Alltag.

Die Unternehmen haben den Trend der Zeit erkannt: Viele Mitarbeiter wünschen sich mehr Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit, um Beruf, Familie und Quality Time für sich selbst vereinen zu können. Moderne Technologien machen die neue Flexibilität möglich. Doch geht die Rechnung auf?

Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus. Dr. Elke Frank, Microsoft-Geschäftsleitung

Es gibt keine Chefs und Gehaltsstaffelungen

Zurück bei Dark Horse: Zwei der jungen Unternehmer lassen silberne Kugeln über runde Stehtische kullern, die – umgeben von Tafeln, die mit bunten Notizzetteln beklebt sind – kleine Denkzellen bilden. Im Gruppenraum wird gekickert. „Aber das ist hier kein Ponyhof“, stellt Monika klar. Ein wechselndes Serviceteam nimmt Aufträge entgegen, stellt sie in ein internes Netzwerk ein. Projektteams werden gebildet, Aufträge abgearbeitet. Ohne interne Gehaltsstaffelungen.

Es gibt keine Chefs, strategische Entscheidungen werden zusammen gefällt. Ein Vorschlag ist dann angenommen, wenn es „keine schwerwiegenden Einwände“ gibt. Geht mal etwas schief, gibt’s für den gröbsten Schnitzer eine „Auszeichnung“. Sie habe den „Fail Award“ mal bekommen, erzählt die 31-Jährige. Als sie eine ausgemusterte Telefonzelle bestellt habe „als Ort zum ungestörten Telefonieren im Büro“, die dann aber nicht durch die Tür gepasst habe.

Neue Arbeitsmodelle: Keine festen Schreibtischplätze mehr

Feste Arbeitszeiten kann sich Thomas Treml nicht vorstellen. Seit sieben Jahren arbeitet der Soziologe und Informatiker als Technologie- und Strategieberater beim IT-Riesen Microsoft in Berlin. „Die Zielvorgabe und der Zeitraum, in dem sie erfüllt werden muss – das ist der Maßstab“, sagt der 43-Jährige. Treml ist viel unterwegs, kümmert sich bei seinen Kunden – öffentlichen Verwaltungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – um Betriebssysteme und Software. Früher habe er meist nur mit IT-Administratoren zu tun gehabt. „Heute sind oft Personaler dabei – weil sie sich dafür interessieren, wie Microsoft arbeitet.“

Der Konzern machte von sich reden, als er zur Vertrauensarbeitszeit den Vertrauensarbeitsort einführte. „Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus“, sagt Dr. Elke Frank aus der Microsoft-Geschäftsleitung. Thomas Treml fährt ein- bis zweimal pro Woche in die Firmenniederlassung Unter den Linden. Einen eigenen Schreibtisch hat er dort nicht mehr, packt den Laptop aus, wo gerade Platz ist.

Meetings von zu Hause aus

Dark Horse
Alle Mitarbeiter der Unternehmensberatung sind gleichberechtigt. Bild: Thomas Schermer / Dark Horse

„Die Zeiten, als man das Bild seiner Frau auf dem Schreibtisch stehen hatte, sind vorbei“, sagt der Mann mit der markanten Brille. „Es sei denn, man schließt es nach getaner Arbeit wieder im Spind ein.“ Für Meetings kann Treml einen Raum buchen – möglich, dass zum Treffen nur zwei Kollegen am Tisch Platz nehmen und sich zwei weitere, weil sie gerade in London oder Lissabon sind, per Videokonferenz zuschalten.

Ins letzte Meeting des Tages wird sich Treml heute von zu Hause aus zuschalten. Weil er vorher seinen Sohn von der Kita abholen will. Zwischen Beruf und Freizeit zu trennen – für Treml kein Problem. „Das sind Strukturen, die man vom Studium her kennt.“ Hier Bett, dort Schreibtisch, da habe man sich auch entscheiden müssen, wann man gepaukt habe. Nach 20 Uhr abends seien dienstliche Mails für ihn tabu. Nur zu Hause arbeiten, würde Treml nicht wollen. Der persönliche Austausch mit Kollegen ist ihm wichtig. Der sei sogar intensiver geworden, seit er kein festes Büro mehr habe. „Früher war die Türschwelle oft eine Hemmschwelle.“

Beim Berliner Senat denkt man ebenfalls um

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Thomas Treml von Microsoft: Auch der Großkonzern geht mehr und mehr zu flexiblen Arbeitsplätzen über. Bild: Katrin Starke

Auch bei seinen Kunden erkennt Treml ein Umdenken. So hat die Berliner Senatsjustizverwaltung kürzlich für ihre Rechtspfleger die Vertrauensarbeitszeit eingeführt. Durch den flexiblen zeitlichen Tagesablauf trage man „den gestiegenen Erwartungen an eine work-life-balance Rechnung“, formuliert Senator Thomas Heilmann in einem Schreiben an den Justiznachwuchs.
Neue Technologien machen flexibles Arbeiten möglich. Doch die emotionalen Bedürfnisse von Arbeitnehmern – unter anderem nach klarer Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen – können sie per se nicht erfüllen“, sagt Pa Sinyan vom Berliner Beratungsunternehmen Gallup, das gemeinsam mit Microsoft jeweils zehn Regeln für Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgestellt hat.

Gewerkschaften sehen die neue Freiheit kritisch

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Urlaub, so oft die Mitarbeiter wollen: Damit schaffte es auch die Airline Virgin in die Schlagzeilen. Bild: shutterstock

Klare Regeln, „am besten auf tarifvertraglicher Grundlage“, fordern auch die Gewerkschaften. Denn Vertrauensarbeitszeit und mobiles Arbeiten würden als Kehrseite von mehr Autonomie auch das Risiko der Selbstausbeutung bergen, sagt Marion Knappe, Sprecherin des DGB-Bundesvorstandes. So fürchten Kritiker, dass die neue Freiheit letztlich nicht immer beim Mitarbeiter ankommt. Im Gegenteil. Führungskräfte könnten die Verantwortung leichter auf ihre Mitarbeiter abwälzen, Projekte rechtzeitig fertig zu bekommen. Und wer – wie im Falle von Virgin – Urlaub machen könnte, so viel er will, kommt ebenfalls schnell in die Verlegenheit weniger Urlaub zu machen, als ihm zusteht. Weil Projekte fertig werden müssen. Weil man sich gegenüber dem Chef moralisch unter Druck fühlt.

DGB-Sprecherin Marion Knappe sieht hier die Führungskräfte in der Pflicht, nicht nur Freiheiten zu schenken, sondern auch sensibel für die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter zu sein, „um bei Überlastung und Entgrenzung entsprechend reagieren zu können“. Die neue Freiheit – sie birgt auch viele Pflichten, damit sie funktionieren kann.

Tipps für Arbeitnehmer und Chefs

Die Regeln für Vertrauensarbeit , aufgestellt von Gallup und Microsoft:

10 Regeln für Arbeitgeber :
• Klare Vereinbarungen treffen
• Nutzung freistellen
• Mitarbeitern vertrauen
• Mitarbeiterleistung messen
• Führung nicht vernachlässigen
• Fürsorgepflicht ernst nehmen
• Neue Meetingkulturen schaffen
• Gemeinschaftsgefühl stärken
• Mitarbeiter willkommen heißen
• Unternehmenskultur überprüfen

10 Regeln für Arbeitnehmer :
• Nach Feierabend abschalten
• Eignung prüfen
• Selbstbewusstsein entwickeln
• Verantwortung übernehmen
• Klare Ziele setzen
• Richtig kommunizieren
• Arbeitsrhythmus neu definieren
• Mit Kollegen austauschen
• Sorgfältig arbeiten
• Sich selbst managen

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