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Mythen der Erfolgsgurus
Bild: Shutterstock
Work-Wissen

Die größten Mythen der Selbstoptimierung

Das Geschäft mit Selbstoptimierungs-Literatur boomt. Doch nicht alles stimmt, was Erfolgsgurus versprechen. Warum Brainstorming nicht besser ist, positives Denken seine Tücken hat und wir Menschen bestimmt nicht nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen. Außer denen, die das behaupten.

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ehn Prozent. So viel nutzen wir Menschen angeblich nur von unserer Hirn-Kapazität. Das Problem mit dieser „Weisheit“ ist: Sie ist so berühmt wie falsch. Nicht einmal der Wikipedia-Artikel mit dem Titel „Der Zehn-Prozent-Mythos“ kann etwas daran ändern, dass ein Großteil der Menschen glaubt, sie liefen mit neunzig Prozent inaktiver Hirnmasse durchs Leben.

Für Trainer, Gurus und Ratgeber-Autoren ein lukrativer Irrtum. Denn nur wer meint, in seinem Hirn schlummerten bisher ungenutzte Areale, ist bereit, diese für gutes Geld wachküssen zu lassen. Das Geschäft mit der Selbstoptimierung boomt: Mit 14,5 Prozent Marktanteil liegen die Ratgeber hinter Belletristik und Kinder- und Jugendliteratur auf Platz 3 der Verkaufs-Charts, wie Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zeigen.

Wer für ein Seminar Geld und Zeit opfert, hat es verdient, die ganze Wahrheit zu erfahren – selbst wenn damit manch eindrucksvolle Geschichte nicht mehr ganz so unglaublich ist. Christoph Wirl und Axel Ebert

Der Mythos der Gehirnnutzung ist einer von 21 Irrtümern, über die die Autoren Christoph Wirl und Axel Ebert in ihrem Buch „Bullshit Busters“ berichten. Ebert ist Psychologe und Trainer – Wirl Verleger von Ratgebern. „Wer für ein Seminar Geld und Zeit opfert, hat es verdient, die ganze Wahrheit zu erfahren – selbst wenn damit manch eindrucksvolle Geschichte nicht mehr ganz so unglaublich ist“, sagen sie im Vorwort.

In ihrem gemeinsamen Buch räumen sie auf mit den Mythen aus Vorträgen, Ratgebern und sogar aus TV- und Kinofilmen. Auf 220 Seiten stellen sie das volle Spektrum zwischen Täuschung, unzulässigen Verallgemeinerungen, verdrehten Halbwahrheiten, Falschinterpretationen bis hin zu erfundenen Experimenten richtig. Viele Beispiele davon betreffen unsere Arbeitswelt.

Lieber Brainwriting statt Brainstorming

Brainstorming
Mythos Brainstorming: in der Gruppe ist man nur bedingt produktiver. Bild: Shutterstock

Zum Beispiel Brainstorming. Mehr Ideen in kürzerer Zeit verspricht diese Kreativitätsmethode. Klar, denn eine einzelne Person kann doch nicht so kreativ sein wie ein ganzes Team. Irrtum! Die beliebte Methode birgt auch eine Menge Nachteile. So sorgt etwa der HiPPO-Effekt (Abkürzung für „highest paid person’s opinion“) dafür, dass die Meinung des Chefs immer ein bisschen besser bewertet wird, als die von rangniedrigeren Mitarbeitern. 20 Prozent effektiver sei hingegen das „Brainwriting“, empfehlen die Autoren. Bei dieser Kreativitätsmethode bereiten sich die Mitarbeiter einzeln auf das Meeting vor. Die Ideen werden dann alle anonym an eine Pinnwand gehängt.

Die Tücken des Positiven Denkens

Auch dem beliebten „Positive Thinking“ geht es an den Kragen. Zwar seien positives Denken und Affirmation nicht per se Bullshit – sie helfen aber besonders denjenigen, die sowieso schon selbstbewusst und positiv sind. Tatsächlich kann man mit einem „Alles wird gut!“ auch kräftig auf die Nase fallen. Und zwar immer dann, wenn der Optimismus dazu führt, dass Erfolgshürden unterschätzt werden.

Gern benutzen Gurus auch Allegorien aus dem Tierreich. Der berühmte Frosch, der langsam im immer wärmer werdenden Wasser verbrüht, steht für den Mitarbeiter, der schleichend unzufriedener wird und doch niemals kündigt oder wenigstens mit der Faust auf den Tisch haut. Klasse Geschichte, aber kompletter Unfug. Ein gesunder Frosch ergreift sofort die Flucht, wenn’s ihm zu ungemütlich wird – es sei denn, es hat jemand auch noch einen Deckel auf den Topf gelegt.

Fliegende Hummel
Mythos Hummel: „Du kannst alles schaffen“ versus Flugphysik. Bild: Shutterstock

Und dann wäre da noch die Hummel, die den Gesetzen der Physik zum Trotz mit ihren kleinen Stummel-Flügeln fliegen kann. „Du kannst alles schaffen!“ summt sie uns quasi zu, „wenn du nur fest genug daran glaubst.“ Auch diese Geschichte, Sie ahnen es schon: Bullshit. Es ist mitnichten ein Wunder, sondern der durch den Flügelschlag erzeugte spezielle Wirbel, der der Hummel den nötigen Auftrieb beschert.

Der Wikipedia-Artikel zum Hummel-Paradoxon.

Wir Menschen sind latent überfordert. Wir reden häufig zu allen möglichen Themen – oft mit wenig spezifischem Wissen. Christoph Wirl und Axel Ebert

Doch warum können sich Mythen, Irrtümer und falsche Tatsachen-Behauptungen überhaupt so hartnäckig halten? Wirl und Ebert sehen einen Grund in der latenten Überforderung der Menschen. „Wir reden häufiger zu allen möglichen Themen – oft mit wenig spezifischem Wissen.“ Was oberflächlich plausibel klingt, hat also gute Chancen, geschluckt zu werden, ob es wahr ist oder nicht.

Spaete Einsicht
Zum kritischen Denken gehört auch dazu, Gegenargumente einzubeziehen. Bild: Shutterstock

Zum kritischen Denken gehöre außerdem die Bereitschaft, so die Autoren, es nicht bei der Bestätigung des eigenen Weltbildes zu belassen. Dieses „confirmation bias“ genannte Phänomen ist eine der Hauptursachen, warum Menschen auf Fake News hereinfallen: Wir lesen, was wir schon glauben – und halten es für wahr.

Selbst die Forschung ist nicht immer unvoreingenommen. So wird etwa die Wirksamkeit von Medikamenten unter Umständen überschätzt. Das liegt daran, dass Studien mit positiven oder signifikanten Ergebnissen sich leichter in Fachzeitschriften veröffentlichen lassen, als solche mit einem negativen Ergebnis. „Publication bias“ nennt das der Kenner.

Internet erleichtert Mythen-Check

Das Internet ist wohl eine besonders reichhaltige Bullshit-Fundgrube. Schließlich kann dort jeder schreiben, was er will. Gleichzeitig ist es ideal für jeden Skeptiker, der einen schnellen Mythen-Check machen will. Wirl und Ebert raten, das jeweilige Thema einfach mit Zusätzen wie „Mythos“, „Kritik“ oder „Problem“ durch die Suchmaschine zu jagen. Das führe geradewegs zu den kritischen Berichten.

Unser Tipp:

Bevor Sie also den nächsten Ratgeber kaufen oder das nächste Coaching buchen, denken Sie doch noch einmal darüber nach, ob sie nicht bereits super sind.

Gute Selbstbeurteilung
Bild: Shutterstock

Ihr Hirn ist davon ohnehin überzeugt. Denn: „Es soll unser Überleben sichern. Und wenn es dafür besser ist, sich manchmal selbst zu belügen, dann ist es unserem Hirn auch recht“, schreiben die Autoren. Wir sind quasi permanent bemüht, Widersprüche zu reduzieren. Sie sind uns unangenehm. Praktisch, denn „wer sich selbst überschätzt, der traut sich auch mehr zu und wird weniger durch Angst behindert. Eine gesunde Dosis Selbstüberschätzung motiviert uns, verleiht Hoffnung und schützt uns davor, zu schnell aufzugeben.“ Somit haben wir bereits einen Selbstoptimierer: unser Gehirn.

Literatur-Tipp:

Buch Bullshit Busters

Christoph Wirl und Axel Ebert
Bullshit Busters, Irrtümer und Mythen aus Vorträgen, TV und Büchern,
224 Seiten,
Goldegg (2017),
22 Euro

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