Titel Mobbing
Tuscheln hinter dem Rücken: Mobbing hat viele Gesichter. Auch spitze Kommentare, die grundlose Herabwürdigung der Leistung oder zu viele, nutzlose und unlösbare Aufgaben gehören dazu. Bild: Shutterstock
Mobbing

Psycho-Terror am Arbeitsplatz

Sogar bei der Polizei kommt es vor: Mobbing. 4,4 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich von gezielten Demütigungen betroffen. Die Zahl steigt – doch Opfer sind nicht allein. Wo es Hilfe gibt, und wie sich Mobbing-Betroffene wehren können.

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abine Marold (50) ist aufgeregt; mit nervösen Fingern streicht sie eine Strähne aus dem Gesicht. Gleich steht ein wichtiges Meeting mit den Chefs an. Zum Glück ist sie früh dran. Sie öffnet die Tür – und erntet vorwurfsvolle Blicke: die Besprechung läuft bereits. „Entschuldigung“, murmelt sie beschämt und verkriecht sich in die hinterste Ecke.

Wie konnte das sein? Hatte Sie sich die Uhrzeit falsch gemerkt? Der Kollege hatte doch klar 15 Uhr gesagt. Es war bereits das dritte Mal in diesem Monat, dass er sie falsch informiert hatte. Das konnte doch kein Zufall mehr sein.

„Er ließ mich außerdem vor anderen immer ein bisschen doof dastehen, indem er mir wichtige Dinge verschwieg.“ Mobbing-Opfer Sabine Marold

Heute weiß Sabine Marold: War es auch nicht, sondern Mobbing. Den Namen mussten wir erfinden, denn nach einem jahrelangen Rechtsstreit möchte Sabine Marold ihren echten nicht in einem Mobbing-Artikel lesen.

Die gezielte Fehlinformation durch den Kollegen war nur ein Aspekt der systematischen Schikane. Er sprach sie auch immer mit einer Verniedlichung ihres Vornamens an – obwohl sie ihn bat, das zu unterlassen. „Er ließ mich außerdem vor anderen immer ein bisschen doof dastehen, indem er mir wichtige Dinge verschwieg.“ Sie wurde unsicher, fühlte sich nicht mehr wohl und merkte, wie sich ihr Selbstvertrauen in Luft auflöste. Bei ihrem Vorgesetzten fand sie keinen Rückhalt. Er nahm die Vorwürfe nicht ernst – bis sie sich krankschreiben ließ.

Menschen bewusst auszuschließen, ihnen falsche oder keine Informationen zu geben, ist nur eine Form der Schikane. Mobbing hat viele Gesichter. Auch spitze Kommentare, die grundlose Herabwürdigung der Leistung oder zu viele, nutzlose und unlösbare Aufgaben gehören dazu.

Mobbing nimmt zu

2014 gaben bei einer Online-Befragung des Bündnisses gegen Cybermobbing 28 Prozent von 6.300 Personen an, bereits Opfer von Mobbing gewesen zu sein. Fast 40 Prozent dieser Attacken dauerten länger als ein Jahr. „Das sind alarmierende Zahlen“, findet Klaus Mucha, Leiter der Anlaufstelle Konfliktmanagement im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. „Sie zeigen, dass Mobbing in der Arbeitswelt zunimmt. Vor wenigen Jahren ging man noch von etwa drei bis fünf Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, die Opfer einer solchen Schikane werden.“ In Zeiten, in denen moralische Standards verrohen, sei eine Zunahme nicht verwunderlich. „Wenn etwa Menschen wie Trump offen sexuelles Mobbing oder die Diskriminierung von Minderheiten betreiben, ohne dass dies Konsequenzen hat, wird einem solchen Verhalten in der Gesellschaft Tür und Tor geöffnet“, warnt der Arbeitspsychologe.

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Stellt eine Zunahme der Mobbingfälle fest: Arbeitspsychologe Klaus Mucha. Bild: Privat

Besonders gut gedeiht Mobbing in einer Arbeitsumgebung, in der klare Zuständigkeiten, Transparenz und offene Kommunikation fehlen. Aber auch stark hierarchisch organisierte Strukturen und gefördertes Konkurrenzverhalten erhöhen das Risiko. Sogar Berufe, die sich dem Schutz verschrieben haben, betrifft es: die Polizei und die Bundeswehr.

Bereits 2002 untersuchte Mucha Mobbing bei der Polizei und stellte fest, dass mehr als sechs Prozent betroffen waren. Besonders häufig kam es zu Vorfällen gegen Frauen in Führungspositionen. Bei einer Mitarbeiter-Befragung im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg kam der Arbeitspsychologe 2010 zu ähnlichen Ergebnissen: 6,4 Prozent sagten, ihre Führungskraft spiele ihnen übel mit, 7,7 Prozent empfanden die Behandlung teilweise als Psychoterror und 17,3 Prozent vermuteten, hinter ihrem Rücken werde schlecht über sie geredet.

„Betroffene leiden oft jahrelang an den Folgen. Aus diesem Grund fordern wir, dass Mobbing juristisch wie Körperverletzung behandelt wird.“ Monika Hirsch-Sprätz, Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg

Die Folgen von Mobbing sind gravierend: Wut und Verzweiflung schlagen bei den Betroffenen schnell in Selbstzweifel und Unsicherheit um. Symptome wie Kopfschmerzen, Herzkreislaufprobleme, Dauermüdigkeit und Antriebslosigkeit führen nicht selten zu Angstzuständen oder Depressionen. „Betroffene leiden oft jahrelang an den Folgen. Aus diesem Grund fordern wir, dass Mobbing juristisch wie Körperverletzung behandelt wird“, sagt Monika Hirsch-Sprätz, Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. „Das Problem ist, dass es bis heute weder eine genaue medizinische noch eine juristische Definition dafür gibt.“

Seit 2000 berät die Einrichtung Betroffene im persönlichen Gespräch, telefonisch, per E-Mail oder Chat. Im Jahr 2016 erreichte die Mobbingberatung Berlin-Brandenburg, die bereits vom Bundestag mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet wurde, mehr als 3.250 Anfragen.

Mobbing als Instrument für Personalabbau

Oft spielt auch der Führungsstil eine entscheidende Rolle, wie Organisations-Psychologen der Freien Universität Berlin feststellten. Demnach tritt das Phänomen seltener in Abteilungen auf, in denen sich die Führungskräfte gesprächsbereit zeigen und Mitarbeitern bei den für sie relevanten Entscheidungen ein Mitspracherecht haben. „Es ist die Aufgabe von Führungskräften – ebenso wie von den Betroffenen selbst – Mobbing als Realität wahrzunehmen. Es gilt, aufmerksam zu sein, sich solidarisch mit gemobbten Kolleginnen und Kollegen zu zeigen, die Missstände an die größte Glocke zu hängen und gezielt dagegen vorzugehen“, sagt Klaus Mucha. „Eine Vorgesetzte oder ein Vorgesetzter, der nichts dagegen unternimmt, trägt die Situation mit.“

Zuweilen ist das sogar Strategie. Denn mit Schikane können Unternehmen gezielt den Personalabbau vorantreiben. „Wenn jemand von alleine aufgibt und kündigt, kostet das weniger, als wenn ich demjenigen eine Abfindung zahlen muss.“ Nicht zuletzt deshalb seien oft ältere Mitarbeiter Opfer des regelmäßigen Psychoterrors. „Nach wie vor werden Frauen häufiger gemobbt als Männer“, informiert Monika Hirsch-Sprätz. „Aber von ihnen gehen auch deutlich öfter Schikanen aus, die sich meistens gegen ihre Geschlechtsgenossinnen richten.“

  • 1. Fressen sie nichts in sich hinein! Wenn Sie merken, dass sich Gemeinheiten häufen, sprechen Sie zunächst mit Kollegen darüber, denen Sie vertrauen. So können Sie feststellen, ob auch andere die Attacken bemerken. Shutterstock

  • 2. Sprechen Sie Ihren Peiniger offen auf die Problematik an, indem Sie in Ich-Botschaften klar machen, weshalb Sie sich angegriffen oder nicht ernst genommen fühlen. Shutterstock

  • 3. Ist die Situation bereits verfahren, suchen Sie sich Unterstützung bei den Beschäftigtenvertretungen oder der Vertrauensperson im Unternehmen. Shutterstock

  • 4. Ehe der Leidensdruck zu groß wird, ist es wichtig, sich externe Hilfe zu holen. Etwa bei Therapeuten, Ärzten oder Beratern. Shutterstock

  • 5. Sollten Sie planen, juristisch gegen die Schikane vorzugehen, kann ein Mobbing-Tagebuch helfen. So lassen sich einzelne Attacken später genau definieren und nachvollziehen. Shutterstock

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Mobbing-Tagebuch führen

Doch Betroffene können sich wehren. Wie, das erklärt Cordula Grüssel vom Verein „jobben ohne mobben“. Sie und ihr Team beraten Betroffene in ganz Deutschland und organisieren zahlreiche Veranstaltungen. „Mobbing entsteht häufig aus einem ungelösten Konflikt und entwickelt sich schleichend weg von dem ursprünglichen Problem, hin zu persönlichen Angriffen“, weiß Grüssel. Sie rät dazu, diese offen anzusprechen – im Idealfall im Beisein einer dritten Person, der man vertraut.

„Es geht nicht darum, einen Vorwurf zu formulieren und zu sagen ‚Du mobbst mich!’, sondern darum, eine Ich-Botschaft mit konkreten Beispielen zu senden. Etwa: ‚Ich habe das Gefühl, dass du mich bewusst ausschließt.’ Sollte die Situation zu verfahren sein, ist es wichtig, dass der Gemobbte schnell eine Vertrauensperson einweiht – etwa einen Kollegen, den Betriebsrat oder, sofern vorhanden, den Konfliktbeauftragten. Schleppt man die Situation zu lange alleine mit sich herum, führt das zu massiven psychischen Belastungen.“

Außerdem sei es sinnvoll, ein Mobbing-Tagebuch zu führen, in dem die unangenehmen Situationen detailliert mit Datum, Uhrzeit und etwaigen Zeugen festgehalten werden. Das macht es später nachvollziehbarer und auch eine Systematik lässt sich gegebenenfalls erkennen.

Experten raten zu externer Hilfe

Überdies raten Experten, sich externe Hilfe in Form von Beratern und Therapeuten zu holen. „Gibt es etwa die Möglichkeit, in eine andere Abteilung versetzt zu werden? Oder sollte ich den Arbeitgeber wechseln? Mediatoren oder ein juristischer Beistand können ebenfalls sinnvoll sein. Das sollte im Idealfall mit einer Vertrauensperson besprochen werden“, empfiehlt die Expertin.

Einig sind sich Opfer-Berater, dass der fehlende Strafrechtsbestand des Mobbings in Deutschland nach wie vor ein großes Problem darstellt. Denn anders als in Ländern wie Schweden, Frankreich, England oder den USA haben Täter hierzulande wenig zu befürchten. Wer sich dennoch dazu entschließt, gegen den Mobber zu klagen, braucht einen langen Atem. „Das will gut überlegt sein“, warnt Cordula Grüssel, „schließlich arbeitet man in der Zeit weiterhin mit dieser Person zusammen.“

Mobbingberatung Berlin Brandenburg
www.mobbingberatung-bb.de

Verein jobben ohne mobben (JOM)
www.jobben-ohne-mobben.de

Zahlreiche Informationen zum Thema gibt es zudem hier:
www.mobbing-web.de

Umfangreiches und kostenloses E-Book
www.arbeitsschutzgesetz.org/mobbing-am-arbeitsplatz

Gehen Diskriminierung und Schikanen von einem Vorgesetzten aus, spricht man auch von Bossing. Deutlich seltener findet Staffing statt, bei dem hierarchisch niedriger gestellte Personen ihren Vorgesetzten mobben.

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