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Bild: shutterstock
Serie: Ungewöhnliche Mittagspausen

Mittagspause Yoga

Sich kurz etwas vom Bäcker holen, oder mit Kollegen über Berufliches sprechen – so oder ähnlich sieht bei vielen Berliner Beschäftigten die Mittagspause aus. Ganz anders verlaufen könnte sie im „Raum für Yoga“- Studio in Berlin-Mitte: Unsere Autorin Franziska Weigelt ist mal kurz „Om“-en gegangen.

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lötzlich fühle ich mich ganz fern, der Lärm der Großstadt verfliegt, meine Seele findet sich wieder in völliger Harmonie. Durch mich fließt das „Om“ und bringt Körper, Geist und Seele in völligen Einklang.

Ein paar Minuten vorher: Straßenabsperrungen, Bagger und Bauarbeiter kommen mir auf dem Weg zum Mittagsyoga in die Quere. Bis zur Tür des Wohnhauses in Berlin-Mitte schlage ich mich durch die lärmende Großbaustelle und den Verkehr am Naturkundemuseum durch. Und hier soll ich entspannen? Der Titel „Raum für Yoga“ und die Beschreibung des Mittagsangebots haben mich hergelockt. 50 Minuten lang will ich ganz in mich gehen, allein durch die Verbindung von Bewegungen und Atem.

„Schön, dass du da bist“

Ein Mann in weißer Leinenhose und einem indisch aussehenden Schriftzeichen auf dem T-Shirt öffnet mir die Tür der Wohnung im zweiten Stock. „Hallo, schön, dass du da bist!“, begrüßt Roland Berger mich freundlich. Dann erzählt er mir seine außergewöhnliche Geschichte.

Julia und Roland
Bieten Yoga in der Mittagspause an: Julia und Roland vom Yoga-Studio „Raum für Yoga“. Bild: Franziska Weigelt

Vor 14 Jahren eröffnete er sein Yoga-Studio – als er sein Leben neu beginnen und nicht mehr Software-Entwickler sein wollte. Kurzerhand brachte er seine Anzüge in den Secondhandladen um die Ecke und verwandelte seine Eigentumswohnung in das zweite Yogastudio in Mitte. Heute besitzt er einen Kundenstamm, auf den er stolz ist. Insgesamt sieben Lehrer unterrichten fünf verschiedene Yogastile bei Roland. Mittagsyoga bietet er seit rund zwei Monaten an.

Bewegung für Schreibtischsitzer und geschundene Rücken

Yoga Teilnehmer
Leichte Yoga-Übungen bringen den Kreislauf in Schwung. Bild: Franziska Weigelt

„Ich dachte, wir probieren das einfach mal aus“, sagt er und lacht. Bisher ist die Anzahl der Teilnehmer, die zu den zwei Kursen in der Woche kommen, allerdings noch klein. „Das Angebot macht nur Sinn, wenn der Fußweg nicht länger als zehn Minuten beträgt.“ Viele Büros und Ministerien befänden sich in der Nähe. „Mit ein bisschen Marketing werden die noch kommen“, gibt sich Roland optimistisch.

Kerstin hat die 60 Quadratmeter große Altbauwohnung auch so gefunden: „Ich habe ein bisschen gegoogelt, hab was für die Mittagspause gesucht“, erklärt die Mitarbeiterin einer Umwelt- und Naturschutzorganisation aus der Nachbarschaft. „Ich sitze den ganzen Tag am Schreibtisch und habe deswegen oft Rückenschmerzen“, fügt sie hinzu. Sie ist heute zum ersten Mal dabei und kann sich die ausgedehnte Pause dank flexibler Arbeitszeit leisten.

Rücken spüren, „Om“-Gesang einstimmen

Lehrerin Julia
Yogalehrerin Julia macht die Übungen vor. Wer im Sitzen arbeitet, kann hier mit sanften Bewegungen Energie schöpfen. Bild: Franziska Weigelt

Nach unserem kurzen Plausch im „Teezimmer“, in dem wir es uns mit einem Glas von Rolands Brennnessel-Lemongrass-Tee auf gelben Bodenkissen gemütlich gemacht haben, gehen wir in den Yogaraum. Hier liegen circa ein dutzend dunkelblaue Yogamatten bereit, dazu jeweils ein kleines Sitzkissen mit Decke. Am Kopfende des Zimmers stehen Bilder indischer Götter, Porträts von Yogameistern und auch eine Jesus-Statue nebeneinander – es ist ein Altar, vor dem Yogalehrerin Julia ihre Matte platziert. Gegenüber von ihr machen sich zwei hinzugekommene Frauen mittleren Alters bereit.

„Schließt die Augen und spürt euren Rücken, Wirbel für Wirbel“, beginnt Julia. Wer möchte, kann anschließend in den von Julia angestimmten Om-Gesang einstimmen. Was mich Monate zuvor in einem Fitness-Studiokurs beinahe zum Lachen gebracht hat, wirkt hier überhaupt nicht lächerlich. Obwohl sich der Raum für Yoga so nah am Großstadtlärm befindet, fühle ich mich dem plötzlich ganz fern. Om ist eine Silbe, die Körper, Geist und Seele in Harmonie bringen soll.

Angenehme Dehn- und Atemübungen bilden den Hauptteil

Franziska Weigelt
Ist hier für uns mal „Om-“en gegangen: Unsere Autorn Franziska Weigelt. Bild: Franziska Weigelt

Julia beschreibt die Yoga-Übungen schnell und verständlich, ich komme gut mit, obwohl ich kein Profi bin. In den 50 Minuten machen wir fünf Asanas, wie die Dehnungen im Yoga heißen, und eine Atemübung: „Die Pranayama ist gut für die Konzentration und reinigt“, erklärt Julia. Seit zehn Jahren praktiziert sie Yoga, ihre Ausbildung zur Yoga-Lehrerin machte sie bei Robert. Bei ihm lernte sie auch, bei der Entspannung auf die Bauchdecken der Teilnehmer zu achten. Während der Mittagspausenstunde darf sie nicht zu tief sein, wir müssen ja wieder zurück an die Arbeit. Pünktlich zur 50. Minute singen wir unsere „Oms“. Bin ich entspannt? – Total!
„Der Tag fühlt sich danach ganz anders an“, schwärmt Teilnehmerin Sabine beim Schuheanziehen im Umkleideraum. Sie muss schnell mit ihrem Fahrrad zu ihrer Bildagentur zurückdüsen, die Arbeit ruft. „Die zwanzig Minuten, die ich länger brauche als sonst, ziehe ich von meinem Überstundenkonto ab“, meint sie. Kurzerhand verlassen vier Frauen das Wohnhaus in der Chausseestraße 17, alle mit einem Lächeln im Gesicht – und einem leicht knurrenden Magen. Bei Anja wird er am Arbeitsplatz gefüttert werden. „Das geht schon, was Kleines nebenher zu essen. Ich fühle mich jetzt einfach fit, es lohnt sich einfach!“

Boot, Fisch und Sonnengruß versüßen den Tag

Auf dem Weg zur U-Bahn gehe ich aufrecht mit geradem Rücken, der Lärm perlt von mir ab, die Sonnenstrahlen des Frühlingstags sauge ich hingegen auf. Das „Boot“, der „Fisch“, der „Sonnengruß“ und „Happy Baby“ haben mich ganz ruhig werden lassen, mein Kopf fühlt sich ganz leicht an und irgendwie sauber. Bei einem Bäcker hole ich mir ein belegtes Brötchen, 30 Minuten später sitze ich am Schreibtisch. Die Arbeit fließt so dahin, plötzlich ist es schon Abend. Als ich nach der Arbeit einen Freund treffe, wundert er sich darüber, dass ich so ruhig sei. Ob das dem Yoga oder dem sonnigen Frühlingstag zu verdanken ist, ist schwer zu sagen. Mein Test-Fazit: Unbedingt ausprobieren!

Raum für Yoga

Raum für Yoga
Chausseestraße 17
10115 Berlin
Telefon: 28 39 16 33
Website

Mittagsyoga jeweils dienstags und donnerstags, 12.30 bis 13.20 Uhr, Preis: 8 Euro

Unser Tipp : Nach dem Frühstück am besten nichts mehr essen.

Unsere Serie: „Ungewöhnliche MIttagspause"

Franziska Weigelt hat in unserer Serie noch weitere wohlklingende Angebote für die Mittagspause in Berlin dem Praxis-Test unterzogen.

Ratatouille: Kochkurs in der Mittagsstunde

Lunchführungen: Kunst in der Mittagspause

Das Wichtigste an der Pause ist aber, dass sie überhaupt gemacht wird: Lesen Sie dazu unseren Artikel Hektik adé – Ein Pladoyer für die Pause.

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