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Mittagspause

Hektik adé – ein Plädoyer für die Pause

Bei jedem vierten Deutschen entfällt sie ganz, Büroangestellte machen sie gerade noch 20 Minuten: die Mittagspause. Weil auch unser Arbeitsleben immer rastloser wird, kommt die große Pause oft zu kurz. Mit fatalen Folgen. Wer auf sie verzichtet, zahlt die Rechnung am Ende des Arbeitstages. Dabei strotzt die Hauptstadt vor kreativen Angeboten, um gut erholt an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Wie wäre es zum Beispiel mit einer „Massage-to-go“ oder Lunch-Konzerten.

In der TV-Serie „Ladykracher“ gibt es da diesen Sketch: Anke Engelke betritt als Business-Frau ein Mittagslokal. „Heute habe ich nur ganz wenig Zeit“, flüstert sie – das Handy eingekniffen zwischen Schulter und Ohr – dem Kellner zu. Der schnippt einem Kollegen zu und schon ist die Suppe serviert.

Mit dem Notebook auf zum WC

Mittagessen Tablet Computer
Sushi zum Smartphone:Viele Arbeitnehmer können auch in der Mittagspause nicht ab­schalten. Bild: shutterstock

Und während die Geschäftsfrau mit Asien telefoniert und die neuesten Geschäftszahlen ins mitgebrachte Notebook tippt, bindet ihr der Kellner ein Lätzchen, wie beim Zahnarzt, um den Hals und beginnt sie zu füttern. Der Sketch endet damit, dass Anke Engelke „noch mal eben auf die Toilette“ müsse und der Kellner ihr rückwärts gehend das Notebook zum WC trägt. Dabei die Toilettenrolle unterm Arm.

Ein Sketch, der belustigen mag. Umso mehr erschreckt, dass die Realität der Fiktion dicht auf den Fersen ist. In der Berliner Suppen-Bar Cadadia kann der gestresste Eilig-Esser zum Beispiel ebenfalls die Suppe im Schnellgang löffeln. Zum Mitnehmen gibt es sie in sechs verschiedenen Geschmacksrichtungen. Vor allem Geschäftsfrauen schätzen das „gesunde Fast-Food“. Wer es erst gar nicht weg vom Arbeitsplatz schafft, kann den Cadadia-Catering-Service anrufen. Wie eine Suppe im Styroporbecher ohne Kleckern auf der Parkbank, auf dem Weg ins Büro oder am Schreibtisch gelöffelt wird, bleibt hingegen ein Rätsel.

Mittagspause fällt immer öfters aus

Suppe
Doch wer nicht richtig Pause macht und hektisch runter­schlingt risikiert auf Dauer, krank zu werden. Bild: shutterstock

Kein Rätsel ist, dass immer mehr Deutsche die Mittagspause vernachlässigen. Mehr als ein Viertel lässt sie mittlerweile ganz ausfallen, fand die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) 2012 heraus ( siehe Infokasten ). Und das Marktforschungsinstitut Innofact hatte 2008 in einer Umfrage unter 1.500 Büroangestellten ermittelt, dass diese im Schnitt gerade einmal 20 Minuten Pause zur Mittagsstunde machen. Dabei stehen dem Arbeitnehmer laut Gesetz bei sechs Stunden Arbeit mindestens 30 Minuten Pause zu.

Auch wenn man sich eigentlich fit fühlt, sollte man die Notwendigkeit von Pausen nicht unterschätzen, sagt BAuA-Sprecher Jörg Feldmann. Oft würden sich die Folgen von zu viel Arbeit und zu geringen Erholungsphasen erst langfristig zeigen. Zunächst setze ein Gefühl der Ausgebranntheit ein, sprich einer dauerhaften Erschöpfung, welches sich nach und nach zum Burnout entwickeln könne. Hinzu kommt, dass die Rastlosigkeit unserer Gesellschaft auch vor unserem Arbeitstag nicht Halt macht. Die Flut von E-Mails, Meetings und Anrufen am Tag sorgen für einen steigenden Stress-Pegel. So mancher mag sich auch in der Mittagspause nicht von seinem Smartphone lösen. Als ob man gern mit vollem Mund einen Anruf entgegennehmen möchte? Oder mit fettigen Fingern eine E-Mail schreiben will?

Dass sich die Mittagspause auch kreativ nutzen lässt, um Energie aufzutanken, zeigen drei Beispiele in Berlin.

Ewigkeit für Eilig-Esser

Kaiser Wilhelm Gedaechtnis Kirche
Ewigkeit statt Eilig-Essen:Zum Entschleunigen gibt’s jede Menge Angebote. Sogar einen „Turbogottesdienst“ in der Gedächtniskirche. Bild: wikimedia/Johann H. Addicks [[http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de|(CC BY-SA 3.0)]]

„Schön, dass Sie sich einen Zwischenstopp gönnen, auf dem Wege durch die Stadt.“ So begrüßt Pfarrer Manfred Herbrechtsmeier seine Zuhörer in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Zoologischen Garten. Werktags bietet er hier um 13 Uhr seinen „Turbo-Gottesdienst“ mit der vielversprechenden Unterzeile „12 Minuten Ewigkeit“. Darin gibt’s eine Andacht mit Orgelmusik, Bibelworten – und den Weg „zu sich selbst“.

Entspannen mit Gott. Viele Menschen würden sich nach diesem kurzen Moment der Einkehr sehnen, sagt Herbrechtsmeier. Es sei für viele genau das, was sie zu diesem Zeitpunkt bräuchten. Das blaue Licht der Kirche und die Stille würden ganz schnell den Arbeitsalltag vergessen lassen. Und, so schiebt er nach, nicht nur für Gläubige sei das Gotteshaus eine Oase der Ruhe im hektischen Alltag.

Hunger auf Musik

Auch den Hunger nach Musik kann der Berliner in der Mittagspause stillen. Jeden Dienstag bietet die Berliner Philharmonie Lunch-Konzerte an. Der Stress des Alltags bröckelt mit jedem Ton und weicht purer Entspannung. Die Musiker geben sich privater als in den Abendkonzerten und genießen den Auftritt in ungezwungener Atmosphäre.

Auch kulinarisch kümmert sich die Philharmonie um die Besucher. Ab 12 Uhr steht das Catering bereit, das zu einem erschwinglichen Preis zu haben ist. Die 50 Minuten Musik sind noch schonender für den Geldbeutel. Der Eintritt entfällt. Das Programm wird nicht nur von den Berliner Philharmonikern bestritten. Stipendiaten der Orchester- Akademie, Studierende der Berliner Musikhochschulen, Instrumentalisten des Deutschen Symphonie- Orchesters und die Staatskapelle Berlin ergänzen die Variantenvielfalt der Musik.

Mittags zur Massage

Sogar eine „Massage to go“ kann sich der gestresste Hauptstädter mittags gönnen. Vollautomatische Ganzkörper-Massageliegen sollen im „Syogra Jade Massage Studio“ verspannte Arbeitnehmer verwöhnen. Sie vereinen so ziemlich alle Massageformen, die bekannt sind. Die traditionellen fernöstlichen Entspannungsmethoden wie Akupressur und Wärmetherapie, kombiniert mit den westlichen Verfahren Infrarotwärme und Chiropraktik, sollen den Druck von den Schultern nehmen. Aus Jade gefertigte Kugeln, die mit Infrarot erwärmt werden, massieren den Körper vom Nacken bis zu den Fußknöcheln.

Ob die Massagemaschine die gleichen Resultate erzielen kann, wie ein geschulter Physiotherapeut bleibt fraglich. Überzeugend wirkt wohl der Preis, der kaum zu toppen ist. 20 Minuten Massage gibt es für 6 Euro, bei 40 Minuten zahlt man sogar nur 10 Euro. Ideal für einen kurzen Abstecher in der Mittagspause ist das Massagestudio auch. Nicht mal ausziehen muss man sich, bevor die Maschine sich an die Arbeit machen kann.

Kochen, Yoga oder Kunst in der Pause? Für unsere Serie Ungewöhnliche Mittagspausen hat Franziska Weigelt drei weitere Angebote in der Hauptstadt getestet. Sie erklärt, für wen sie sich eignen und wie die Rückkehr an den Arbeitsplatz funktioniert.

Fünf Fakten zur Mittagspause:

• Arbeitnehmer, die ihre Mittags­pause häufig ganz ausfallen lassen: 25%

• Anrecht auf Mittagpause bei mindestens 6 Stunden Arbeit: 30 Minuten

• Zahl der Arbeitnehmer, die keine Mittagspause machen möchten: 15%

• Zahl der Arbeitnehmer, die zu viel Arbeit zu erledigen haben und auf eine Mittagspause verzichten: 38%

• Zahl der Arbeitnehmer, die finden, dass eine Mittagspause aufgrund der Anforderung nicht in ihren Arbeitsalltag passt: 47%

Mal Mittag machen

Cadadia
Feine Suppenbar
cadadia.com

SYOGRA JADE-Massage
Großbeerenstr. 10, 10963 Berlin,
Tel.: 236 33 763

Lunch-Konzerte in der Berliner Philharmonie
Die neuen Termine (nach der Sommerpause ab September):
www.berliner-philharmoniker.de

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