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Serie: Ungewöhnliche Mittagspausen - Teil 3 / Kreativ-Kick
Bild: shutterstock
Serie: Ungewöhnliche Mittagspausen

Lunchführungen

Sich kurz etwas vom Bäcker holen, oder mit Kollegen über Berufliches sprechen – so oder ähnlich sieht bei vielen Berliner Beschäftigten die Mittagspause aus. Ganz anders verlaufen könnte sie bei der Lunch-Führung im Martin-Gropius-Bau. Unsere Autorin Franziska Weigelt hat auf Kunst statt Kantine gesetzt.

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iesige verbogene Stangen aus Stahl schlängeln sich in einem Raum zu einem Knäuel zusammen. Die Wände schmückt eine Tapete, die mit rot-weißen Formularen und chinesischen Schriftzeichen bedruckt ist. So sieht es aus, in DER Kunstausstellung des Jahres in Berlin – bei Ai Weiwei, dem berühmtesten chinesischen Künstler und Dissident seiner Zeit. Er präsentiert in Berlin seine bisher größte Ausstellung „Evidence“.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Wir, das sind die Mitglieder der „Lunchführung“. Seit April bietet das Kunstmuseum einmal im Monat 40-minütige Führungen zur Mittagszeit an. Sie soll Arbeitnehmern in der Mittagspause einen „Kreativ-Kick“ versetzen, heißt es auf der Internetseite. Klingt verheißungsvoll – aber löst sich das Versprechen ein?

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40 Minuten Lunch-Führung erhalten Mittags­besucher im Martin-Gropius-Bau. Bild: Franziska Weigelt

Zunächst steht die rund 25-köpfige Gruppe ratlos vor dem Stangen-Ungetüm. Das soll Kunst sein? Unser Begleiter, Kunstvermittler Markus Strieder, klärt uns auf. Die „Arminierungseisen“ seien nicht Kunstwerk, weil sie besonders schön verbogen sind, vielmehr sei es das Gedankengut, das zähle. Die Bau-Elemente stammen aus der chinesischen Provinz Sichuan, in der 2008 ein Erdbeben der Stärke 8 wütete und rund 70.000 Menschen tötete. Mit seinem Werk macht Ai Weiwei auf die instabilen Regierungsgebäude aufmerksam, die der Stärke des Erdbebens eigentlich hätten Stand halten sollen.

Nach der Kunst besser konzentriert an den Arbeitsplatz zurück

Bedächtig nicken einige der Zuhörer. Über den gemeinsam erlebten „Aha“-Moment freue ich mich wie ein kleines Kind, das mithilfe seiner Eltern ein Kreuzworträtsel löst. Strieder, der Jeans und Sportjacke trägt, kommt jetzt richtig in Fahrt, erzählt von westlichen Künstlern, die Ai Weiweis Kunstverständnis prägten – Marcel Duchamp, Andy Warhol sowie die Schule des Bauhaus.

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Mit dabei: Unsere Autorin Franziska Weigelt; hier vor Ai Weiweis „Arminierungseisen“. Bild: Franziska Weigelt

Ich drifte kurz ab und beobachte, wie ein Teilnehmer die Stangen umkreist und aus der Nähe betrachtet. Es ist Markus, der mir kurz vor Beginn der Führung sagte: „Wenn man mit etwas Unverständlichem konfrontiert wird, kann man sich danach noch besser konzentrieren.“ Ähnlich erwartungsvoll auf die Lunchführung klang seine Begleiterin Rita: „Das Interesse an der Ausstellung ist echt groß.“

Tapete aus 30.000 Schuldscheinen

Ein Glück, dass sie sich dank flexibler Arbeitszeit eine längere Mittagspause gönnen – und sich die beliebte Ausstellung ohne Gedränge anschauen könne. Ganz auf geht ihr Plan jedoch nicht: Trotz der ungewöhnlichen Zeit für einen Museumsbesuch strömen viele Besucher in die Räume. Auch unsere Gruppe, die im Übrigen nicht bloß aus Arbeitnehmern besteht, hat ihre vorgesehene Maximalgröße erreicht.

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Die Bau-Elemente erinnern an das tragische Erdbeben in der Region Sichuan. Bild: Franziska Weigelt

Nach dem Exkurs zum Thema „Kunstverständnis“ geht der Kunstvermittler auf die Tapete der uns umgebenden Wände ein. Hierbei handelt es sich um die Kopie von insgesamt 30.000 Schuldscheinen, die Ai Weiweis Unterstützer dem Künstler nach seiner Verhaftung im Jahr 2011 zusandten. 80 Tage lang hatten ihn chinesische Behörden eingesperrt und rund um die Uhr beobachtet.

Steuerhinterziehung sei der Grund für die Festnahme, hieß es Monate später nach seiner Freilassung. Dank seiner treuen Netzgemeinde konnte er das gegen ihn verhängte Bußgeld bezahlen. Über einen Blog berichtet der Künstler, wie er für demokratische Werte wie Transparenz und Redefreiheit in seiner Heimat kämpft.

Führung dauert unterm Strich doch länger als 40 Minuten

Markus und Rita
Mehr Konzentration für Nachmittagstermine: Markus und Rita sehen viele Vorzüge in der Lunch-Führung. Bild: Franziska Weigelt

Strieder führt uns in den nächsten Raum, wo weitere Geschichten auf uns warten. Der 50-jährige Berliner ist selbst als Bildkünstler tätig und brennt für Ai Weiweis Werk. Es scheint ihm wirklich am Herzen zu liegen, uns mit seinen Erklärungen über die kulturellen und politischen Hintergründe des Künstlers ein Grundverständnis für die Ausstellung zu verschaffen. Als die Führung endet, merke ich, dass längst 40 Minuten um sind.

Dennoch beschwert sich niemand, im Gegenteil: Alle klatschen. „Einfach toll, vielen Dank“, schallt es von mehreren Seiten. Dabei war es seine erste Lunchführung, gibt Strieder zu.

Empfehlenswerte Ablenkung für zwischendurch

Grafikdesignerin Celine
Grafikdesignerin Celine: „Schön, dass die Ausstellung so ausführlich war.“ Bild: Franziska Weigelt

Über Ai Weiweis Aktionismus nachgrübelnd laufe ich zum Ausgang und sehe dort eine junge Frau, die ich als Mitglied der Lunchgruppe wieder erkenne. „Schön, dass die Führung so ausführlich war“, sagt Graphikdesignerin Celine über die 20-minütige Verlängerung. Von Teilnehmer Markus, der sich von der Führung eine bessere Konzentration für seine Termine und Telefonkonferenzen erhofft hat, fehlt leider jegliche Spur. Mich hat die Lunchführung gedanklich abgelenkt und die Arbeit vergessen lassen – allerdings hat sie mich auch eineinhalb Stunden gekostet.

Mein Testfazit: Empfehlenswert ist die Kunstführung nur für jene, die Spaß an Kunst haben. Teilnehmer sollten sich vorsichtshalber darauf einstellen, dass „der Kreativ-Kick“ länger als die angesetzten 40 Minuten dauern könnte. Einen Mittagssnack beinhaltet das Angebot nicht, es empfiehlt sich, vor Beginn der Führung eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen.

Führungen im Martin-Gropius-Bau:
www.berlinerfestspiele.de

Inspiriert?

Die Ai Weiwei Ausstellung „Evidence“ im Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 7. Juli zu sehen: www.berlinerfestspiele.de

Unsere Serie: „Ungewöhnliche Mittagspausen"

Franziska Weigelt hat in unserer Serie noch weitere wohlklingende Angebote für die Mittagspause in Berlin dem Praxis-Test unterzogen.

Ratatouille: Kochkurs in der Mittagsstunde

Raum für Yoga: Om in der Mittagspause

Das Wichtigste an der Pause ist aber, dass sie überhaupt gemacht wird: Lesen Sie dazu unseren Artikel Hektik adé – Ein Pladoyer für die Pause.

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