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Titel Langzeitarbeitskonto
Bild: Shutterstock
Arbeitszeit

Chef, ich spar schon mal für die Auszeit vor

Für fest angestellte Mitarbeiter ist das Langzeitkonto eine gute Möglichkeit, Zeit für eine längere Auszeit anzusparen. Zum Beispiel für die Betreuung eines Kindes, die Pflege von Angehörigen oder für einen früheren Eintritt in die Rente. So funktioniert das Zeit-ist-Geld-Prinzip.

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er eine möchte sich um seine erkrankte Lebenspartnerin kümmern, die andere plant ein Auslandsjahr in Australien, und der dritte will einfach schon ein paar Jahre früher seinen Lebensabend genießen – bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) sind das alles Möglichkeiten, seine Lebenszeit auf einem so genannten Langzeitkonto anzusparen.

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Langzeitkonto: Arbeitszeit ansparen, um später Zeit für die Pflege eines Angehörigen zu haben. Bild: Shutterstock
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eit 2017 gibt die BSR ihren 5.400 Beschäftigten diese Möglichkeit, die eigene Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Nutzen können es alle tariflich bezahlten und fest angestellten Beschäftigten. Diese können zum Beispiel Stunden-Kontingente oder Gehalts-Bestandteile ab 50 Euro auf das Konto einzahlen – und später dann von der Vollzeit in die Teilzeit überwechseln. Damit sich der Arbeitgeber darauf einstellen und bei Bedarf eine Vertretung organisieren kann, muss die Auszeit früh genug angemeldet werden, erklärt BSR-Personalchefin Judith Hübner.

Rund 40.000 Betriebe nutzen Wertguthaben-Konten – überwiegend die großen ab 500 Beschäftigten

Erst 40.000 Betriebe in Deutschland führen diese Wertguthaben-Konten. Das sind bislang gerade mal zwei Prozent aller Unternehmen. Überwiegend die größeren mit 500 Beschäftigten aufwärts. Das verwundert, denn das Langzeitkonto – auch Wertguthaben-Konto genannt – bietet Mitarbeitern die Möglichkeit zur flexiblen Arbeitsgestaltung – und vor allem den unschlagbaren Vorteil, auch versichert eine längere Auszeit nehmen zu können. Im Gegensatz zum unbezahlten Urlaub läuft die Kranken- und Sozialversicherung weiter.

Doch es gibt auch Nachteile, wie Arbeitszeit-Experte Andreas Hoff erklärt: „Man muss entweder Geld oder Zeit einbringen können. Laut einer Untersuchung vom Wissenschaftszentrum Berlin tun sich gerade Frauen schwer mit dem Einbringen von Zeit, da sie neben dem Job noch andere Verpflichtungen haben.“ Auch für Arbeitnehmer aus dem Niedriglohn-Sektor bleibt das Langzeitkonto für die Traumreise doch eher ein Traum; sie können es sich oft schlichtweg nicht leisten.

„Kein modernes Unternehmen im 21. Jahrhundert kommt um solche Langzeitkonten herum, weil das Thema „Lebensphasen orientiertes Arbeiten“ einen immer größeren Raum einnimmt.“ Judith Hübner, BSR

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung setzen große Betriebe mit mindestens 250 Beschäftigten stärker auf Familienfreundlichkeit (wir berichteten) und stellen zudem im Vergleich zu kleineren Betrieben häufiger Langzeitkonten zur Verfügung.

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Viele nutzen die gesparte Arbeitszeit auch, um eine längere bezahlte Auszeit zu nehmen. Bild: iStock

Schon 1998 hat die Bundesregierung mit dem “Flexi I”-Gesetz die Grundlage zur Einrichtung von Langzeitkonten geschaffen. Mitarbeiter sollten auch bei Freistellungen ab einem Kalendermonat versicherungspflichtig beschäftigt bleiben können.

Der Betrieb trifft mit dem Arbeitnehmer dazu eine schriftliche Wertgut-Vereinbarung. Zum Beispiel ergeben 50 Stunden à 20 Euro Stundenlohn ein Guthaben von 1.000 Euro. Während der Freistellung wird weiterhin monatlich ein Entgelt gezahlt, das aus dem angesparten Guthaben überwiesen wird. 2009 wurde mit dem “Flexi II”-Gesetz der Insolvenzschutz durch die Einführung der Insolvenzsicherung verbessert, indem der Arbeitgeber verpflichtet ist, Wertguthaben insolvenzsicher anzulegen.

Arbeiten, um zu leben

Das Langzeitkonto trifft den Nerv der Zeit: Die Einstellung zur Arbeit verändert sich bei den Menschen. Hinzu kommt der demografische Wandel: immer mehr Menschen werden immer älter – zu wenig junge Fachkräfte rücken nach. „Kein modernes Unternehmen im 21. Jahrhundert kommt um solche Langzeitkonten herum, weil das Thema „Lebensphasen orientiertes Arbeiten“ einen immer größeren Raum einnimmt“, ist sich Judith Hübner sicher.

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BSR-Personalchefin Judith Hübner: Erst 40.000 Unternehmen bieten das Zeit-Anspar-Modell an, darunter die Berliner Stadtreinigung. Bild: BSR

Es eignet sich insbesondere gut für die Finanzierung eines vorgezogenen oder gleitenden Eintritts in den Ruhestand. Deshalb empfehlen Experten, ab dem 30. Lebensjahr mit dem Sparen zu beginnen.

Bei einem Arbeitgeberwechsel hat der Arbeitnehmer ein Recht auf Auszahlung, wenn er das Langzeitkonto nicht zum neuen Arbeitgeber mitnehmen kann und es auch nicht bei der Deutschen Rentenversicherung Bund parken will. Ein Werteverlust kann durch die Pleite eines Unternehmens eintreten, den der Gesetzgeber durch die Einführung einer Insolvenzsicherung verringert hat. Was noch zu beachten ist: Das angesparte Wertguthaben kann nur mit Zustimmung des Mitarbeiters angetastet werden, um zum Beispiel bei Kurzarbeit weniger gezahlten Lohn auszugleichen.

Fazit: Ein betriebliches Langzeitkonto schafft ein Stück Freiheit im Arbeitsleben und ist in erster Linie für Arbeitnehmer interessant, die lange bei einem Arbeitgeber beschäftigt bleiben möchten oder können. Es wird häufiger von größeren Unternehmen angeboten, die über entsprechende Arbeitsstrukturen für Mehrarbeit und den Ausgleich von Fehlzeiten verfügen.

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