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Kreative Bewerbungen

Guerilliakrieger am Arbeitsmarkt

Eine kreative Bewerbung oder doch lieber die klassische Mappe einreichen – womit erhöhen sich die Chancen auf einen neuen Job? Das kommt aufs Unternehmen an, sagt Recruiterin Marie-Christin Ernst. Denn mit ausgefallenen Ideen können Kandidaten nicht in allen Branchen punkten.

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eigelegte Schwimmflügel, um in der Flut der Bewerber nicht unterzugehen, das Anschreiben als Kreuzworträtsel oder ein Schuhkarton voll Gelatine, in der nach dem eingeschweißten Lebenslauf gewühlt werden soll – ausgefallene Bewerbungen stellen so manchen Personaler vor eine Herausforderung. Es ist ein schmaler Grat zwischen kreativer Selbstdarstellung und Zumutung – ein Grat, der darüber entscheiden kann, ob man eine Einladung zum Vorstellungsgespräch oder Hausverbot beim Wunscharbeitgeber bekommt.

Bewerbung mit Facebook und Youtube

Bewerber
„Nehmt mich!“: Kreative Bewerbungen erhöhen die Aufmerksamkeit. Bild: shutterstock

„Wer beschließt, vom klassischen Bewerbungsformat abzuweichen, muss vorab genauestens überlegen, was zum Adressaten passt. Kreativität sollte nie um ihrer selbst Willen eingesetzt werden“, rät Andreas Jäger. Der 32-Jährige bewarb sich vor rund drei Jahren bei der auf Social Media spezialisierten Agentur Elbdudler auf eine Stelle als Creative Planner und wollte direkt zeigen, dass er etwas von seinem zukünftigen Arbeitsumfeld versteht. Er gestaltete eine Facebookseite mit den wichtigsten Informationen zu seiner Person, eine Bewerbungspräsentation und ein Youtube-Video. Alles wurde miteinander verknüpft und via Twitter machte Andreas Jäger seinen zukünftigen Chef auf sein Online-Portfolio aufmerksam.

„Ich habe mir vorher ein genaues Konzept überlegt und alles individuell auf Arbeitgeber und Stelle zugeschnitten“, sagt der Kreativling. „Schließlich ist ein solches Portfolio ganz schön aufwendig – das sollte dann auch sitzen.“ Es funktionierte und als Andreas Jäger seinen neuen Job antrat, kannte in der Agentur fast jeder seine Bewerbung.

Kreativität kann auch abschrecken

„In bestimmten Branchen können ausgefallene Bewerbungen tatsächlich Türöffner sein“, bestätigt Marie-Christin Ernst. „Aber bei manchen Unternehmen schießt man sich damit leider ein Eigentor.“ Wenn es sich um eher konservative Arbeitsbereiche wie etwa die Rechts- oder Versicherungsbranche handelt, sollten Bewerber die klassische Mappe mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen wählen, erklärt die Referentin für Employer Branding and Recruiting beim Berliner Personaldienstleister az Personalkonzepte: „Zu viel Kreativität wirkt in solchen Fällen eher abschreckend und der zukünftige Arbeitgeber wird denken, dass der Bewerber von seiner Persönlichkeit her nicht zum Unternehmen passt.“

Anders sehen die Möglichkeiten in Branchen aus, in denen Kreativität Teil des Jobs ist – etwa in der Werbung, beim Film oder bei Computerspiele-Entwicklern. Vor allem Beispiele aus dem Ausland finden sich dazu im Netz.

„Mut gehört dazu.“: Beispiele von Alec Brownstein und und Philipp Dubost

Bewerber Auswahl
Wer keine Bewerbung vom Fließband abliefert, kann vor allem in Branchen, in denen Kreativität Teil des Jobs ist, belohnt werden. Bild: shutterstock

Fast schon legendär ist die Taktik von Alec Brownstein , der bei einer Werbeagentur arbeiten wollte. Er suchte sich die Kreativdirektoren seiner fünf bevorzugten Agenturen heraus und setzte auf deren Eitelkeit. Mit gerade einmal sechs Dollar buchte er Anzeigen bei Google. Gab nun einer der Kreativdirektoren seinen eigenen Namen in die Suchmaschine ein, erschien am Seitenanfang die gekaufte Anzeige. Dort stand dann beispielsweise „Hey, Ian Reichenthal, googling yourself is a lot of fun. Hiring me is fun, too.“ sowie ein Verweis auf Brownsteins Homepage. Das Resultat der Guerilla-Bewerbung: vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und zwei Jobangebote.

Eine andere Idee hatte der Franzose Philipp Dubost auf der Suche nach einer Stelle als Online-Produktmanager. Er baute eine Internetseite im Stile des Onlinehändlers Amazon nach, auf der er sich und seine Fähigkeiten anbot. Sogar Produktbewertungen in Form von Zitaten früherer Arbeitgeber waren dabei. Nach nur zwei Monaten hatte die Seite rund 1,5 Millionen Aufrufe und Dubost 130 Jobangebote, von denen 30 genau seinen Wunschvorstellungen entsprachen.

Mittlerweile gibt es auch auf dem deutschen Markt einige Guerilla-Bewerber, weiß Marie-Christin Ernst, aber sie sind nach wie vor die Ausnahme. „Ein bisschen Mut gehört zu solchen Aktionen dazu“, so die 28-Jährige. „Und es muss einfach zur Person passen – sonst wirkt das Ganze unglaubwürdig.“

Individualität ist wichtig

Der New Yorker Grafik- und Webdesigner Robby Leonardi war mutig. Er weckte den Spieltrieb seiner zukünftigen Arbeitgeber und entwickelte ein kleines Onlinegame, in dem die Personaler eine Figur an Leonardis Berufserfahrungen, Kenntnissen und Auszeichnungen vorbeisteuern können. Die Aufmerksamkeit war ihm damit gewiss. Und durch die virale Verbreitung erreichte Leonardi mit seiner Bewerbung weitere Unternehmen, ohne dass er sie aktiv anschreiben musste.

Victor Petit punktete mit einem QR-Code in seiner Bewerbungsmappe. Der Empfänger konnte ihn mit dem Smartphone abfotografieren, sein Gerät in Höhe des Mundes auf das eingereichte Bewerbungsfoto legen und ein Video starten. Der Bewerber sprach so quasi direkt mit seinem zukünftigen Arbeitgeber. Mittlerweile gibt es für diese Form der Bewerbung auch in Deutschland einige Nachahmer.

Doch ob das von den Personalern dann noch als kreativ empfunden wird, bleibt fraglich, schließlich leben besondere Ideen von ihrer Individualität. So fand Marcel Loko, Mitbegründer der Werbeagentur „Zum goldenen Hirschen“, das erste Geweih, das als Teil einer Bewerbung eintrudelte, noch kreativ. Irgendwann hatte sich diese Anspielung auf den Agenturnamen jedoch verbraucht.

Der entscheidende erste Satz

Kritischer Businessman
Anders sieht dies in „klassischen“ Branchen aus. Hier ernten Mutige eher skeptische Reaktionen. Bild: shutterstock

„Egal, ob durch die Aufmachung oder den Inhalt, im Idealfall macht eine Bewerbung vom ersten Moment an Lust darauf, den Kandidaten besser kennenzulernen“, sagt Marie-Christin Ernst, die regelmäßig Bewerbungs-Workshops an Schulen veranstaltet. Hierfür muss es nicht immer etwas völlig Ausgeflipptes sein, oft reicht schon ein etwas anderes Anschreiben. Denn nachdem Personaler zum x-ten Mal den Standardsatz „Sehr geehrte Damen und Herren, mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen und bewerbe mich hiermit auf die ausgeschriebene Position“ gelesen haben, ist Abwechslung durchaus willkommen.

Beispiele hierfür hat Marie-Christin Ernst parat: „Sehr geehrter Herr Mustermann, ich liebe Werbung! Und ich begeistere mich für alles, was mit Kommunikation zu tun hat! Deshalb ist es mein Wunsch, in diesem Bereich eine Ausbildung zu machen.“ „Mit dem ersten Satz ist diesem Bewerber die Aufmerksamkeit des Lesers sicher“, so die Recruiterin. Es geht sogar noch selbstbewusster: „Sehr geehrte Frau Mustermann, herzlichen Glückwunsch: genau in diesem Moment haben Sie die ideale Besetzung für die Stelle der PR-Referentin in Ihrem Unternehmen gefunden.“ „Wer seine Bewerbung so beginnt, muss allerdings auch hohen Erwartungen gerecht werden“, sagt Marie-Christin Ernst.

Wissen, wie der Arbeitgeber tickt

Die Personalexpertin findet, dass es fast nie schadet, ein bisschen aus der Reihe zu tanzen. „Kandidaten sollten sich bewusst machen, dass sie selbst ein Produkt sind, das sie im wahrsten Sinne des Wortes bewerben müssen.“ Wie viel Kreativität hierbei gefragt ist, sei Abwägungssache. Immer jedoch gilt: Vorab so viel wie möglich über den potenziellen Arbeitgeber in Erfahrung bringen, um zu wissen, wie er tickt. Und wenn man den gelatinebefüllten Schuhkarton dann immer noch für eine gute Idee hält, ist es vielleicht einen Versuch wert.

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