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Titel Firmenklo
Bild: Shutterstock
Konflikte bewältigen

Letzte Zuflucht: Firmenklo

Ob schwierige Chefs, Kollegen oder Kunden: Herausfordernde Situationen ereignen sich im Berufsleben schnell. Entsprechend kochen Emotionen hoch oder fließen Tränen. So manche/r zieht sich hierfür auf die Toilette zurück. Das Schlüsselwort, um diese Flucht zu vermeiden, lautet: Selbstfürsorge.

A

m Schreibtisch sitzt der zusammengesunkene Kollege, der innerlich längst gekündigt hat. Und in der Küche wartet die Abteilungsleiterin, die jeden Smalltalk für einen fiesen Seitenhieb nutzt. Dann kommt das Meeting mit dem cholerischen Chef, in dem man unversehens direkt in sein verbales Streufeuer gerät. Alles bekannte Konfliktsituationen im Arbeitsalltag. In unserem Berufsleben sind wir ein zusammengewürfelter Haufen. Ähnlich wie in der Schule heißt es dann: nicht mit allen kommen wir gut aus – müssen wir aber.

„Immer mehr Menschen fehlen am Arbeitsplatz wegen psychischer Probleme.“ Konstanze Wortmann, Buchautorin und Psychologin

„Immer mehr Menschen fehlen am Arbeitsplatz wegen psychischer Probleme“, berichtet Konstanze Wortmann, Psychologin und Autorin des lesenswerten Buches „Letzte Zuflucht Firmenklo?“. Laut Studien gehen mehr und mehr Menschen trotz Beeinträchtigungen und Unwillen zur Arbeit. Das ist der Anlass für ihr Buch gewesen. Gründe für die schlechte Stimmung in vielen Büro-Etagen sieht die Seminarleiterin für Konfliktmanagement viele: Arbeitsverdichtung, steigender Druck und gleichzeitig die wachsende Unsicherheit, ob es im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung so mit dem Arbeitsplatz weitergeht. Menschen seien erschöpft und fragen sich, ob sie das bis zur Rente durchhalten können.

Jetzt rund um die Sommerferien ist ein guter Zeitpunkt, aus diesem „Hamsterrad“ auszusteigen und sich zu fragen: Was kann ich tun, damit die Urlaubserholung länger als eine Woche anhält? Wie bekomme ich nach Konflikten schnell wieder Energie? Wie vermeide ich, mich in solchen Situationen hilflos zu fühlen? „Selbststärkungstechniken“, nennt Konstanze Wortmann hier als Zauberwort. Im Folgenden stellen wir ein paar Beispiele vor und gehen auch darüber hinaus der Frage nach, wie Mitarbeiter wieder mehr Lust an ihrer Arbeit finden.

„Love it, leave it or change it. – Liebe es, verlasse es oder ändere es.“ Henry Ford

1) Raus aus der Opferrolle

27 Jahre befand sich der südafrikanische Führer Nelson Mandela in politischer Haft. Wie schafft man das, ohne nicht an so einem Schicksal zu zerbrechen? Eine Frage, die so genannte Resilienz-Forscher seit Jahrzehnten sehr beschäftigt. Mittlerweile wissen diese: Menschen ertragen Situationen besser, wenn sie diese selber mitbestimmen können. Gefangene, die jahrelang gefoltert wurden, überstanden die enormen psychischen Strapazen, weil sie sich ein Stück innere Selbstbestimmung gegeben haben. Wortmann berichtet von einem Gefangenen, der nach jedem erniedrigenden Befehl, etwa die Latrinen mit einer Zahnbürste zu putzen, erst einmal innerlich bis Drei zählte. Jedes Mal. So konnte er die Drangsalierungen ertragen, ohne daran zu zerbrechen.

Übertragen auf das Berufsleben bedeutet das: Gehen Sie raus aus der Opferrolle in Stress-Situationen. Sie haben es in der Hand, zu gehen oder zu bleiben. Kündigen Sie oder bleiben Sie. Verlassen Sie eine Situation oder bleiben Sie standhaft. Und seien Sie in beiden Fällen gütig zu sich selbst: Ähnlich wie Selbstmitleid oder im schlimmeren Fall sogar Selbstgeißelung, gibt es auch den Begriff Selbstmitgefühl – und der meint: „Ich bin freundlich zu mir und wertschätze mich für meinen Mut, etwas gewagt zu haben.“

Business-mann Vor Spiegel
Power-Posen vor dem Spiegel: So kommen Mitarbeiter wieder zu Kräften. Bild: Shutterstock

2) Impuls-Kontrolle: Dem ersten Reflex widerstehen

Das Gegenmittel zu Stress ist Selbststeuerung. Wer in stressigen Situationen Kraftquellen für sich erschließt, kann so Einfluss auf die Situation nehmen und diese abkühlen. Ähnlich wie bei einem Atom-Reaktor: Wenn die Brennstäbe glühen, fährt die Anlage das Kühlwasser hoch und der Apparat kühlt dampfend ab. Nehmen wir eine Konfliktsituation wie ein anstrengendes Meeting mit besagtem schwierigen Chef, der Sie plötzlich vor allen Augen hart angeht:

  • Annehmen: Nehmen Sie die Situation an, statt sich hineinzusteigern („Wie kann er nur…“)
  • Abkühlen: Atmen Sie hierfür bewusst aus, machen Sie innerlich eine Kurzentspannung („ich zähle bis Drei“), das Gehirn ist wegen der vielen Stresshormone gerade sowieso nicht zu einer rationalen Entscheidung fähig
  • Analysieren: Lohnt sich die sofortige Interaktion, um das Ansehen vor den Kollegen zu reparieren? Oder wäre ein Vier-Augen-Gespräch nach dem Meeting mit dem Chef besser?

3) Freiräume schaffen

Solch brenzlige Situationen können den ganzen Tag verleiden. In diesem Fall lohnt der „Perspektivwechsel“, wie es Konstanze Wortmann nennt: „Was ist mir wichtiger als diese Situation, die mich gerade herausfordert?“ Ein Antwort könnte zum Beispiel die eigene Gesundheit sein, sprich der Wille, den Blutdruck zu schonen. Ein Seminarteilnehmer berichtete Konstanze Wortmann, er denke in solchen Situationen immer an seine Kinder; wie er ihnen sanft über den Kopf streichelt. Also: die Familie in den Fokus rücken. Es geht darum, Situationen zu relativieren, um sich selbst den Druck „aus dem Kessel“ zu nehmen.

4) Zeit gewinnen

Wie gelingt ein Elfmeter, wenn 80.000 Augenpaare auf einen starren? Wie können Profi-Fußballer hier einen Treffer machen? Viel Geld haben Profi-Vereine Wissenschaftlern gegeben und als Antwort eine Sekunde gewonnen: eine Sekunde sammeln vor dem Schuss bedeutet eine 80 Prozent höhere Treffer-Wahrscheinlichkeit.

Auch im Berufsleben kann man diese Strategie zunutze machen – und sich Zeit verschaffen, um Kraft und Konzentration zu sammeln, wenn sich Konflikte zusammenbrauen:

  • „Ich schließe das hier nur eben ab.“
  • „Ich bin sofort bei Ihnen.“
  • „Ich hole eben meine Unterlagen.“
  • „Möchten Sie auch einen Kaffee?“
  • „Moment, ich gehe noch mal kurz auf die Toilette.“
Formate: video/youtube

Und auf der Toilette können Sie zum Beispiel so genannte „Kraftposen“ einnehmen. Die Neurowissenschaft hat mittlerweile bewiesen, dass unsere Körperhaltung Einfluss auf unser Denken und Wohlbefinden nimmt. Wer auf der Toilette heimlich die Arme für die Siegerpose hochreißt, wer in Steh-Meetings einen breitbeinigen Stand einnimmt und die Arme seitlich abstützt oder sich auf den Tisch aufstützt, gewinnt durch diese Posen an Power. Und wenn alles nichts hilft gegen Stress: Pfeifen Sie drauf. Im wahrsten Sinne. Pfeifen vertreibt die Anspannung. Auf dem Klo hört Sie ja keiner…

5) Wieder mehr Lust an der Arbeit gewinnen

Susanne Westphal widmet diesem Thema ein ganzes Buch: Rund 300 Angestellte hat sie hierfür befragt. Das Ergebnis: Vor allem das gute Verhältnis zu den Kollegen, Vorgesetzten und Kunden beschwingt. Ebenfalls die selbständige Arbeit, die im Idealfall noch Gutes bewirkt.

Mobbende Kollegen, unfaire Chefs, Arbeitsergebnisse für den Papierkorb und Zero Anerkennung sind demgegenüber die Demotivationsfaktoren Nummer Eins. Susanne Westphal rät, für sein Glück auf der Arbeit zu arbeiten. „Wir verbringen ein Drittel unserer Lebenszeit damit, unserem Beruf nachzugehen. Schade um jeden Tag, der nicht wirklich Spaß macht.“ Und dann schiebt sie nach: Die traumhaften Arbeitsbedingungen haben wir allerdings selbst in der Hand.

Formate: video/youtube

Buchangaben:

Konstanze Wortmann: Letzte Zuflucht Firmenklo? Selbstfürsorge in herausfordernden beruflichen Situationen, Jungfermann-Verlag, 15 Euro

Susanne Westphal: Die neue Lust an der Arbeit – Wie Sie mit Genuss bessere Leistungen erzielen, Campus, 19,95 Euro

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