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„Wir lassen uns nicht behindern“
Bild: Andi Weiland
Inklusion

Wie Menschen mit Behinderung Unternehmen bereichern

Menschen mit Behinderung sind besonders häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Dabei wollen viele arbeiten – und können es besser als so mancher Chef oder vorurteilsbehafteter Kollege denkt. Drei Beispiele, die zeigen, wie sehr Menschen mit Behinderung Unternehmen bereichern.

Sich bei einem Bewerbungsgespräch über die Toilette in der Firma zu unterhalten, ist eher ungewöhnlich. Nicht unbedingt für Laura Gehlhaar, denn für sie wäre dieses bauliche Detail beinahe mal zum Ausschlusskriterium für einen Job geworden – zumindest, wenn es nach dem damaligen Arbeitgeber gegangen wäre.

„Wir haben keine behindertengerechte Toilette“

„Wir haben gar keine behindertengerechte Toilette.“ Durch so einen Satz lässt sich die 32-Jährige, die aufgrund einer Muskel-Erkrankung seit zehn Jahren im Rollstuhl sitzt, nicht einfach abwimmeln. „Da gucke ich mir das lieber erst einmal an, ich traue mir nämlich zu, auf ein normales Klo zu gehen“, sagt sie und lacht.

Laura Gehlhaar hat ein großes Selbstbewusstsein – und manchmal braucht sie das auch. Denn im Alltag begegnen ihr oft fremde Menschen, die nur, weil sie eine offensichtliche Behinderung hat, sehr merkwürdige Dinge sagen oder tun: „Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht“, „So hübsch und dann im Rollstuhl.“

Laura Gehlhaar
„So hübsch und dann im Rollstuhl“, solche Sätze beleidigen Laura Gehlhaar schon lange nicht mehr. Die 32-Jährige hat sich als Bloggerin selbstständig gemacht. Bild: Andi Weiland

Häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen

Über solche Begegnungen schreibt die Online-Redakteurin in ihrem Blog . Zudem berät sie als Coach andere, die sich beruflich oder privat neu orientieren möchten.

Menschen mit Behinderung sind überdurchschnittlich stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Zwar ist die Beschäftigung von Menschen mit einer schweren Behinderung in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, doch das Inklusionsbarometer der „Aktion Mensch“ warnt noch immer, dass der Aufschwung an Arbeitnehmern mit einer Behinderung weitestgehend vorbei geht. Sie sind deutlich häufiger – und länger arbeitlos. Auch, wenn sie hochqualifiziert sind. Dabei zeigen diverse Beispiele im Arbeitsalltag, dass dem nicht so sein muss.

Diskriminierende Ungleichheiten vor dem Gesetz

Laura Gehlhaar hat Sozialpädagogik und Psychologie studiert. Sie arbeitete in der Psychiatrie und als Texterin in einer Werbeagentur. Auch den Job mit der angeblich nicht behindertengerechten Toilette hat sie bekommen. Bei den Vorgesetzten habe sie trotz der skurrilen Toiletten-Geschichte viel Verständnis erfahren, wenn ihr bestimmte Sachen zu viel wurden. Dafür durfte sie sich von Kollegen Sprüche anhören – etwa: „Wieso bist du denn müde, du sitzt doch den ganzen Tag.“

Über so viel Unverständnis kann sie nur den Kopf schütteln. Rasend macht sie hingegen, dass Menschen mit Behinderung, die auf eine Assistenz angewiesen sind, maximal 2.600 Euro auf dem Konto haben dürfen. „So lange solche Ungleichheiten vorhanden sind, ist die Arbeitswelt weit von gelebter Inklusion entfernt.“

Die Mehrheit der Unternehmen erfüllen nicht die Quote

Unternehmen ab einer Größe von 20 Beschäftigten müssen mindestens fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten besetzen. Erfüllen Firmen diese Quote nicht, sind sie verpflichtet, eine Ausgleichsabgabe zu leisten. So schreibt es das Gesetz vor. Von den knapp 150.000 Unternehmen in Deutschland mit mehr als 20 Mitarbeitern zahlen allerdings fast zwei Drittel diese Abgabe, weil sie die Vorgabe nicht erreichen. Rund 40.000 Unternehmen beschäftigen gar keinen Arbeitnehmer mit Behinderung.

Manchmal liegt das an logistischen Problemen, etwa einem fehlenden barrierefreien Gebäudezugang. Aber oft genug sind diffuse Vorurteile der Grund. „Viele denken an Zusatzkosten oder haben Angst vor Verdienstausfällen“, sagt Laura Gehlhaar. „Dabei übersehen sie, dass gerade Menschen mit Behinderung überaus engagiert in ihrem Job sind. Sie wollen arbeiten, Leistung zeigen und Karriere machen.“

Mehr Vielfalt bedeutet auch mehr Sichtweisen

Dass Menschen mit Behinderung es am Arbeitsmarkt schwerer haben, belegen zahlreiche Studien. Und das, obwohl es mittlerweile als erwiesen gilt, dass Diversity für Unternehmen vor allem positive Effekte hat. „Je bunter eine Belegschaft, umso mehr Input, unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen gibt es“, findet Stefan Hawranke. Der 30-Jährige arbeitet im Controlling und Fördermittel-Management in der Forschungsabteilung der Berliner Wasserbetriebe, wo er vor fast zehn Jahren bereits sein duales BWL-Studium absolvierte.

Stefan Hawranke
„Je bunter eine Belegschaft, umso mehr Input“, sagt Stefan Hawranke, der nur zwei Prozent Sehkraft besitzt und für die Berliner Wasserbetriebe arbeitet. Bild: Privat

Dass er seit seinem dritten Lebensjahr aufgrund einer allergischen Reaktion auf ein Antibiotikum nur noch zwei Prozent Sehkraft besitzt, empfindet er im Alltag nicht als Einschränkung. Mithilfe von Sprachprogrammen, die ihm E-Mails vorlesen, und Vergrößerungssoftware kann er problemlos arbeiten. Ohnehin, sagt der Controller, sei sein Arbeitgeber bestens aufgestellt. Die Beschäftigungsquote für Menschen mit Behinderung liege über acht Prozent und im Unternehmen werde Inklusion gelebt.

Stefan Hawranke findet, dass sich manche Menschen mit Behinderungen zu wenig zutrauen. „Dabei machen sie sich nicht klar, dass jemand, der eine Rechenschwäche hat oder nicht gut klettern kann, sich auch nicht auf einen Job bewerben würde, der diese Voraussetzungen erfordert. Soll heißen, ob auf dem Papier behindert oder nicht, jeder bewirbt sich doch auf eine Stelle, bei der es auf seine Stärken ankommt.“ Deshalb spricht er lieber von Einschränkungen als von Behinderungen, denn Einschränkungen hat schließlich jeder – von einer Einpark-Schwäche bis hin zu Rückenschmerzen.

IT-Experten mit Asperger-Syndrom

Inklusion geschieht nicht von selbst, sondern muss gelebt werden – das hat sich auch Dirk Müller-Remus gedacht und gründete 2011 sein Unternehmen Auticon. Dort beschäftigt er mittlerweile 45 IT-Consultants, die beratend in Firmen tätig sind oder projektbezogen in Unternehmen eingesetzt werden, um die IT-Strukturen zu prüfen oder zu überarbeiten. Das Besondere an den Auticon-Consultants: Sie haben das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus.

Das bedeutet, ihnen fällt es schwer, sozial zu interagieren, weil sie Emotionen nicht im Gesicht ablesen können. Gleichzeitig verfügen sie häufig über eine extrem hohe Konzentrationsfähigkeit und begreifen etwa technische Abläufe sehr schnell. Damit sie sich trotz eines möglichen sozialen Defizits gut in ihr Arbeitsumfeld einfügen, werden nicht etwa die Consultants, sondern vielmehr ihre Kollegen gecoacht. „Wir erklären den Mitarbeitern, worauf sie achten müssen – etwa, dass Fragen, die nicht einfach mit ‚Ja’ oder ‚Nein’ zu beantworten sind, schwierig für Menschen mit Asperger sind“, sagt Dirk Müller-Remus.

Mitarbeiter fördern statt bremsen

Martin Neumann Mit Jobcoach Elke Seng
Martin Neumann mit Jobcoach Elke Seng: Der Berliner ist IT-Experte mit Asperger-Syndrom. Bild: Privat

Seit 2012 arbeitet Martin Neumann bei Auticon. Als IT-Consultant beurteilt, verbessert oder entwickelt er IT-Prozesse für die Kundenunternehmen. Die Aufgaben, sagt er, machen ihm sehr viel Spaß. „Vor allem, weil Auticon ein Umfeld schafft, in dem ich mich auf Qualität konzentrieren kann und wenig durch persönliche oder soziale Befindlichkeiten gebremst werde“, so der 54-Jährige. Als Behinderter fühlt sich der zweifache Vater jedoch nicht: „Ich sehe die Welt anders als die meisten Menschen, nicht besser oder schlechter.“

Eine gesunde Einstellung, wie auch der sehbehinderte Stefan Hawranke von den Berliner Wasserbetrieben findet. „Um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein, muss man selbstbewusst auftreten, zeigen, was man kann und was man wert ist.“ Und das gelte für alle Menschen – ob mit oder ohne Behinderung.

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