Titel Handmodel 2
Bild: Studio Likeness
Ungewöhnliche Berufe

„Und was machst du so?“ – „Ich bin Hand-Model!“

Manche Berufe sorgen für unendlich viel Gesprächsstoff auf Partys: Berliner Akzente stellt sie vor. Den Anfang macht jemand mit einem besonderen Händchen – das Hand-Model.

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enn Anna Lina Junghänel Wäsche aufhängt, trägt sie Handschuhe. Beim Kochen ebenfalls. Geschirrspülen, Gartenarbeit oder handwerklichen Tätigkeiten widmet sie sich selten – und dann auch nur mit äußerster Vorsicht. Denn ihre zehn Finger sind ihr Kapital. Die 32-Jährige ist Handmodel. Weshalb Muskelkater, Fingerfertigkeit und ganz viel Creme zu ihrem Berufsalltag gehören, erzählt sie im Interview.

Frau Junghänel, Sie sind seit zehn Jahren als Handmodel tätig. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Das war eher zufällig. Ich arbeitete damals als Kommunikationsdesignerin in einer Agentur. Das für ein Kampagnen-Shooting gebuchte Handmodel war kurzfristig ausgefallen und ich sollte einspringen. Anschließend wurde ich weiterhin von Kollegen, die der Meinung waren, ich hätte fotogene Hände, für Jobs gebucht. So habe ich Fotografen in diesem Bereich kennengelernt und erhielt weitere Aufträge. Trotzdem war es immer nur ein Nebenjob.

„Oft ist der Weg in die Branche zufällig, denn es gibt kaum Agenturen für Bodyparts.“ Anna Lina Junghänel, Hand-Model

Kann man vom Handmodeln leben?
Kaum. In der Branche gibt es vielleicht zwei oder drei Models, die so erfolgreich sind, dass sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zwar erhalten Newcomer einen Tagessatz von etwa 400 Euro und erfahrenere Models sogar zwischen 800 und 1.500 Euro am Tag, aber die Zahl der Aufträge bleibt überschaubar. Viele sind auch Fotomodels oder anderweitig in der Branche tätig. Oder sie haben einen ganz anderen Beruf und modeln nebenbei. Oft ist der Weg in die Branche zufällig, denn es gibt kaum Agenturen für Bodyparts. Soweit ich weiß, sind es deutschlandweit drei – einschließlich meiner Agentur Handmodel.Berlin.

Anna Lina Junghänel
Anna Lina Junghänels, die Frau zur Hand. Bild: Jakob Fischer

Was wünschen sich Kunden?
Das ist sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es die klassischen Aufträge, bei denen Uhren oder Schmuck präsentiert werden und die Hand im Mittelpunkt steht. Aber auch bei allen anderen Produkten wird meist ein Double benötigt. Quasi keine Hand, die man so auf Plakaten, in Zeitschriften oder im Fernsehen sieht, gehört tatsächlich dem Model. Denn wenn man sehr dünn ist, wirken Hände oft knöchern oder die Adern treten stark hervor. Mangel-Ernährung ist zudem an Fingernägeln zu erkennen.

Wie sehen denn geeignete Hände aus?
Sie sollten sehr symmetrisch sein. Lange gesunde und gepflegte Nägel sowie ein maximal langes Nagelbett sind ebenfalls wichtig. Narben, Tattoos oder auffällige Muttermale sind No-Gos. Die Models sollten normalschlank sein, also Frauen etwa eine Kleidergröße von 36 bis 40 haben, damit die Hand zu den Körpern passt, an die sie retuschiert wird. Bei Männern unterscheide ich zwischen der Fashion-Hand, die möglichst wenig behaart und ebenfalls schlank sein sollte, und der pragmatischen Arbeitshand. Letztere darf etwas robuster sein und kommt etwa bei Werbung für Baumärkte, Fitnessgeräte oder in Kochbüchern zum Einsatz. Schöne Unterarme sind für ein Handmodel übrigens selbstverständlich.

„Mit Schminken, Vorbesprechung und Shooting ist man schon mal sechs bis zwölf Stunden am Set.“

Nur schön, reicht das? Oder müssen Handmodels weitere Fähigkeiten mitbringen?
Man sollte vor allem feinmotorisch geschickt sein und ein gutes Körpergefühl haben. Oft steht das Model hinter einer schwarzen Wand und sieht die eigenen Hände nicht. Wenn der Fotograf dann Anweisungen gibt, dass die Finger höher oder anders angeordnet sein sollen, muss das blind umgesetzt werden. Auch Ausdauer gehört dazu. Mit Schminken, Vorbesprechung und Shooting, ist man schon mal sechs bis zwölf Stunden am Set. Und wenn ich mehrere Stunden einen Gegenstand festhalte, ist Muskelkater in Fingern und Unterarmen vorprogrammiert. Verkrampft darf die Haltung trotzdem nicht aussehen.

Wie pflegt man sein Kapital?
Cremen, cremen, cremen. Das ist besonders wichtig – vor allem nach dem Waschen. Und natürlich aufpassen. Wenn ich weiß, dass ein Shooting bevorsteht, trage ich sogar beim Wäscheaufhängen Handschuhe. Ein Kratzer bedeutet, dass ich wochenlang nicht arbeiten kann. Gartenarbeit, Geschirr spülen oder Gemüse schneiden werden zum Risiko.

Gibt es eine Altersgrenze für Handmodels?
Prinzipiell nicht, so lange die Hände schön gealtert sind. Aber wie im gesamten Business, sind ältere Models selten. Die Branche hat sich erst in den letzten Jahren in diese Richtung geöffnet. Bei Handmodel.Berlin sind wir noch auf der Suche nach 50-, 60- oder 70-jährigen Händen.

Welche Körperteile braucht die Werbeindustrie außerdem?
Füße, Beine und Po – etwa für Schuh- oder Strumpfhosenwerbung. Aber auch Lippen oder der Oberkörper werden einzeln benötigt – für Lippenstifte, Kosmetika, Parfums. Online-Shops für Kleidung präsentieren ihre Mode oft nur am Körper, also ohne Gesicht des Models. Das ist günstiger, weil man hierauf keine Rechte erwerben muss.

Vor einem Jahr haben Sie neben Ihren Tätigkeiten als Handmodel und als Kommunikationsdesignerin ihre Agentur Handmodel.Berlin gegründet. Wie kam es dazu?
Ich war selbst auf der Suche nach einer Agentur, um meine Model-Aufträge weniger dem Zufall zu überlassen. In Wiesbaden und München habe ich jeweils eine Agentur gefunden, in Berlin gab es keine. Das hat mich gewundert und so habe ich das kurzerhand selbst in die Hand genommen. Handmodel.Berlin gibt es jetzt seit einem Jahr und wir haben bereits rund 50 Models unter Vertrag. Der Markt ist da und wir freuen uns auf weiteren Zuwachs an schönen Körperteilen.

www.handmodel.berlin

Handmodel.Berlin
Sophienstraße 24, 10178 Berlin
030/60 27 08 13, lina@handmodel.berlin

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