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Titel Ghosting
Bild: Shutterstock
Mitarbeitersuche

Ghosting im Job: Wenn sich Bewerber in Luft auflösen

Ein verbreitetes Phänomen beim Online-Dating taucht zunehmend in der Arbeitswelt auf: Ghosting. Bewerber brechen plötzlich den Kontakt ohne Vorwarnung ab. Wie Arbeitgeber vorbeugen können.

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nrufe, die nicht beantwortet werden. E-Mails, die ins Leere laufen. Bewerber, die zum Vorstellungsgespräch nicht erscheinen – oder heiß gehandelte Kandidaten, die nach dem erfolgreichen Gespräch plötzlich nicht mehr erreichbar sind: Personalmanagerin Petra Bäumert des Berliner Kita-Trägers Orte für Kinder erlebt das immer öfter.

Petra Baeumert
Bild: Tanja Schnitzler
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ine Kandidatin kam zur Vertragsunterzeichnung, tauchte aber dann am Arbeitsplatz nie auf, erinnert sich die Personalchefin für 544 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „In solchen Fällen hatten wir ein richtiges Problem, da es ja einen Arbeitsvertrag gab“, erklärt sie. „Man kann das nicht im Sande verlaufen lassen, sondern muss dem Bewerber rechtssicher kündigen.“ Richtig ärgerlich wird es, wenn anderen Bewerbern schon abgesagt wurde und eine Stelle deshalb länger unbesetzt bleibt.

Ghosting kommt aus der Online-Dating-Welt

Für dieses immer häufiger auftretende Phänomen gibt es bereits einen Begriff: Ghosting. Er kommt aus der Welt der Online-Plattformen: Man lernt sich online kennen, verabredet sich auf einen Drink, geht am Ende des Abends zuversichtlich nach Hause – doch der andere meldet sich nie wieder. Reagiert weder auf Anrufe noch SMS. Wie ein Geist verschwindet der andere und versteckt sich hinter einer Mauer des Schweigens.

Experten nennen fehlende Sozial-Kompetenz, Konflikt- und Bindungsunfähigkeit als Ursache für Ghosting. Es braucht eben Mut und etwas Sprachgeschick, um einen Korb so zu vergeben, dass der andere ihn auch annehmen kann. Viele scheuen diesen Konflikt und verstecken sich lieber hinter einer Mauer des Schweigens.

Der Berliner Karrierecoach Jürgen Hesse bestätigt den Trend nun auch fürs Berufsleben:

„Die Verrohung der Sitten im Arbeitsleben hat in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen. 2008 gab es mit der Lehman-Brother-Pleite und der Finanzkrise einen großen Einbruch auf dem Arbeitsmarkt. Damals waren die Arbeitgeber die eindeutig Stärkeren, heute scheint das in manchen Branchen umgekehrt zu sein.“

Seit 30 Jahren berät der Bewerbungsexperte vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader Arbeitnehmer bei der Karriereplanung und Jobsuche. Derzeit haben Bewerber gute Chancen: Bei der aktuellen Arbeitsmarktlage haben sie eher die Qual der Wahl, sich für eine Stelle zu entscheiden.

Wertschätzung neuer Mitarbeiter

Viele Unternehmen haben sich noch nicht auf die veränderte Situation eingestellt. Trotz Fachkräftemangels ist es nicht selbstverständlich, dass der neuen Kollegin oder dem neuen Kollegen am ersten Arbeitstag ein eingerichteter Computer oder ein einsatzbereites Telefon zur Verfügung steht. Mehr als ein Drittel der Fachkräfte in Deutschland hat diese Situation schon einmal erlebt. Das ergab eine Studie der Online-Jobplattform StepStone, für die rund 13.000 Fach- und Führungskräfte nach ihren Erfahrungen zum Start im neuen Job befragt wurden.

Juergen Hesse
Jürgen Hesse Bild: Büro fuer Berufsstrategie

Die Ergebnisse zeigen: Nur die Hälfte der Fachkräfte wird am ersten Tag von ihrem neuen Vorgesetzten persönlich begrüßt. Eine wichtige Geste der Wertschätzung, denn neben fairer Bezahlung ist Mitarbeitern persönliche Anerkennung im Job wichtig.

Ein Grund, warum auf Online-Plattformen viele Kommentatoren über Ghosting im Job in Häme verfallen: „Aha – die gleich Praxis, die die lieben Arbeitgeber mit ihren Bewerbern über viele Jahre gespielt haben, fällt nun auf sie selbst zurück. Und JETZT regen sie sich auf? Ich würde mal an die eigene Nase fassen!!“, schreibt einer unter einem Beitrag des MDR zum Thema.

„Eigentlich haben die Arbeitgeber das Phänomen erfunden“, bestätigt auch Jürgen Hesse. Wenn man sich bewarb, sei es früher üblich gewesen, dass der Eingang der Bewerbung mit einem Schreiben bestätigte wurde. „Heute sagt sogar nur noch jede zweite Firma ab, wenn überhaupt. Das ist ja auch eine schmerzliche Form von Ghosting.“

Auf der Suche nach dem besten Angebot

Eine Verrohung der Sitten also auf beiden Seiten. Arbeitgeber tun folglich gut daran, wieder mit gutem Beispiel vorzugehen und auch freundlich abzusagen, wenn ein Bewerber nicht in Frage kommt. Ganz grundsätzlich geht es um Normen und Werte im menschlichen Miteinander, also um Wertschätzung und Respekt. Die goldene Regel: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ ist für Unternehmen beim Umgang mit ihren potenziellen Mitarbeitern eine gute Empfehlung, sagt Jürgen Hesse.

Und die Bewerber? Viele bewerben sich auf mehrere Stellen gleichzeitig, sind zu bequem oder vergessen einfach, bei den anderen Unternehmen abzusagen, wenn sie sich für einen Job entschieden haben. Petra Bäumert beobachtet zudem einen generellen Kulturwandel bei den jüngeren Bewerbern, „die sich gerne alle Optionen offen halten, um sich das beste Angebot auszusuchen. Eine Rolle spielt sicherlich auch die Überforderung mit der Fülle an Möglichkeiten, die es gibt.“

Erschwerend komme hinzu, dass Erzieher händeringend gesucht werden und sich vor Jobangeboten kaum retten können. Unternehmen in solchen Branchen mit dramatischem Fachkräftemangel sollten das Phänomen ernst nehmen und bei den Bewerbern offen ansprechen.

Reden statt abtauchen

Bewerber wiederum tun gut daran, am ersten Arbeitstag auch tatsächlich beim Arbeitgeber zu erscheinen. In der Versenkung zu verschwinden, wenn man einen Arbeitsvertrag bereits unterschrieben hat, ist schlicht schlechter Stil. Und falls man doch in der Zeit ein besseres Angebot bekommen hat?

Jürgen Hesse rät, die Situation zu erläutern und sich mit dem Arbeitgeber zu besprechen. „Dann mag es immer noch einen bitteren Beigeschmack haben, aber dann ist es zumindest menschlich angemessen und auch juristisch klüger.“ Denn für die Probezeit gibt es eine Kündigungsfrist (mindestens zwei Wochen). Und im schlimmsten Fall könnte der Ghoster auch schadensersatzpflichtig werden (siehe Infokasten).

Die rechtliche Situation beim Job-Ghosting

Inwiefern gilt eine Kündigungsfrist bereits vor Aufnahme/Antritt der Tätigkeit?
Ein Arbeitsverhältnis lässt sich bereits nach Abschluss des Arbeitsvertrags kündigen – sofern die Kündigungsmöglichkeit vor Arbeitsantritt im Arbeitsvertrag nicht ausgeschlossen worden ist. Wann die Frist bei vorzeitiger Kündigung beginnt, ist aber nicht gesetzlich festgelegt. Sollte dazu nichts im Arbeitsvertrag stehen und es käme zum Rechtsstreit, würde dieser vor dem Bundesarbeitsgericht geführt werden.

Und sind Ghoster im schlimmsten Fall dann schadenersatzpflichtig?
Ja. Hält sich eine Seite nicht an die Vereinbarungen im Arbeitsvertrag und entsteht dadurch ein nachweisbarer Schaden, könnten Schadenersatzansprüche geltend gemacht werden.

Weiterführende Lektüre:

Mehr Themen für Arbeitgeber, Unternehmer und Führungskräfte finden Sie in unserer Rubrik Firmen & Märkte. Ein Service der Berliner Sparkasse – Finanzpartner für über 87.000 Berliner Mittelständler und Unternehmen in Berlin.

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