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Titel Genderpaygap
Bild: Agentur Jung von Matt/SAGA
Gender-Pay-Gap

Die Illusion vom gleichen Lohn

Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern? Weit gefehlt. Das beweist ein Experiment mit Transgender-Menschen, die sich auf den gleichen Job bewerben. Jeweils als Frau und als Mann.

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ie Menschenrechts-Organisation Terre des Femmes wollte es wissen: Ist die Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern Wirklichkeit oder noch immer ein großes Wunschdenken? Also bat die Organisation drei Transgender-Menschen zu drei Bewerbungsgesprächen zu gehen. Einmal als Mann und einmal als Frau.

Bei dem Experiment war also klar: Die Probanden haben dieselbe Persönlichkeit und dieselben Fähigkeiten. Der einzige unterscheidende Faktor ist ihr Geschlecht. Mit dabei: die Berlinerin Leni. Sie nahm einmal als Anna-Lena und einmal als Leo fürs Gespräch Platz.

Genderpaygap Leo
Bild: Agentur Jung von Matt/SAGA

Ein- und derselbe Mensch – zwei Gehaltsangebote

Das traurige Resultat: Ein Mensch, zwei Gehaltsangebote. So würde „Leo“ im Jahr 27.600 Euro verdienen, während der Arbeitgeber „Anna-Lena“ lediglich 22.800 Euro anbot. Leni war schlichtweg entsetzt über den Verlauf des Experiments: „Es war krass:

Als Mann konnte ich frei erzählen und mich präsentieren. Als Frau wurde ich dauernd unterbrochen. Teilnehmerin Leni

Ich war so wütend und hätte den Personaler am liebsten gleich konfrontiert. Aber das hätte ja das Experiment gesprengt.“

Auch sonst im Berufsleben erlebt sie, dass sie als Frau nicht genügend ernst genommen wird, berichtet sie. Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terres des Femmes stimmt zu: „Das Gender Pay Experiment entlarvt es: Frauen sind noch weit davon entfernt, gleich behandelt zu werden.“

Bei den anderen Testpersonen sah es ähnlich aus. So sollte beispielsweise der Stundenlohn für „Olivia“ 15 Euro sein, für „Oliver“ 21 Euro. Zum Teil waren bei Männern auch Boni im Gespräch, die die Arbeitgeber gegenüber den Frauen gar nicht erst erwähnten. Eine versteckte Kamera hat die Gespräche jeweils mitgefilmt.

Formate: video/youtube

Olivia hat schlechtere Gehaltsaussichten als Oliver

Die Stimmen sind aus Datenschutzgründen verzerrt, das Bild ist verfremdet: Aber die Botschaft kommt trotzdem klar rüber: einem männlichen Kandidaten werden 2.300 Euro Einstiegsgehalt geboten, der Frau, die danach die gleiche Position anstrebt, lediglich 1.900 Euro. Das Experiment der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes bestätigt einen von vielen gehegten Verdacht: Wenn Olivia und Oliver sich mit gleichen Qualifikationen auf die gleiche Stelle bewerben, sind die Verdienstaussichten unterschiedlich – abhängig vom Geschlecht.

Genderpaygap Oliver
Bild: Agentur Jung von Matt/SAGA

Die Ungerechtigkeit lässt sich mit einer Zahl ausdrücken: sechs Prozent. Das ist die Differenz zwischen den Gehältern von Mann und Frau, die als Gender Pay Gap bezeichnet wird. Die vom Statistischen Bundesamt errechnete Zahl zieht schon ab, dass Frauen öfter in schlechter bezahlten Berufen tätig sind und häufiger in Teilzeit arbeiten. Anders gesagt: Selbst wenn man Männer und Frauen mit gleicher Ausbildung, gleicher Wochenarbeitszeit und gleicher Position gegenüberstellt, bekommen Frauen rund sechs Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen.

Die Ungerechtigkeit lässt sich mit einer Zahl ausdrücken: sechs Prozent. Das ist die Differenz zwischen den Gehältern von Mann und Frau, die als Gender Pay Gap bezeichnet wird.

Die öffentliche Meinung ist uneins: Liegt eine Benachteiligung vor, oder ist der Lohnunterschied schlicht darauf zurückzuführen, dass Frauen schlechter verhandeln? So kam beispielsweise eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zum Ergebnis, dass die Summe, die Frauen für sich als gerechten Lohn empfinden, um ein Viertel niedriger lag als das, was Männer für sich als fair angesehen hätten.

Zweifler an der Diskriminierungshypothese bemängeln, dass Vergleiche schwierig sind: Bei Bewerbern, die verschiedene Gehälter für ein und dieselbe Position angeboten bekommen, handele es sich schließlich immer um verschiedene Personen, so dass Unterschiede bei den Lohnangeboten möglicherweise auf eine Vielzahl an Faktoren zurückzuführen seien.

Transgender-Experiment bringt Klarheit

Das Experiment mit Transgender-Personen hat dieses Argument aber nun entlarvt. Verhandeln Frauen zudem um ihren Lohn, werde ihnen das eher verübelt als Männern, kritisiert Christa Stolle. Wenn eine Frau selbstbewusst ihre Interessen vertrete, würde sie als „weniger nett“ wahrgenommen und eher nicht eingestellt. Bei Männern werde es hingegen sogar erwartet, dass sie um ein höheres Gehalt pokern.

Dabei hat der Gesetzgeber seit Beginn dieses Jahres Frauen eine bessere Verhandlungsposition gegeben. Ein Hindernis auf dem Weg zu gleichem Lohn ist nämlich die unzureichende Transparenz der Gehälter, sagt Geschäftsführerin Stolle von Terre des Femmes. In Unternehmen ist meist nicht bekannt, wer wie viel verdient. Oft sind die Beschäftigten zum Schweigen über ihr Einkommen verpflichtet.

Sind Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbarer, so sei zu erwarten, dass Frauen höhere Forderungen stellen, vermutet die Frauenrechtlerin. Seit dem 1. Januar 2018 können Angestellte auf Grundlage des Entgelttransparenzgesetzes Auskünfte über das Entgelt von Kollegen des anderen Geschlechtes verlangen, die in vergleichbarer Position tätig sind.

Hohe Hürden beim Anwenden des Gesetzes

Der Ansatz ist gut: Nur wer weiß, dass er diskriminiert wird, kann aktiv werden. Jedoch ist dieses Gesetz umstritten. Kritiker nennen es „Frauenveräppelungsgesetz“. Es ist nämlich keinesfalls so, dass eine Frau direkt fragen kann, was ihr Kollege, der ihr gegenüber am Schreibtisch sitzt und die gleichen Aufgaben bearbeitet, verdient. Einen Auskunftsanspruch haben nämlich nur Frauen und Männer, die in einem Betrieb mit mindestens 200 Angestellten arbeiten.

Eine weitere Hürde: Es müssen mindestens sechs Vertreter des anderen Geschlechts gefunden werden, die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Aus diesen Gehältern wird dann der Median genommen und mitgeteilt. Damit soll die Anonymität der Beschäftigten gewährleistet werden. Anders gesagt: Bei einer Anfrage erfährt man nicht das Gehalt eines einzelnen Kollegen, sondern den Gehalts-Mittelwert von mindestens sechs Kollegen „mit gleichwertigem Job“. Aber was ist schon gleichwertig?

Für Arbeitgeber werde es leicht sein, sich herauszuwinden, befürchtet Stolle von Terre des Femmes. Die benachteiligte Frau kann sich dann höchstens auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz berufen und eine Klage vor Gericht anstreben.

Was frau gegen den Gender Pay Gap tun kann

Was rät Stolle Frauen, damit sie dann auch tatsächlich das in der Lohntüte haben, was sie verdienen? Frauen müssten auch an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten, rät sie. Sie seien vielfach zu bescheiden, trauten sich oft trotz Top-Ausbildung nicht viel zu. „Hier muss man Frauen pushen!“, fordert die Terre des Femmes Geschäftsführerin. Frauen sollten sich Hilfe holen und an sich arbeiten, zum Beispiel Coachings zu Themen wie „Wie verhandele ich besser?“ oder „Wie stelle ich mich besser dar?“ besuchen. Nützlich sei es auch, sich vor Bewerbungsgesprächen zu informieren, was der gängige Lohn sei. Einige Informationen über die Situation in 425 Berufen liefert die Webseite Lohnspiegel.

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