Frauen in Männerberufen
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Frauen in Männerberufen

„Als Frau bin ich ein Sonderling“

Bäckerin, Malerin, Lackiererin: Immer mehr Frauen erobern Männerdomänen. Wir stellen drei Frauen vor, die sich in der Männerwelt behaupten. Wo Schweißperlen rinnen, frau durchsetzungsfähig sein muss – und auf waghalsigen Karriere-Leitern steht.

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aler, Bäcker, Lackierer sind typische Männerdomänen. Das könnte jedoch schon bald der Vergangenheit angehören. Diese Tendenz sieht das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Laut deren Umfrage hat sich in 80 von 105 untersuchten „Männerberufen“ in den vergangenen zwölf Jahren einiges getan: In den 25 am stärksten besetzten Berufen sind die Frauenanteile gestiegen.

Frauen in Männerberufen
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Bei den Bäckerinnen ist der Frauenanteil sogar so gewachsen, dass der Beruf mittlerweile von der Liste der „typischen Männerberufe“ gestrichen wurde, ähnlich ist es bei den Köchinnen. Von „Männerberufen“ spricht man, wenn der Anteil der Männer im Beruf bei über 80 Prozent liegt. Doch wie ist es für Frauen in einer Männerdomäne zu arbeiten, welche Vor- und Nachteile sehen die Mitarbeiterinnen selbst?

Melanie Horgas, Fliesenlegerin

Eine moderne bodengleiche Dusche fliesen, eine Badewanne mit aufwändigem Mosaik versehen oder eine Küche mit farbigen Akzenten zum Schmuckstück machen: Was Melanie Horgas (38) an ihrem Beruf besonders reizt, ist die Chance aus einem einfachen Raum etwas besonderes zu schaffen. Wenn sie mit ihrer kreativen Arbeit ihre Kunden zufriedenstellt, ist die Fliesenlegerin glücklich.

Melanie Horgas
Melanie Horgas. Bild: privat

„Auch die Abwechslung ist ein großer Pluspunkt“ sagt Melanie. Kein Tag gleicht dem anderen, denn jedes neue Bauvorhaben, jeder neue Kunde bringt neue Herausforderungen mit sich, denen sich Melanie und ihr Team immer wieder aufs Neue stellen. Die Berlinerin musste zunächst einige Hürden meistern. Als sie 2005 ihren Meisterbrief zur Fliesen-, Platten- und Mosaiklegemeisterin macht, ist sie die erste Fliesenlegemeisterin in Berlin-Brandenburg. Heute führt Melanie ihre eigene Firma und ist Chefin von zwölf Mitarbeitern.

„Man muss sehr durchsetzungsfähig sein. Vor allem auf dem Weg bis zum Meisterbrief musste ich mir vieles erkämpfen“, erinnert sie sich. „Doch mittlerweile merke ich, wie sehr meine Arbeit und meine kreative Ader geschätzt werden. Von Kunden höre ich oft, dass sie sich gerade weil ich eine Frau bin für meine Firma entschieden haben. Vor allem Frauen fühlen sich mit ihren Wünschen von einer weiblichen Handwerkerin besser verstanden“ erklärt Melanie. Den Bezug zu diesem Handwerk konnte sie bereits als Kind herstellen: Ihr Vater hatte ebenfalls als Fliesenleger eine eigene Firma und somit war das Handwerk stets präsent.

In einer Männerdomäne entstehen leicht Spannungen, gerade wenn es stressig wird, da kann ich als Frau Balance ins Team bringen. Anja Schneider, Köchin am Grill

Anja Schneider, Köchin

Das Fett spritzt, die Schweißperlen rinnen, Fleischgeruch liegt in der Luft – hier am Grill steht Anja Schneider (23). Die engagierte Berlinerin arbeitet als Köchin im „Herr Ribisel Catering“, die Botschaften, Ministerien, Firmenmeetings aber auch private Geburtstagsfeiern beliefern. Neben der Vorbereitung von gehobenem Finger-Food, Buffets und Süßspeisen gehört das Grillen und Garen von Fleisch und Fisch vor Ort zu ihren Tätigkeiten. Ein Aufgabenbereich, der besonders selten von Frauen besetzt wird. Anja mag die Arbeit am Feuer, auch wenn sie ganz schön schweißtreibend ist.

Anja Schneider
Anja Schneider. Bild: privat

Der Nebenjob in der Gastronomie ebnete Anja bereits in der Schule den Weg zur Kochausbildung. „Es war vor allem der starke Zusammenhalt, der mich mitgerissen und mir meinen Berufswunsch vor Augen geführt hat“, erinnert sich Anja. Was die Köchin an ihrem Beruf besonders reizt, ist das Zusammenspiel in der Küche. „Wenn alle wie ein Uhrwerk perfekt ineinandergreifen und alles reibungslos klappt, ist das Gefühl am Feierabend unglaublich“, erklärt die 23-Jährige ihre Liebe für ihren Beruf. Das strahlende Lächeln macht ihre Begeisterung sichtbar.

Am Anfang saß Anja mit 28 Männern und einer weiteren Frau in der Berufsschulklasse. Keine leichte Aufgabe, sich da als Frau zu behaupten. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Akzeptanz unter Mitschülern und Kollegen größer ist als bei alteingesessenen Küchenchefs der alten Schule. Da hat sich einiges getan“, betont die selbstbewusste Köchin. Einen wesentlichen Anteil an der Atmosphäre innerhalb der Klasse oder des Küchenteams übernehmen Lehrer und Ausbilder, die als Vorbild einiges für die Akzeptanz von Frauen in der Berufsküche beitragen können.

„In einer Männerdomäne entstehen leicht Spannungen, gerade wenn es stressig wird“, weiß Anja, „da kann ich als Frau Balance ins Team bringen.“ Und tatsächlich strahlt Anja eine angenehme Ruhe aus. Genau diese ausgeglichene Art und ihre Liebe im Umgang mit den Zutaten ist es, was ihre Kollegen an der Köchin schätzen.

„Die Kochszene wird immer jünger, die alten Hierarchien im Gegensatz dazu immer flacher. Meiner Meinung nach hat eine Frau heute die gleichen Chancen auf Erfolg in der Küche wie ein Mann“. Und die Entwicklung geht weiter: Immer mehr Frauen werden eingestellt, das merkt Anja auch in ihrem beruflichen Umfeld. Eine reine Männerdomäne sei die Küche laut Anja demnach nicht mehr.

Julia Lochmann, Veranstaltungstechnikerin

Etwas waghalsig steht Julia Lochmann (25) auf der oberen Stufe einer Leiter. Sie ist gerade dabei die Bühne einzuleuchten. Jedes Kabel muss passen, jeder Scheinwerfer am richtigen Ort sein. Bei der Aufführung darf kein Spotlight sein Ziel verfehlen. Als Veranstaltungstechnikerin ist sie bei Konzerten und Theateraufführungen für den Bühnenaufbau, die elektrischen Anlagen für Licht und Ton sowie die Sicherheitstechnik verantwortlich.

Veranstaltungstechnikerin
Julia Lochmann. Bild: privat

Über den Beruf ihres Vaters fand Julia den Weg in eine Männerdomäne, mit Umwegen. Zunächst begann sie ein Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, merkte aber schnell, dass sie sich lieber durch handfeste Arbeit beweisen wollte. Mit ihrem Vater, einem Elektriker-Meister, fuhr Julia als Kind mit zu Baustellen. So wurde das Interesse für Handwerk und insbesondere die Arbeit rund um den Strom früh geweckt. Die Begeisterung für Kunst und Theater und das Interesse für das Handwerk brachte schließlich die logische Konsequenz: eine Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin.

Heute arbeitet Julia als selbständige Veranstaltungstechnikerin tage- oder projektweise für Theater wie das TIPI am Kanzleramt. Auch Künstler buchen die Technikerin. Diese begleitet Julia dann auf Tour und stellt vor Ort sicher, dass die gesamte Technik reibungslos läuft. Sie muss planen, welches Material benötigt wird, sich um Transport und Aufbau kümmern und technische Geräte für die Show programmieren. Während der Veranstaltung sorgt Julia dafür, dass die Technik reibungslos läuft, Sound und Licht mit dem Künstler harmonieren. Wenn die Aufführung zu Ende ist, ist für die 25-Jährige noch lange kein Feierabend. Sie muss sich dann um Abbau und Transport kümmern.

Der körperliche Aspekt der Arbeit war es, der die meisten Hürden mit sich brachte: „Viele männliche Kollegen meinten, mir eine Sonderbehandlung geben zu müssen. Das habe ich in einem Teammeeting direkt angesprochen. Ich will behandelt werden, wie jeder andere auch. Wenn ich Hilfe brauche, dann frage ich“, stellt Julia klar und weiter: „Als Frau bin ich ein Sonderling in der Branche. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass ich benachteiligt werde.“

Manchmal allerdings merkt die Veranstaltungstechnikerin, dass sie nicht ganz ernst genommen wird. Doch davon lässt sie sich nicht unterkriegen: „Ich nutze diese Vorurteile und beweise mit harter Arbeit das Gegenteil.“ Was Julia an ihrem Beruf neben dem technischen Know-how und dem körperlichen Anspruch besonders gefällt, ist die Kreativität. Die Stimmung der Shows und Songs lassen sich mit technischen Möglichkeiten ganz unterschiedlich unterstützen. „Die Künstler besprechen mit mir ihre Vorstellungen und ich helfe ihnen, ihre Show perfekt umzusetzen,“ sagt Julia.

Aus ihrem persönlichen Umfeld erntet sie oft Bewunderung für ihr vermeintliches Durchhaltevermögen. Julia sieht das anders: Für sie war es die beste Entscheidung und der richtige Beruf, in dem sie vollständig aufgehen kann.

Frauen in Männerdomänen:

Mehrere Initiativen helfen dabei, Frauen im Handwerk und männerdominierten Berufen zu unterstützen. Die Handwerkskammer Berlin organisiert regelmäßig Netzwerktreffen für Frauen aus dem Berliner Handwerk und Workshops zur Frauenförderung.

Das Projekt „Frauen stärken das Handwerk“ ist eine Kooperation der k.o.s GmbH mit dem Landesverband Berlin Unternehmerfrauen im Handwerk e.V. Qualifizierungsangebote für Handwerkerinnen und Beratungsangebote für Berliner Handwerksbetriebe sollen Frauen im Handwerk fördern.

https://www.hwk-berlin.de
http://starkes-handwerk-berlin.de

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