Titel Fiese Jobs
Bild: Moritz Schmid
Fiese Jobs

„In meinem Beruf werde ich gehasst“

Freizeitsportler an die Grenzen treiben, gestresste Passanten zum Spenden überreden oder Partygänger vor der Tür abweisen: Wer solch einen Berufsalltag hat, muss mit Anfeindungen rechnen. Fünf Angestellte berichten, wie es sich arbeitet, wenn man für seinen Job gehasst wird – und was jeder daraus lernen kann. Als Schutz für ihre offenen Worte nennen wir sie im Folgenden nur beim Vornamen.

1) Türsteherin: „Heute nicht“

Virginia (20) ist durchtrainiert, das sieht man trotz der Schutzweste, die sie oft im Berufsalltag trägt. Bei großen Events – Karneval der Kulturen, Konzerte oder Volksfeste wie das Berliner Oktoberfest – sorgt sie als Sicherheitskraft für Ordnung. Wer aggressiv oder zu betrunken ist, kommt nicht hinein. Nicht jeder reagiert mit Verständnis.

„Es ist nicht immer leicht, die Kontenance zu waren. Mit zunehmender Erfahrung lernt man aber Ruhe zu bewahren.“ Virginia, Türsteherin
Sicherheits-mitarbeiterin
„Du kommst hier nicht rein“, Türsteher und Sicherheits-Mitarbeiterinnen sind nicht gerade beliebt. Bild: Shutterstock

Für Virginia ist es wichtig, deeskalierend zu agieren, sich nicht provozieren zu lassen. Mit zunehmender Erfahrung lerne man aber Ruhe zu bewahren. Muss sie auch: Sie arbeitet dort, wo nicht selten Alkohol und Drogen im Spiel sind und die Zündschnur bei vielen entsprechend kurz ist.

Wenn jemand gewalttätig wird, kommt der passionierten Boxerin ihre jahrelange Kampfsporterfahrung zugute. Der Kampfsport war es auch, der die junge Frau in die Sicherheitsbranche brachte. Beim Training lernte sie viele Sicherheitsmitarbeiter kennen und das Interesse an diesem Berufsfeld war geweckt. „Ich wollte mich für die Sicherheit einsetzen und etwas gegen Hass und Gewalt tun“, erklärt sie ihre Berufswahl.

Nach einer Prüfung bei der IHK arbeitet die 20-Jährige mittlerweile seit drei Jahren im Sicherheitsbereich. Besonders gefällt ihr die Arbeit im Team, in dem der Zusammenhalt sehr groß ist und sich jeder aufeinander verlassen kann.

2) Promoter: „Haben Sie einen kurzen Moment Zeit?“

Sie stehen vor der U-Bahn-Haltestelle, am Ku’damm oder am Alexanderplatz: Junge Menschen in leuchtend bunten Jacken, die mit einem breiten Lächeln und motivierten „Hallo“ auf Passanten zusteuern. Das Ziel: Unterschriften sammeln, Spenden-Mitgliedschaften abschließen oder Zeitungsabos verkaufen. Viele Passanten wiegeln ab, manche rollen mit den Augen, etliche eilen wortlos weiter.

Martin (25) arbeitet seit einem Jahr als Promoter für eine große Stiftung, die sich für Umweltschutz einsetzt. Es war sein Interesse am Umweltschutz, das Martin dazu brachte, sich zu bewerben. Seit einem guten Jahr akquiriert er nun dreimal die Woche Spenden.

„Ist man selbst gestresst, dann färbt das auf die Menschen ab und diese fühlen sich in die Ecke gedrängt. So wird das nichts. Ein positives Auftreten ist das Wichtigste!“ Martin, Straßen-Promoter

Auf Missstände aufmerksam machen und sich für eine gute Sache einsetzen, das ist es, was Martin antreibt. „Klar gibt es auch negative Begegnungen“, sagt er. Immer wieder würde es vorkommen, dass Leute fluchen, schimpfen und aggressiv reagieren.

Promoter
„Hätten Sie eine Minute Zeit für den Tierschutz?“ Auch er bringt Menschen zum Davonlaufen: der Straßen-Promoter. Bild: Shutterstock

Wenn das passiert, nimmt er sich eine kurze Auszeit oder sucht das Gespräch mit den Kollegen. „Ich glaube, dass es auf die innere Einstellung ankommt“, sagt der Promoter und schiebt hinterher: „Ist man selbst gestresst, dann färbt das auf die Menschen ab und diese fühlen sich in die Ecke gedrängt. So wird das nichts. Eine positives Auftreten ist das Wichtigste!“

So sieht er auch die deutlichen Vorteile seines Nebenjobs überwiegen: Er ist viel draußen, besonders im Sommer, und trifft auf viele unterschiedliche Menschen. Immer wieder ergeben sich dabei interessante Gespräche und Begegnungen.

3) Politesse: Quote fürs Knöllchen?

Politessen, die nach Quote bezahlt werden, sich über verteilte Knöllchen freuen und es genießen, am längeren Hebel zu sitzen: „Alles Quatsch“, sagt Politesse Petra (44), die seit 17 Jahren als Mitarbeiterin in der Parkraumbewirtschaftung beim Ordnungsamt Mitte arbeitet. Ihrer Meinung nach wird der Berufsalltag einer Politesse in den Medien übertrieben dargestellt. „Da ist vieles gestellt“, kritisiert sie. In ihrer Berufslaufbahn hatte sie kaum negative Begegnungen: „In 17 Jahren ist nur einmal jemand handgreiflich geworden und der Mann hat sich am Ende sogar entschuldigt.“

Politessen
Wenn sie an den Scheibenwischer fasst, vergisst so mancher seine Manieren: die Politesse. Bild: Shutterstock

Es war eine befreundete Politesse, die Petra damals zu diesem Beruf brachte. Bereut hat sie es nicht. Ihr gefällt es, draußen zu sein und jeden Tag neue Dinge zu erleben. Auch sie ist sich sicher: „Es kommt darauf an, wie man seinen Mitmenschen begegnet.“ Wer ruhig bleibt und geduldig die Sachlage erklärt, statt gereizt zu reagieren, stößt in den meisten Fallen auf verständige Mitmenschen. Ein dickes Fell und Durchsetzungsvermögen sind dennoch unabdingbar, um sich behaupten zu können. „Beschimpfungen oder Provokationen lässt man nicht an sich heran. Zum Glück überwiegen aber die netten Gespräche mit Passanten.“

4) Bootcamp-Trainer: „Und noch einmal“

Der deutsch-türkische Schauspieler und passionierte Sportler Tamer Trasoglu (35) ist Trainer und Markenbotschafter von JOHN’S BOOTCAMP. Mit seinem Trainingskonzept motiviert er Menschen zu Höchstleistungen und bringt sie dazu, ihre Grenzen zu überwinden. Damit zwingt er quasi seine Teilnehmer in die Knie, bringt sie zum Schwitzen – und nicht selten zum (Ver-)Fluchen.

Drill Inspector
Der einzige, der sich mit richtigem Namen zititeren und mit Bild ablichten lässt: Drill-Instructor Tamer Trasoglu. Bild: Moritz Schmid

Durch die langjährige Erfahrung im Kampfsport war die Fitnessbranche immer auch ein berufliches Ziel neben dem Schauspielern. Als er mitbekam, dass JOHN REED die neue Marke JOHN’S BOOTCAMP konzipierte, nahm Tamer Kontakt mit den Betreibern auf und fragte, ob sie noch einen „JOHN“ für das Bootcamp suchen. „Und voilà: Dieser bin ich jetzt“, freut sich der fitnessbegeisterte Schauspieler.

Das 60-minütige Bootcamp ist eine Kombination aus Kraft- und Intervalltraining, bei dem die Teilnehmer bis zu 1.000 Kalorien verbrennen. „Ich motiviere jeden Tag Menschen zu Höchstleistungen“, sagt der Trainer. „Dabei erlebe ich jede Art von Emotion direkt mit, wenn alle ihre persönliche Fassade fallen lassen.“

Trasoglu weiß damit umzugehen: „Ich bin der Meinung, dass Konflikte und negative Gefühle einfach dazu gehören. Ich helfe aber dabei, die negativen Gefühle in positive umzuwandeln, indem ich sie zum Weitermachen animiere. Es ist wichtig, dass man nicht aufhört, wenn Körper und Kopf ‘Stopp’ sagen.“ Die negative Stimmung sei ein Teil des Weges, um Glücksgefühle und Erfolge zu feiern. Persönlich nehme er das nicht.

5) Kontrolleurin: „Die Fahrscheine, bitte!“

Fahrkarten-Kontrolleure, die sich vor Gericht verantworten müssen, weil sie Touristen abgezockt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt haben, angebliche Fangprämien und gar rassistisch motivierte Kontrollen: Die Kontrolleure in den Berliner U- und S-Bahnen machen in den Medien oftmals keine gute Figur. Umgekehrt geht es aber ähnlich zu: Immer wieder wird von Fahrgästen berichtet, die Kontrolleure anpöbeln, bedrohen oder gewaltsam attackieren.

Das Verhältnis der Berliner zu den „Kontrolettis“ ist offensichtlich schwierig. Doch wie fühlen sich die Kontrolleure, die sich tagtäglich mit Hass konfrontiert sehen? Auf Nachfrage bei BVG, Berliner S-Bahn, Deutsche Bahn oder den Dienstleistern wie WISAG und Gewerkschaften kam stets die gleiche Antwort: „Leider können wir Ihnen bei Ihrem Anliegen nicht helfen.“ Die Ticketprüfer, die während der Arbeit um Antworten gebeten werden, blocken sofort ab. „Nein, das geht nicht.“ Die einzige Person, die Antworten zu ihrem Tagesablauf als Fahrkartenprüferin gibt, ist eine Mitarbeiterin eines privaten Eisenbahnunternehmens.

Fahrkartenkontrolleur
„Die Fahrscheine bitte!“: Auch Kontrolleure werden meistens gefürchtet. Bild: Shutterstock

Die 53-jährige Ingrid arbeitet seit zwei Jahren als Kontrolleurin. Davor war sie mehr als 20 Jahre Frisörin. Als der Laden schließt, bewirbt sie sich bei ihrem jetzigen Arbeitgeber. „In den zwei Jahren kam es zu keiner gefährlichen Situation. Toi, toi, toi“, sagt Ingrid. Zwar gäbe es immer wieder Diskussionen und uneinsichtige Fahrgäste, doch handgreiflich oder aggressiv wurde bisher noch keiner. „Vielleicht geht es männlichen Kontrolleuren da anders“, mutmaßt sie.

Falls eine Situation aus dem Ruder zu laufen droht, holt die Kontrolleurin zunächst den Lokführer zu Hilfe. Wenn das nichts bringt, wird die Bundespolizei gerufen. „Es gibt bestimmte Tageszeiten, die mehr Potential für Probleme haben“, weiß sie. Abends, vor allem am Wochenende, wenn der Alkoholpegel steigt, dann sind auch die Fahrgäste schwieriger. „Doch bis jetzt konnte ich mich gut durchsetzen. Ich hoffe, dass das so bleibt“, wünscht sich die 53-Jährige, damit sie den Job auch bis zur Rente weiterhin so gerne macht. Was sie an ihrem Berufsalltag am meisten schätzt, ist die Abwechslung. „Ich genieße es, herumzukommen. Das Unterwegssein macht mir Spaß.“

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