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Bild: Shutterstock
Fünf Tipps

Erste Hilfe für Emotionen

Ob ein Misserfolg, eine Zurückweisung oder mangelndes Selbstwertgefühl: Genau wie bei körperlichen Kratzern gibt es auch für seelische Verletzungen das „passende Pflaster“. Fünf Heilmittel für emotionale Wunden im Arbeitsalltag.

W

arum kümmern wir uns um unsere seelische Gesundheit viel weniger als um unsere körperliche?, fragt sich der New Yorker Psychotherapeut Guy Winch. Wenn jemand ein gebrochenes Bein hat, wird dieses gegipst – wenn jemand ein gebrochenes Herz hat, heißt es: Ach, das vergeht mit der Zeit. So ist sein Ratgeber „Emotionale Hilfe“ entstanden. Denn auch für emotionale Wunden gibt es das passende „Pflaster“, meint Winch. Wir haben es für den Berufsalltag angewendet.

1. Verletzung: Zurückweisung

Mittagszeit im Büro. Die beiden Schreibtisch-Nachbarn verabreden sich vor Ihnen zum Mittagessen – doch Sie werden nicht gefragt. Das Gefühl der Zurückweisung keimt in Ihnen hoch. Verständlich. Es schmerzt noch stärker als Enttäuschungen oder Frustrationen, sagt Guy Winch. Er sieht die Erklärung in unseren Genen: Wer in der Steinzeit von der Sippe abgelehnt wurde, verlor den Zugang zu Nahrung, Schutz und Sexualpartnern. „Ausgegrenzt zu werden, kam einem Todesurteil gleich.“ Gehirnscans belegen gar, dass im Fall einer Zurückweisung dieselben Areale aktiviert werden wie bei körperlichen Schmerzen. Zurückweisung erleben wir ebenfalls bei: Kündigungen, Mobbing oder schlechter Behandlung durch Vorgesetzte.

Zurueckweisung
Bei Zurückweisungen werden archaische Ängste in uns aktiviert. Bild: Shutterstock / Dooder

Das emotionale Pflaster : Menschen neigen dazu, eine Zurückweisung auf sich zu beziehen, aber die Rahmenbedingungen auszublenden. Statt sich selbst zu streng zu kritisieren und damit klein zu machen, sollten Sie aber den Fokus auf die Umstände legen: Die Kollegen wollen vielleicht etwas sehr Privates besprechen, die Kündigung erfolgt betriebsbedingt. Es liegt also nicht immer an Ihnen, sondern oft an äußeren Faktoren. Das gilt bei Zurückweisungen am Arbeitsplatz wie beim Dating. Fürs Ego hilft eine Positivliste mit Ihren guten Eigenschaften. Einfach mal mit Freunden hinsetzen, aufsetzen – und als Motivationsschub an den Spiegel hängen.

2. Verletzung: Verlust

Ihr wichtigster Kunde ruft an. Druckst am Telefon herum und kommt dann zum Punkt: Man müsse Ihnen den Auftrag entziehen, jemand anderes sei günstiger. Sie wissen schon. Einsparungen.

Vedrlust
Das Positive im Verlust erkennen, ist die Lösung. Bild: Shutterstock / Dooder

Das emotionale Pflaster : Viele Menschen reagieren hier mit Wut oder Starre – und kommen aus dieser Negativ-Spirale schwer wieder raus. Wenn etwas Zeit verstrichen ist, lassen sich aber in einem Verlust auch positive Aspekte finden, sagt Guy Winch: Diese Haltung sei wichtig, um dem Ereignis einen Sinn zuzuschreiben – „und unser Leben voranbringen zu können“. So verrückt es klingt: Selbst aus den tragischsten Ereignissen können Menschen einen persönlichen Gewinn ziehen, daran reifen und genesen. Dabei helfen laut Winch folgende Sätze: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass solche Ereignisse mich dahin bringen, dass…“, „Das Erreichte wurde möglich, weil ich meine Prioritäten geändert habe, wie etwa…“ Psychologen sprechen hier vom Reframing oder Perspektivwechsel.

3. Verletzung: Misserfolge

Das Arbeitsleben ist voller Fehlschläge. Guy Winch vergleicht Misserfolge mit einer Bronchitis: Sie wirft uns für eine gewisse Zeit aus der Bahn – aber mit viel Ruhe, Tee und Medizin päppeln wir uns wieder hoch. Warum nicht also ähnlich mit Misserfolgen umgehen? Stattdessen lassen sich viele Menschen aber von Misserfolgen lähmen, entmutigen und ziehen sich zurück. Sie fühlen sich klein, beschimpfen sich als Versager. Bei solch „schädlichen Gedanken“ wird aus der Bronchitis eine heikle Lungenentzündung, die das Selbstwertgefühl massiv beschädigt, warnt Winch.

Misserfolg
Misserfolge rechtzeitig behandeln. Bild: Shutterstock / Dooder

Das emotionale Pflaster : Statt in der Passivität zu verharren („hat ja alles doch keinen Zweck“), sollten Sie aktiv werden. Analysieren Sie die Ursachen Ihres Scheiterns! Haben sich bereits in der Planung gravierende Fehler eingeschlichen? Was könnten Sie beim nächsten Mal besser machen? Und welche positiven Lehren können Sie aus dem Misserfolg ziehen? Getreu der Redewendung: „Never a failure, always a lesson“ („Es gibt keine Fehler, nur Lektionen“), die übrigens die Sängerin Rihanna als Tattoo auf der Schulter trägt. Also: Perspektivwechsel aufs Positive – und Konzentration auf Faktoren, die Sie aktiv beeinflussen können. Wissenschaftler halten diese Strategie übrigens für den effektivsten Umgang mit Misserfolgen.

4. Verletzung: Grübeln

Sie wälzen sich nachts im Bett, können nicht einschlafen, gehen zum x-ten Mal das verpatzte Meeting durch: Wie der Chef Sie vor versammelter Mannschaft angeschrien hat, wie die Kollegen prusteten. Willkommen im „Teufelskreis des Grübelns“. Es ist normal, über aufwühlende Situationen nachzudenken, doch wenn sich dies über Wochen, Monate oder gar Jahre erstreckt, verhindert das die „Wundheilung“. Guy Winch nennt das „am emotionalen Schorf kratzen“. Dieses Verhalten sorgt weder für ein neues Verständnis, noch lässt er die emotionale Verletzung abheilen. Stattdessen führt es zu noch mehr Traurigkeit, verlängert unsere Wut und belastet sogar unsere Freundschaften, wenn wir die vergeigte Konferenz immer wieder auf den Tisch bringen.

Zweifel
Bei ständigen Zweifeln aus der Grübel-Spirale treten. Bild: Shutterstock / Dooder

Das emotionale Pflaster : Den Grübelkreislauf durchbrechen: Verlassen Sie die Ich-Perspektive und betrachten das Meeting einmal wie ein Außenstehender, quasi „von oben“. Das schafft Distanz. Zweitens: Lenken Sie sich ab. Grübel-Gedanken lassen sich wissenschaftlich erwiesen nicht unterdrücken („Denken Sie jetzt nicht an einen blauen Elefanten“), aber durch Ablenkung entkräften: Sport, Geselligkeit, Hausarbeit, Computerspiele. Drittens: Zorn nicht ablassen, sondern umdeuten. In der neueren Psychotherapie weicht man davon ab, Patienten mit einem Schaumstoff-Schläger auf Gegenstände schlagen zu lassen. Das verstärkt nämlich den Zorn! Wer aber Zorn in Positives umdeutet, kann diesen überwinden. Zum Beispiel, indem Sie Sticheleien von Kollegen als Ansporn nehmen oder versuchen, die positive Absicht in der Brüllerei des Chefs zu finden.

5. Verletzung: Mangelndes Selbstwertgefühl

Ein starkes Selbstbewusstsein ist wie ein gutes Abwehrsystem: Es macht immun gegen die täglichen kleinen Kämpfe im Arbeitsleben. Beispielsweise schlecht gelaunte Kunden, abweisende Chefs oder schwierige Kollegen. Hierzu empfehlen wir übrigens unsere Rubrik „Nervige Bürokollegen“ .

Fragezeichen
Mangelndes Selbstwertgefühl ist ähnlich gefährlich wie ein schwaches Immunsystem. Bild: Shutterstock / Dooder

Das emotionale Pflaster : Wie aber stärken wir unser seelisches Immunsystem? Indem wir unsere selbstkritischen, strengen Stimmen im Kopf den Sound abdrehen und mit mehr Mitgefühl zu uns selbst sprechen, sagt Guy Winch. Indem wir uns auf unsere Stärken fokussieren und diese weiter ausbauen. Wer von seinem Chef angebrüllt wurde, mag sich vielleicht erinnern, dass er ein wundervoller Vater ist. Wer gute Ergebnisse in seinen Stärken erzielt, zum Beispiel eine hervorragende Projekt-Koordinatorin ist, erlangt auf Dauer mehr Selbstsicherheit. Das wiederum führt zu gelingenden Beziehungen und am Ende zu einem glücklichen Leben – die wohl wesentlichste Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl, wie Guy Winch bilanziert.

Dieses Buch legen wir Ihnen wärmstens ans Herz:

Guy Winch – “Emotionale Erste Hilfe , wie wir mit seeli­schen Ver­wun­dun­gen im All­tag um­gehen können”, Jungfermann, 16,90 Euro

Erleben Sie Guy Winch im Video : in der US-amerikanischen Vor­trags­reihe TED-Talk, Emotio­nale Erste Hilfe für alle . Der Vor­trag ist mit deut­schen Unter­titeln.

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