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Digitalisierung der Arbeit

Die Micro-Jobber – mit Crowdworking Geld dazu verdienen

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt nachhaltig: Als Crowdworker kann heute jeder im Internet Geld kleine Geldbeträge verdienen. Wie sich das läppert, was Gewerkschaften fordern und wo die Gefahren sind.

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evor Daniel (28) zur Uni fährt, sucht er im Internet nach „Micro-Tasks“. Das sind kleine, schnell zu erledigende Jobs. Meist kategorisiert er Bücher oder beschreibt Bilder, beispielsweise die Lampe für ein Online-Möbelhaus. So verdient der Lehramts-Studierende, der seinen vollständigen Namen nicht im Netz lesen möchte, regelmäßig kleine Geldbeträge am eigenen Laptop.

Für wen er arbeitet, weiß der Daniel in der Regel nicht. Die kleinen Jobs findet er auf der Crowdsourcing-Plattform Clickworker . Crowdsourcing bezeichnet das Auslagern aufwendiger Projekte von Unternehmen an die Internetgemeinde. Plattformen wie Clickworker fungieren als Vermittler: Sie zerlegen die Projekte in Micro-Tasks und vergeben diese an Crowdworker wie Daniel. Im Anschluss fügen sie die einzelnen Puzzleteile zusammen und übergeben dem Auftraggeber das fertige Projekt.

Zeit- und ortsunabhängig arbeiten

Ines Maione
Zwei Cent bis 25 Euro gibt es für einen Micro-Job, so Ines Maione von „Clickworker“. Bild: Promo

Crowdworker beschreiben Lampen fürs Online-Möbelhaus, testen Apps auf Funktionalität oder recherchieren Adressdaten im Internet für große Portale. Bei Clickworker werden auch Audiodateien transkribiert, Daniel hat zuletzt sogar Sprachaufnahmen für Navigationsgeräte gemacht. Insgesamt erledigen die Crowdworker auf der Plattform monatlich etwa eine Million Micro-Tasks – „von der Verschlagwortung eines Bildes für zwei Cent bis hin zum Verfassen eines kurzen Textes für 25 Euro“ erklärt Ines Maione. Die Marketing Managerin von Clickworker schätzt, dass 10 bis 15 Prozent der 730.000 aktiven Accounts dauerhafte Nutzer sind.

Für Kreative, insbesondere Designer, gibt es spezielle Plattformen mit einem anderen Geschäftsmodell. Ein Beispiel ist jovoto : Hier können Unternehmen ihre Ausschreibungen veröffentlichen. Jeder Crowdworker kann nun je nach Aufgabenstellung Logos, Designs oder komplette Kommunikationskonzepte entwerfen. Allerdings werden nur die Arbeiten prämiert, die vom Auftraggeber und von der Crowd am besten bewertet werden.

Der größte Vorteil des virtuellen Arbeitsplatzes ist die zeit- und ortsunabhängige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Daniel schaut in längeren Uni-Pausen oder abends weiter nach freien Aufträgen. „Besonders nachmittags ist aber oft nichts für mich zu tun“, bedauert er. Aktuell bessert er seine Haushaltskasse mit 70 bis 120 Euro pro Monat auf.

Adressen für Crowdworker

I) Plattformen für Micro-Jobs
Clickworker & CrowdGuru :
Kategorisierung, Texte, Recherche
Testbirds : Testen von Apps und Webseiten

II) Ausschreibungs-Plattformen
jovoto : diverse Kreativ-Leistungen
99 Designs : Design-Entwicklung

III) Bewertungs- und Vergleichs-Portal der IG Metall
faircrowdwork.org

Nicht als Vollzeitjob geeignet

Während die meisten Nutzer bis zu 50 Euro verdienen, könnte sich Daniel das Mikro-Jobbing bei besserer Auftragslage auch als alleinigen Nebenjob zum Studium vorstellen. Ines Maione rät allerdings davon ab, sich auf eine regelmäßige Einnahmequelle zu verlassen: „Niemand sollte fürs Crowdworking seinen Job kündigen. Wir wollen unseren Nutzern vielmehr die Möglichkeit geben, ihr Taschengeld aufzubessern“, sagt sie.

Unternehmen profitieren beim Crowdsourcing von der Kreativität und dem Wissenspool der Internetgemeinde. Zudem ist die Lösung meist kostensparend.

Gewerkschaften schauen genau hin

Doch es gibt auch Nachteile: „Die Plattformen haben zu viel Macht, die Bezahlung für die geistige Akkordarbeit ist meist schlecht. Bei den Ausschreibungen arbeiten die meisten Kreativen umsonst, wenn sie nicht gewinnen“, kritisiert der Journalist Florian Alexander Schmidt (37). Er hat sich in seiner Doktorarbeit mit dem Phänomen Crowdworking beschäftigt und fürchtet, dass Crowdworking langfristig volle, besser bezahlte Arbeitsplätze verdrängt.

Im vergangenen Jahr hat er bei der IG Metall das Bewertungs-Portals Faircrowdwork.org mit aufgebaut. Darauf geben Arbeitsrecht-Experten Einschätzungen zu den Anbietern ab, Nutzer können ebenfalls ihre Bewertungen abgeben.

Crowdworking unterwegs

Die sogenannte „ Mobile Work­force “ bilden Crowd­worker, die in der Stadt Micro-Jobs erledigen. Diese be­ste­hen in der Regel darin, mit einigen Fotos Promo-Aktio­nen oder Ver­kehrs­situ­atio­nen zu doku­mentie­ren. Wer sich beim Spazier­gang oder Ein­kauf mal eben 1 bis 2 Euro verdie­nen möchte, kann Apps wie APPJobber oder
Streetspotr instal­lieren und loslegen.

Verhaltenskodex von Crowdsourcing-Anbietern

Die Gewerkschaft möchte aber nicht nur aufklären, sondern auch die Bedingungen für Crowdworker verbessern. Im Juli 2015 haben drei führende Crowdsourcing-Anbieter, darunter Clickworker, einen Verhaltenskodex erarbeitet und unterzeichnet – ein Ergebnis des Dialogs der Gewerkschaft mit den Plattformen. Der „Code of Conduct“ beinhaltet Grundsätze zu Datenschutz, klaren Aufgabendefinitionen, transparenter Kommunikation und fairer Bezahlung.

„Die unterzeichnenden Unternehmen tun etwas für die Branche“, begrüßt Robert Fuß von der IG Metall diesen Schritt. Alle Beteiligten müssten aber ihre Kenntnisse in diesem neuen, komplexen Arbeitsfeld noch steigern. Hier sei auch die Politik gefragt: „Langfristig muss vor allem eine Lösung zur sozialen Absicherung der Crowdworker gefunden werden“, fordert Robert Fuß. Da Crowdworker keine Angestellten sind, bezahlen weder die Unternehmen noch die Plattform Beiträge.

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, hat kürzlich zwei Vorschläge zur Absicherung der derzeit als Selbständigen gezählten Crowdworker gemacht: Die Öffnung der gesetzliche Rentenversicherung für kleine Selbständige und die Schaffung eines eigenen Versorgungswerks nach dem Vorbild der Künstlersozial­versicherung. Mit den richtigen Rahmenbedingungen könnte das Arbeitsmodell Crowdworking besonders für diejenigen noch interessanter werden, die flexibel und bequem etwas hinzuverdienen möchten – vorrangig Studenten, Erwerbslose, Hausfrauen oder Renter.

Vom Bonus zur Alternative?

Ob das Crowdworking auch eine Alternative zum Nebenjob oder gar einer Vollzeitstelle wird, ist derzeit schwer abzuschätzen. Unabhängig davon muss jedem Crowdworker bewusst sein, dass der Stundenlohn bei der ergebnisorientierten Bezahlung vom eigenen Tempo abhängt. Daniel verzichtet deshalb prinzipiell darauf, Bilder aus dem Bereich Mode zu beschreiben. „Das ist nicht mein Bereich. Da kostet der Strom am Ende mehr, als ich verdiene“, sagt er mit einem Lachen.

Buchtipp

Wissen­schaft­ler, Politi­ker, Akti­visten, Gewerk­schaf­ter und Juris­ten haben Bei­träge für diese Buch gelie­fert. Die Samm­lung gibt einen guten Über­blick über die tech­ni­schen, ethi­schen und ar­beits­poli­tischen Aspekten von Crowd­sourcing.

Crowdwork – zurück in die Zukunft?
(Perspektiven digitaler Arbeit)
Hrsg: Christiane Benner
(Vorstand IG Metall)
Bund-Verlag, 29,90€

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